Samiotisches Kaffee-Tagebuch: Vathi (Samos Stadt)

Nach einer gut ausgebauten, aber kurvenreichen Strecke kommt der Moment, in dem man über die Bergkuppe fährt und sich plötzlich unter einem die Hafenstadt Samos, die von den Samioten immer noch gerne Vathi genannt wird. In die Bucht zu Füßen des Höhenzuges schmiegt sich die weiße Stadt in den Hang hinein, an der Küste erstreckt sich einer der sichersten Häfen der Ägäis. Schon von oben erkennt man die große Promenade, denn wo Pythagirio wild, bunt und lebendig ist, möchte Vathi Stadt und bedeutend sein.

So hat Samos Stadt zwei Gesichter: ganz dem Meer zugewandt die Neustadt mit der kilometerlangen Uferpromenade, der Paralía – der Flaniermeile der Samioten – und der Altstadt Vathi, die sich wie ein Adler in einer Anhöhe über der Neustadt festkrallt. Samos Stadt, das bedeutet ein wichtiger Fähranleger und der größte Busbahnhof der Insel, dazwischen Läden, Reisebüros, Banken und Geldautomaten, Souvenirshops, Tavernen, Autovermietungen, Bars und Straßencafés. Bei aller städtischen Anmutung soll hier eines nicht verschwiegen werden: an mehreren Tagen der Woche ist Samos vor allem eines, nämlich geschlossen.

Im alten Vathi siedelten Menschen vermutlich schon lange. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gründeten Flüchtlinge vom Peloponnes auf den Ruinen einer antiken Siedlung im Bereich des heutigen Ortsteils Moraitochori den Ort. Aufgrund der Lage auf einem Sattel versteckt zwischen den Bergen Koutsomylos und Varela etwa 80 m über dem größten natürlichen Hafen der Insel war man vor Piratenüberfällen sicher.

Die Geschichte der neuen Stadt Vathi hängt eng mit der alten Stadt zusammen. Ursprünglich lag hier nur der Hafen des Dorfes in der Höhe. Erst als die Piratenüberfälle nachließen siedelten sich immer mehr Menschen an der Küste an. Darunter auch Händler von den Ionischen Inseln. Große Lagerhäuser wurden errichtet und langsam entwickelte sich die Siedlung. Zur Unterscheidung wurde der alte Ort Pano Vathy  oder Chorio, der neu am Meer entstandene Kato Vathy oder Limin Vatheos genannt.

In der wechselvollen Geschichte der Insel gewann und verlor Vathi an Bedeutung, war mal Inselhauptstadt, dann wurde der Siedlung der Titel wieder entzogen. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs der Einfluss des Hafens stetig und die Stadt wurde als Verwaltungszentrum ausgebaut. Deshalb wurde kurze Zeit später mit den Planungen für den Ausbau des Hafens, der Uferstraße und eines zentralen Platzes, der Platia Pythagoras, begonnen. Nach 1870 bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche öffentliche Gebäude im Neoklassizistischen Stil errichtet, die der Stadt ein einheitlich geschlossenes Bild verliehen.

Während der italienischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Sitz der italienischen Streitkräfte. Eine deutsche Fliegerstaffel bombardierte am 17. November 1943 die Stadt, dabei wurden an der Uferpromenade viele der das Stadtbild prägenden Gebäude zerstört. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der zerstörten Gebäude. Die Lösungen orientierten sich an einer einheitlichen Modernisierung im Stil der großen urbanen Zentren der 1950er und 1960er Jahre. Das Ergebnis veränderte das charakteristische Stadtbild. Den Status als Verwaltungssitz ließ sich Samos nun nicht mehr nehmen.

Flanieren wir doch ein wenig an der Uferpromenade entlang. An dem 150 Meter langen Pier im Norden des Hafens können gleichzeitig fünf Schiffe anlegen. Zusätzlich gibt es einen Bereich für Fischer- und Segelboote. Die Uferpromenade ist die Lebensader der Stadt. Hier findet allabendlich die Vólta statt, der fast rituelle Abendspaziergang, nachdem die Bewohner der Stadt dann mit Einbruch der Dämmerung in die zahlreichen Terrassencafés strömen – verliebte Pärchen, Familien, Teeagergruppen und Touristen, die sich dem Brauch anschließen.

Ist die Uferpromenade die Lebensader, dann ist die Platia Pythágoras das Herz! Hier wacht von Hotels und neoklassizistischen Gebäuden umrahmt seit 1930 der marmorne Löwe der Freiheit, der an den griechischen Freiheitskampf erinnert. Hier ist die Gastro-Dichte am größten. Kein Wunder, dass unweit dieses wichtigen Platzes auch der größte Taxistand der Stadt liegt.

Die Statue des Archäologen und Politikers Themistoklis Sofoulis an der Uferpromenade erinnert an ein besonders dramatisches Kapitel der samiotischen Geschichte: seit 1900 setze er sich als Abgeordneter im Parlament von Samos vehement für die Unabhängigkeit der Insel von der Türkei ein. Das lief nicht gewaltfrei und führte zweimal zur Intervention des türkische Militärs, bis im März 1913 endlich die Unabhängigkeit vollzogen wurde und Sofoulis als Präsident der Interimsregierung die Geschicke der Insel lenkte. Damit war seine wechselvolle politische Kariere noch nicht zu ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zweimal kurzzeitig Ministerpräsident Griechenlands.

Jetzt noch eine verdiente Kaffeepause! Doch davon im nächsten Beitrag!

Quellen: Wikipedia, Samos, Dumont direkt, Thomas Schröter, Samos, Michael Müller Verlag.

2 Gedanken zu “Samiotisches Kaffee-Tagebuch: Vathi (Samos Stadt)

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