Athener Kaffee-Tagebuch: Omonia

Die eindrucksvollste Art nach Athen zu kommen ist sicherlich die aus der Luft. Zuerst war da noch die See, dann taucht am Horizont die weiße Stadt auf, ein schier endloses Häusermeer, durchbrochen von einigen Bergen. Hier aus der Luft wird man sich erst der gewaltigen Ausmaße der Stadt bewusst – mit seinen 38,980 km² ist es mehr als zehnmal so groß wie München! Schon überfliegt man die ersten Ausläufer, eine riesige Ansammlung von Häusern und Häuschen. Jetzt liegt Athen in der Abendsonne. Schnell nähert sich die Landebahn. Das Flugzeug setzt auf. Ich bin am Ziel. Beinahe zumindest, denn erst muss ich ja noch mein Hotel erreichen.

Einer Empfehlung folgend nehme ich den Expressbus X95 vom Flughafen. Vergleichsweise billig, man sieht schon etwas von der Stadt und es dauert nur etwa eine viertel Stunde länger, als mit der S-Bahn. Die Fahrkartenautomaten funktionieren auch in Deutsch oder Englisch und der Bus fährt alle 15 bis 20 Minuten. Außerdem benutzen ihn vor allem Einheimische, zum Beispiel auf dem Weg zur oder zurück von der Arbeit. Die Route führt über die Autobahn, beziehungsweise an ihr entlang bis nach Stavros. Das letzte Drittel der Strecke geht dann über die Mehrspurige Leoforos Marathonos – der späteren Leoforos Mesogeion – bis ins Herz der Stadt hinein.

Schon beim Verlassen der Autobahn ändert sich das Stadtbild. Einkaufzentren, Supermärkte, Autohändler, Tankstellen und dazwischen Apotheken, Restaurants, KFZ-Werkstätten und kleinere Geschäfte. Das ändert sich im Großen und Ganzen auch während der nächste zehn Kilometer nicht. Allerdings rückt die Bebauung tendenziell näher an die die Straße heran, wobei die Häuser ebenso langsam höher werden. Schließlich quält sich der immer dichter werdende Verkehr durch schmale Häuserfluchten. Erst nahe dem Zentrum – hier heißt die Straße inzwischen Vasilissis Sofia – wird es großstädtisch und Repräsentationsbauten bestimmen das Bild. Bald ist die Endhaltestelle, Syntagma, erreicht. Von hier aus geht es mit der U-Bahn weiter.

Nur zwei Stationen weiter liegt der Omonia-Platz. Nur vier Straßen weiter liegt mein Hotel, in dem ich einchecke um nach kurzer Rast wieder an den Platz zurückkehre, der für die nächsten Tage mein geographischer Mittelpunkt sein wird. Der Platía Omonías, der Platz der Einheit, wurde 1833 angelegt und sollte ursprünglich Otto-Platz, nach dem griechischen König aus dem Hause Wittelsbach, genannt werden. Die Station Omonia der Metro Athen unter dem Platz ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt der Stadt; bis zum Bau der Linien 2 und 3 bildete sie den einzigen Halt der U-Bahn im Zentrum Athens. Der Syntagma gilt heute als Eingang der multikulturellen Stadtteile, die direkt angrenzen.

Auf und unter dem Platz präsentiert sich die Geschichte aus bald zwei Jahrhunderten. Bis heute befinden sich dort zwei ehemalige Hotels des bekannten Architekten Ernst Ziller, Bagkeion und Megas Alexandros. Ziller war zu König Ottos Zeiten an zahlreichen Bauten in Athen beteiligt – Akademie, Zappeion, Nationalbibliothek – aber auch an der Ausgrabung und Sicherung antiker Stätten. Der tiefste und auch älteste U-Bahnhof erinnert stark an Berlin, stammt er doch aus dem Jahr 1930. Schlichter und moderner ist es eine Etage höher. Hier wurde in den 90er Jahren ein zusätzlicher Bahnsteig eingezogen.

Oberhalb der Erdoberfläche wird der Platz geprägt von dem nachts farbig beleuchteten Springbrunnen und dem Kaufhaus Hondos-Center. Viele Gebäude stehen leer, verstärkt wird die Situation durch die Vereinnahmung des Platzes durch Immigranten, die in nahegelegenen Gebäuden illegal wohnen oder sich hier aufhalten. Die Kriminalitätsrate ist für Athener Verhältnisse hoch, tagsüber gilt aber der Platz als sicher und wird von tausenden Berufspendlern benutzt. Tatsächlich ist vieles für meine an München gewohnten Augen neu, fremd und auf den ersten Blick seltsam. Unsicher fühlte ich mich aber – tags wie nachts – nie.

Auf dem Platz selbst herrscht ein quirliges und buntgemischtes Durcheinander, doch nur wenige Blicke weiter fallen einem Bettler und Drogensüchtige auf. In der übernächsten Seitenstraße wähnt man sich in Pakistan und währen orientalische Händler ihre Waren feilbieten oder exotische Restaurants auf Gäste warten, setzt sich im Rindstein ein Süchtiger einen Schuss. Es ist nicht wie in Frankfurt, wo man es eher selten und versteckter zu sehen bekommt, es ist alltäglich und unverhüllt. Ich wurde nur einmal von einen Drogenhändler angesprochen, machte aber sehr deutlich an so einem Geschäft nicht interessiert zu sein. Komisch war nur, dass mich für den Rest meines Urlaubs nie wieder einer der Händler auch nur eines Blickes würdigte.

Umso erfreuter war ich am Omonia am inzwischen schon fortgeschrittenen Abend eine nette, griechische Taverne, Old Omonia, zu finden. Ich konnte draußen sitzen, allerdings bei guter Beleuchtung und geschützt durch Sonnenschirme und Plexiglaswände. Die Karte bot alles, was man von der griechischen Küche erwartet, sogar ein wenig mehr, denn auch Pastitio stand auf der Karte. Das war aber leider schon aus, weshalb ich mich für ein leckeres und gleichzeitig preisgünstiges Moussaka entschied, dazu ein kaltes, frisch gezapftes Alfa-Bier. Beides wurde schnell und zuvorkommend geliefert.

Ich beschloss den Abend mit einem Tsipouro, einem Tresterbrannt, nur im Gegensatz zum Ouzo ohne Anis. Ja, der ganze Urlaub lag noch vor mir und dieser Abend gab mir einen kleinen Vorgeschmack darauf. Schon morgen früh geht es auf zu antiken Stätten und vielen neuen Eindrücken und Erlebnissen. Für den Ankunftstag war ich schon einmal zufrieden. Was mich nicht davon abhielt hier am nächsten Tag wieder zu starten. Ich suchte mir eines der berühmten Cafés am Omonia aus, mit Blick auf den Brunnen und das Hondos-Center.

Lange hatte ich mich auf diese Stadt gefreut! Jetzt begann ich langsam ein Teil von ihr zu werden. Ich nippe genüsslich an meinem Kaffee und beobachte die Menschen, die an mir vorüber eilen. An der Ecke streitet sich ein Taxifahrer mit einem Portier, ein paar Schritte daneben verkauft ein Zigeunermädchen Weintrauben auf einem Holzbrett. Ein, zwei improvisierte Buchstände sind hier und auch in den Kiosken hängen längst von der Sonne ausgebleichte Illustrierte aus aller Welt. Ich sauge die Luft tief ein, es riecht nach Gyros und ein wenig nach Diesel. Ich atme aus. Der Urlaub kann beginnen.

Quelle: Wikipedia.

2 Gedanken zu “Athener Kaffee-Tagebuch: Omonia

  1. Ohne jetzt pauschalisieren zu wollen gehört der feine Dieselgeruch zum Urlaub irgendwie dazu. Den hat man so im Hinterkopf und in der Nase, am besten noch gepaart mit dem Duft diverser Blumen und/oder Speisen.
    Athen, die Stadt ist für mich noch immer eine Black Box. Nichts, komplett nichts kann ich mir drunter vorstellen und in meiner Fantasie geistern auf alt getrimmte, griechische Gemälde herum. Umso interessanter, hier davon zu lesen, nicht nur die touristisch frequentierten Orte geistig nachzuvollziehen, sondern eben das alltägliche Leben, wie auch immer es aussehen mag. Danke dafür.

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