Kaffee-Kommissare: Kostas Charitos

„Jeden Morgen um Punkt neun starren wir einander wortlos an. Er steht vor meinem Schreibtisch. Sein Blick scheint ungefähr in Augenhöhe, irgendwo zwischen meinen Augenbrauen und Wimpern, hängenzubleiben. ‚Ich bin ein verdammter Wichser“, sagt er.

Nur mit seinem Blick sagt er es, er spricht es nicht aus. Ich sitze hinter meinem Schreibtisch und schaue ihm geradewegs in die Pupillen. Denn ich bin sein Vorgesetzter und darf ihm in die Augen starren. Er hingegen hat seinen Blick niederzuschlagen. ‚Ich weiß, dass du ein verdammter Wichser bist‘, sage ich ihm. Kein Laut kommt über meine Lippen. Mein Blick spricht für sich.“

Kaffee-Kommissare? Einige Berufe sind ohne Kaffee nicht denkbar, wie zum Bespiel Taxifahrer, Journalisten, Blogger und natürlich Kommissare. Wer will, der kann seinen eigenen Beruf gerne in diese Liste aufnehmen. Ein Grund für Coffeenewstom sich einige koffeinabhängige Vertreter ihrer Zunft hier mal genauer anzuschauen. Eines haben nämlich alle gemeinsam: sie erwecken Urlaubsgefühle, beziehungsweise Sehnsüchte bei den Lesern. Diesmal kommen wir in die griechische Hauptstadt Athen…

Wenn meine letzten Krimi-Empfehlungen zum Kaffee noch geprägt waren von Urlaubsidylle und freundlichen, gewitzten Kommissaren, so trifft einen hier die nackte Wirklichkeit mit voller Härte. Nein, hier bringt niemand gut gelaunt eine Runde Frappés ins Präsidium, hier bringt der Untergebene dem Dezernatsleiter Kaffee und Hörnchen, weil er muss. Und auch sonst ist hier wenig Platz für echte Nettigkeiten.

Das mag auch an dem Umfeld liegen, in dem Kommissar Kostas Charitos ermittelt, nämlich in Athen, dem Molloch von einer Stadt, bis zum Rand gefüllt mit Ausländern, Zuhältern, Baumagnaten und korrupten Politikern. Dabei hat auch Charitos eine Vergangenheit, die ihn immer wieder einzuholen droht: Während des Obristenregimes hat er als Polizeianwärter an Folterungen teilgenommen. Auch, wenn er sich dessen mehr und mehr schämt, hält er nicht viel von der inzwischen arrivierten Linken, die ihre Ideale verloren hat. Dabei beklagt sich der als unbequem geltende Mordermittler schon einmal über den Niedergang von Gesellschaft und Kaffeekultur, insbesondere dann, wenn in der Kommissariats-Cafeteria der griechische Mokka nicht mehr aufgebrüht, sondern mit Wasser aus der Espressomaschine lediglich aufgegossen wird. Verfall allerorten.

Deshalb geht es nie nur um Mord, es geht um Neid, Verrat, Betrug, um die dunklen Seiten einer Gesellschaft im Wandel. Es geht um ein verwirrendes Netz aus Politik, Macht und Korruption, in dem sich Kommissar Charitos ein ums andere Mal verfängt. Und es geht um eine rätselhafte Freundschaft zwischen einem Polizisten und einem Kommunisten, den ersterer einst in einem der Foltergefängnisse der Diktatur bewachte. Vielleicht, weil er etwas menschlicher war, wie die anderen.

Der Autor Petros Markaris – ursprünglich Petros Markarian – ist ein in in Istanbul geborener griechischer Schriftsteller. Der Sohn eines armenischen Kaufmannes und einer griechischen Mutter, besuchte das St. Georgs-Kolleg in Istanbul und studierte nach seiner Matura einige Jahre in Wien und in Stuttgart. Er war jahrelang auch türkischer Staatsbürger. Markaris spricht und schreibt in griechischer, türkischer und deutscher Sprache. Seit langem lebt er in Athen.

Neben seinen Kriminalromanen verfasste Markaris mehrere Theaterstücke, er übersetzte mehrere deutsche Dramen ins Griechische, darunter Goethes Faust Brechts Mutter Courage und er war Autor und Co-Autor mehrerer Drehbücher des zeitgenössischen griechischen Films. Seine Kriminalromane sind auch ein Abbild der griechischen Gesellschaft und auch Reizthemen, wie Obristenregime, Finanzkrise oder Flüchtlinge werden nicht ausgespart. Somit erlebt man zusammen mit dem kleinbürgerlichen wie schrulligen Kommissar Charitos ein sehr lebendig erzähltes Stück griechische Zeitgeschichte!

Petros Markaris, Hellas Channel – ein Fall für Kommissar Charitos, erschienen im Diogenes Verlag.

2 Gedanken zu “Kaffee-Kommissare: Kostas Charitos

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