Toms ganz besondere Kaffee-Erinnerung: Kalami und das Weiße Haus der Durrells

Fünf Jahre Coffeenewstom – fünf ganz besondere Kaffeemomente! 2021 zeigte sich, dass ich aus der Kardaki-Quelle getrunken haben muss: Korfu ließ mich nicht mehr los. Bei meinem zweiten Besuch auf der Insel folgte ich den Spuren eines literarischen Vorbild von mir – Lawrence Durrell…

„29.04.1937. Es ist April, und wir haben das Haus eines alten Fischers in Kalami, im äußersten Norden der Insel, gemietet. Zehn Seemeilen und ungefähr dreißig Kilometer auf dem Landweg von der Stadt entfernt, hat es den ganzen Zauber völliger Abgeschiedenheit. Ein weißes Haus, wie ein Würfel auf den Felsen gesetzt, den die Narben von Wind und Wasser ehrwürdig machen. Der Berg dahinter steigt so steil an, daß sich die Zypressen und Oliven in den Raum hereinneigen, in dem ich sitze und schreibe. Wir sind hier auf einem Vorgebirge ausgesetzt, auf einer reinen, schönen Oberfläche aus metamorphen Gestein, das mit Oliven und Steinchen besetzt ist und die Form eines mons pubis hat. Das ist unser Heim geworden, in dem wir uns wohlfühlen. Eine Welt. Korfu.“

Wer den direkten Weg nehmen will, der fährt direkt von Gimari aus. Rechts neben der ockerfarbenen Kirche direkt an der Kurve stürzt sich die kleine Straße halsbrecherisch den Hang hinunter. Erst zwischen den grauen Wänden der Häuser, dann zwischen Zypressen und Olivenbäumen. Kann man das fahren? Das zumindest schienen sich die zwei Touristinnen in dem kleinen, weißen Mietwagen vor mir gefragt habe. Sie fahren rechts ran und halten an. So komme ich an ihnen vorbei.

Weiter geht es in immer wilderen Drehungen und Serpentinen nach unten. Kurz über dem Meer wird die Straße breiter und führt nun sanfter in den Ort hinein. Das erste Haus auf der rechten Seite ist es auch gleich: das berühmte Weiße Haus der Durrells. Lawrence Durrell, der älteste Sohn der Familie, war erst die Vorhut, als er mit seiner Frau Nancy auf die Insel zog. Der Vater war britischer Ingenieur in Indien, wo auch seine Kinder zur Welt kamen. Nach dem Tod des Vaters 1928 ging die Familie Durrell zurück nach England, das Lawrence zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau 1935 als erster wieder verlies.

1937 kam die restliche Familie nach: Mutter Louisa Florence Durrell mit den drei Kindern Leslie, Margaret und Gerald. Während ihres dreijährigen Aufenthalts auf der Insel freundeten sich die Durrells mit den Einheimischen an und prägten die Erinnerungen der Älteren, die sie getroffen haben und noch heute leben. Die Durrells liebten die Insel und die Menschen und wurden von den Einheimischen geliebt. Lawrence und Gerald schrieben später Bücher über Korfu, das sie als ihr Paradies betrachteten. „Schwarze Oliven – Korfu, Insel der Phäaken“ stammt vom älteren Bruder Lawrence, die berühmte „Korfu-Trilogie“ („Meine Familie und anderes Getier“, „Vögel, Viecher und Verwandte“ und „Der Garten der Götter“) stammt von Gerald, dem jüngsten der vier Kinder.

Der aufziehende Zweite Weltkrieg machte dem Paradies ein Ende. Lawrence kehrte erst Jahre später mit dem britischen Corps nach Griechenland zurück: er half auf der Insel Rhodos die Verwaltung zur reorganisieren. Später lebte er auf Zypern, bis er – Ironie der Geschichte – wieder vertrieben wurde. Diesmal allerdings von den aufständischen Zyprioten. Auch Gerald zog es in die Welt. Als Tierfänger und später sehr berühmter Zoologe verschlug es ihn unter anderem nach Kamerun, Guyana, Argentinien, Paraguay, Sierra Leone, Mexiko, Mauritius und Madagaskar. Später widmete er sein Leben dem Erhalt der Artenvielfalt.

Kalami ist längst kein kleiner Fischerort mehr. Rund um die Bucht verkeilen sich Hotels in den steilen Hang. Doch scheint die Zahl der Besucher hier eher gering, vor allem verglichen mit den touristischen Hochburgen im Süden und im Nordwesten der Insel. Das weiße Haus selbst ist heute ein hochpreisiges Restaurant, dessen Obergeschoss auch gemietet werden kann. Auch andere Häuser in Kalami sollen von Zeit zu Zeit von Durrells oder deren Besuchern – wie Henry Miller zum Beispiel – bewohnt worden sein. Ein im Reiseführer erwähntes Durrell-Museum war geschlossen, verschollen oder ein Mythos; so ganz ließ sich das selbst vor Ort nicht klären.

Ob das gastronomische Konzept des Weißen Hauses dem Geist der Durrells entspricht, bezweifle ich. Trotz des Mottos „Dine like the Durrells“ und der leicht zu widerlegenden Behauptung „Est. 1935“. Lawrence Durrell war kein Koch. Und „durchgehend bewirtschaftet“ wurde dieses Haus auch nicht. Der Stern und ein 2020 verliehener Preis für moderne, griechische Küche mögen verdient sein, die Preise, die etwa beim Dreifachen der ortsüblichen Tavernenpreise liegen, sprechen eine eigene Sprache.

So kommt es, dass hier in der Hauptsache reiche britische Touristen verkehren. Und man gewinnt den Eindruck, dass es hier unter anderem aber vielleicht doch vor allem darum geht, unter sich zu sein. Und zu bleiben. Ein paar überteuerte Vorspeisen, ein Weinchen auf der Terrasse oder am Meer, von dem man von Zeit zu Zeit nippen kann. Als durchreisender Tourist, der sich hier gerade einmal einen Kaffee leisten kann oder mag, bekommt man da schnell das Gefühl eher geduldet als willkommen zu sein.

Ich lasse mir die gute Laune aber nicht vermiesen und genieße meinen Cappuccino freddo an einem Tisch im Freien und direkt am Meer. Übrigens der teuerste Kaffee meiner Reise. Einiges Fotos mache ich auch vom Landungssteg aus, eine eher wackelige Ponton-Konstruktion. Als ich wieder sitze kommen einige hohe Wellen, die mich mitsamt meiner Kamera ins Meer befördert hätten. Ich ziehe festen Boden unter den Füßen eindeutig vor.

Aber bleiben wir noch einen Augenblick bei diesem grandiosen Blick auf Bucht und Meer und die albanische Küste! „06.05.1937. Die Insel liegt wie eine schartige Sichel vor dem Festland. Auf der Landseite siehst Du eine große Bucht, vornehm und ruhig und fast völlig vom Land umschlossen. Im Norden berührt die Spitze der Sichel beinahe Albanien, und dort wird das trübe Blau des Ionischen Meeres plötzlich zwischen Kalksteingerippen und Sandbänken aufgesaugt. Zwischen die albanischen Vorberge, die Kalami gegenüberliegen, schießt das Wasser wie in ein Schwimmbecken hinein: von barbarischem, wolkigem Grün, wenn der Nordwind es aufrauht.“

Mich plagt ein Hüngerchen. Da mir das Weiße Haus zu teuer und die Taverna Kouloura mit Blick aufs Meer hoffnungslos überfüllt ist, steuere ich kurzerhand den Supermarkt an. Hier gibt es eine bemerkenswerte Bachwarenabteilung, nämlich mit frischen Waren aus der Region. Es gibt ein verglastes Kühlfach mit Kuchen und ein ebensolches Fach, in dem allerhand Teigtaschen warmgehalten werden. Ich entscheide mich spontan für ein herzhaftes, leckeres Blätterteigstück mit Hackfleischfüllung. Zusammen mit der Limo und dem kühlen Dosenkaffee komme ich etwa auf ein zehntel des Preises, den mich ein Mittagsmahl in der Ein-Sterne-Gastro gekostet hätte. Wie man sieht, es geht auch so…

Die Textauszüge Stammen aus dem Buch „Schwarze Oliven“ von Lawrence Durrell. Interpunktion und Rechtschreibung beibehalten.

3 Gedanken zu “Toms ganz besondere Kaffee-Erinnerung: Kalami und das Weiße Haus der Durrells

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