Bosnischer Kaffee-Moment: 308 – die Toten von Srebrenica

Der Bus hatte sich im Menschenstrom festgefahren. Irgendwo zwischen Bratunac und Potočari blieb er einfach stecken. Ausgestiegen aus dem Bus bot sich eine Szenerie, wie auf einem improvisierten Volksfest. Aus großen Plastiktonnen mit Wasser wurden die dort gekühlten Getränkeflaschen verkauft – manche hatten im Wasserbad ihre Etiketten verloren, so dass man ihren Inhalt erraten musste. Oder man bot Tetra Paks aus Kartons an. Obwohl noch am Vormittag brannte die Sonne unbarmherzig herunter, so dass die Getränkekarton wohl inzwischen warme Getränke enthielten.

Einige Händler suchten unter ausgeblichenen Sonnenschirmen Schutz – Cockta, Sarajevsko Pivo, Kiseljak. Rauchschwaden tauchten die Händler in einen Dunst, der alles noch unwirklicher erscheinen ließ. Hier wurden Ćevapčići gebraten, dort ganze Hammel gegrillt und mit groben Beilschlägen in Portionen zerteilt. Es riecht nach den Abgasen der heillos ineinander verkeilten Autos, nach Feuer und nach angebranntem Fleisch. Dazwischen eine Menschenmasse, die sich unaufhörlich in eine Richtung schiebt – zum Potočari Memorial Center.

Es ist der 11. Juli 2008. Unter dem verhaltenem Interesse der Weltöffentlichkeit wird heute der über 8.000 Toten des Massakers von Srebrenica gedacht. 2.816 identifizierte Opfer haben ihre Ruhestätte schon auf dem Friedhof von Potočari gefunden. 308 werden heute dazukommen. Über 5.000 Opfer wurden noch nicht identifiziert – oder nicht gefunden.

Potočari deshalb, weil von hier aus das belgische UNPROFOR-Kontingent eine Schutzzone gemäß der UN-Resolution 836 errichtet hatte. Seit dem Frühjahr 1992 kommt es hier immer wieder zu erbitterten Kämpfen zwischen bewaffneten Einheiten bosnischer Serben und Bosniaken, deren Anteil an der Bevölkerung in diesem Teil Ostbosniens vor dem Krieg bei 75% lag. Den Bosniaken gelingt es unter der Führung von Naser Orić eine Enklave von 900 Quadratkilometern zu schaffen. Die Brutalität, mit der dabei vorgegangen wird, soll nicht verschwiegen werden. Je nach Quelle soll es hier wenige hundert oder bis über eintausend Opfer gegeben haben, auch unter der Zivilbevölkerung.

Im Frühjahr 1993 reorganisiert sich das bosnisch-serbische Militär unter Ratko Mladić. Er lässt den bosniakischen Einflussbereich auf 150 Quadratkilometer zusammenschrumpfen. Gleichzeitig wird Srebrenica von Flüchtlingen überrannt. Vor Beginn des Bosnienkrieges 1992 hatte die Kleinstadt etwa 8.000 Bewohner. Im Laufe des Konflikts vervielfacht sich diese Zahl: Zehntausende Menschen drängen aus den umliegenden Dörfern in vermeintlich sicheres Gebiet. Es sind vor allem bosnisch-herzegowinische Muslime, die Schutz vor den Soldaten des Generals Ratko Mladić suchen.

Die drohende humanitäre Katastrophe ruft die UNO auf den Plan. Sie erklären Srebrenica zur Schutzzone und entsenden Blauhelme, allerdings mit einem sehr schwachen Mandat. Um den Status der Schutzzone zu erhalten, müssen die bosnischen Einheiten ihre Waffen abgeben. So kommt es, dass die ohnehin schlecht ausgerüstete 28. Division der Armee der Republik Bosnien-Herzegowina ARBiH ihre schweren und einen Großteil der leichten Waffen verliert, während der politische Führer der bosnischen Serben Radovan Karadžić und sein Militärchef Mladić den Ring um die Schutzzone immer weiter verstärken. Einige Bosniaken widersetzen sich der Entmilitarisierung und verschanzen sich in ihren Stellungen doch an ernsthaften Widerstand ist nicht mehr zu denken.

Die Lage innerhalb der Schutzzone wird immer verzweifelter. Immer wieder kommt es zu Feuerüberfällen bosnisch-serbischer Truppen, Hilfskonvois werden blockiert, im Frühjahr 1995 verhungern die ersten Menschen oder sterben an Entkräftung. Gleichzeitig schrumpft das Blauhelmkontingent, denn wenn Teile davon ausrückten, werden sie an der Rückkehr gehindert. Anfang März 1995 erlässt Radovan Karadžić, die „Direktive 7“ und fordert durch gut geplante und durchdachte Militäroperationen eine unerträgliche Lage völliger Unsicherheit in der Schutzzone Srebrenica zu schaffen. Forderungen nach einem humanitären Korridor werden abgelehnt.

Am 3. Juli marschiert Mladic in der Schutzzone ein. Die Blauhelme leisten keinen Widerstand, die bosniakischen Kräfte sind nicht mehr dazu in der Lage dieser Invasion Einhalt zu gebieten. Am 9. Juli sind die Angreifer nur noch einen Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Ein von Thom Karremans, dem Kommandanten der Blauhelme, geforderter Nato-Luftangriff bleibt aus. Auch, weil die bosnischen Serben damit drohen gefangen genommene Blauhelme zu töten und das Artilleriefeuer auf die Flüchtlinge zu eröffnen. Am 11. Juli nimmt Mladić Srebrenica ein – und das große Morden beginnt.

Von den 36.000 Menschen, die sich vor der Invasion in Srebrenica befunden haben – zur Erinnerung: vor dem Krieg lebten dort etwa 8.000 Menschen – fliehen etwa 26.000 nach Potočari, dem letzte von Blauhelmen gehaltenen Stützpunkt nur wenige Kilometer nördlich von Srebrenica und auf halben Weg zum Nachbarort Bratunac. Hier haben die belgischen UNPROFOR-Soldaten in einer ehemaligen Batteriefabrik ihr Lager errichtet. Mehrere Tausend drängen sich auf dem Blauhelm-Gelände, während der Rest sich auf benachbarte Fabriken und umliegende Felder verteilt – die meisten von ihnen Greise, Frauen und Kinder.

Dreizehn Jahre später drängen sich wieder über 40.000 Menschen auf dem Gelände um Potočari. Die Ähnlichkeiten mit den Bildern von 1995 sind frappierend. Auch jetzt suchen die Menschen Schutz, allerdings nur vor der Sonne. Doch wie sie hier im Schatten der wenigen Bäume und unter Schirmen Zuflucht suchen, so saßen viele von ihnen schon damals hier. Nur den großen Friedhof und die Gedenkstätte gab es damals noch nicht. Und die Busse, die vor der alten Fabrik parken, haben die Menschen hergebracht und sollen sie später wieder nach Hause bringen und nicht deportieren. Trotzdem ähneln sich die Bilder sehr.

Dann kam die Säuberung. Erstmals seit 50 Jahren wird in Europa wieder selektiert. Rund 25.000 Frauen, Kinder und Greise werden deportiert, Jungen über 13 und alle Männer werden aussortiert. Angeblich um nach Kriegsverbrechern zu suchen. Teilweise werden Selektion und Transport auch noch von Blauhelmen unterstützt oder von Serben in erbeuteten Uniformen und Fahrzeugen. Eine Gruppe von etwa 8.000 Bosniaken versucht in der Nacht vom 11. zum 12. Juli noch den Durchbruch nach Tuzla. Nur etwa ein Drittel schafft es bis in von bosnischen Regierungstruppen gehaltenes Gebiet.

Die etwa 8.000 im Gebiet von Srebrenica und Potočari verbliebenen männlichen Muslime werden zuerst nach Bratunac verbracht. Viele werden dort exekutiert, andere mit Bussen zu Massenerschießungen an anderen Orten gefahren, oft an abgelegene Plätze in der Nähe von Kozluk, Kravica, Glagova, Orahovac, Pilica, Petkovci oder Branjevo. Das Gesamtgebiet der Tatorte hat eine Ausdehnung von circa 300 Quadratkilometern. Viele der Opfer werden vor Ort verscharrt. Um das Verbrechen zu verstuschen werden einige der Massengräber später wieder verlegt. 2008 kennt man die Fundorte von 14 primären und 37 sekundären Massengräbern.

Die Leichen aus den Gräbern werden exhumiert und in England durch eine DNA-Analyse identifiziert. Die jeweils neu identifizierten Toten werden dann seit 2003 Jahr für Jahr am 11. Juli auf der Gedenkstätte Potočari beigesetzt. Vor 2008 waren das 2.816. Am 11. Juli 2008 kommen 308 dazu. In 308 mit grünem Tuch bespannten Holzsärgen warten die identifizierten Überreste von muslimischen Jungen und Männern auf ihre Beisetzung – und die Familien haben endlich Gewissheit.

Neben dem Busbahnhof in Bratunac gibt es ein kleines Restaurant. Bis der Bus zurück nach Sarajevo fahren soll, ist noch etwas Zeit. Allerdings will die Bedienung von einem „bosanska Kavu“ noch nie etwas gehört haben. Später erfahre ich, dass ich speziell in diesem Teil der Republika Srpska nach einen „srpska Kavu“ hätte fragen müssen, wie er dort seit 1995 heißt. Zehn Tage später, am 21. Juli 2008, wird Radovan Karadžić in Belgrad verhaftet. Der ehemalige Arzt, Psychiater und Präsident der Republika Srpska, lebte dort als Dragan David Dabić, praktizierte als Alternativmediziner und hielt Vorträge. Ratko Mladić lebt zu dieser Zeit noch relativ unbehelligt in Serbien. 308 seiner Opfer wurden gerade beigesetzt.

Quellen: Marie-Janin Calic, Krieg und Frieder in Bosnien-Herzegovina, edition Surkamp 1996; Wikipedia, Bundeszentrale für politische Bildung, Frankfurter Allgemeine Zeitung von 11.07.2008.

Ich habe mich lange davor gedrückt diesen Beitrag zu schreiben.

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