Coffeenewstom und das versunkene Dorf

Die Legende will es, dass München, 1158 von Heinrich dem Löwen gegründet, zuvor aus einer Kirche, ein Kloster mit Spital für Pilger und einem Wirtshaus bestand. Neuere Grabungen im Marienhof hinter dem Rathaus legen den Schluss nahe, dass „zu den Munichen“ etwa im frühen 11. Jahrhundert besiedelt wurde. Alles zuvor waren nur spärliche Erscheinungen bronzezeitlicher Heiden, die längst im Nebel der Geschichte verschwunden sind. Religiöses Zentrum von München wäre damit seit jeher die Peterskirche, der „Alte Peter“, der älteste Kirchenbau Münchens.

Doch ist dem so? Was wäre, wenn Münchens älteste Kirche gar nicht in der Altstadt zu suchen und zu finden wäre? Am sonnigen Ostersonntag machte sich Coffeenewstom auf Spurensuche und fand dabei ein versunkenes Dorf und einen ganz anderen Ursprung christlicher Frömmigkeit auf dem Münchner Stadtgebiet!

Der Weg dorthin war mir bereits bekannt. Schon vor Jahren wünschte ein Fahrgast von mir zur Heilig-Kreuz-Kirche gebracht zu werden. Seine Richtungsangabe – „Irgendwo auf dem Müllberg von Fröttmaning“ – war zwar nicht ganz richtig, führte aber doch zum Erfolg, so dass ich ihn, unter Missachtung etlicher Verbotsschilder, rechtzeitig zu einer Hochzeit brachte.

Für die Münchner heutzutage ist Fröttmaning eine U-Bahnstation neben dem Bayernstadion. Bestenfalls halten sie es für einen ehemaligen Müllberg mit Windrad oder ein Autobahnkreuz. Tatsächlich hat die Stadtentwicklung nicht viel von von dem ursprünglichen Dorf, dass so eng mit der Entstehung Münchens verbunden ist, übrig gelassen. Die ältesten urkundlichen Erwähnungen einer bajuwarischen Siedlung auf dem heutigen Stadtgebiet erfolgten 750 mit der Nennung Oberföhrings als „ad Feringas“ und 763 mit Pasing als „villa Pasingas“. 

Im Jahr 815 errichtete der fromme Grundherr Situli bei seinem Gut im Dorf Fröttmaning ein Bethaus errichten. Um die Weihe bat Situli den Freisinger Bischof Hitto, der seine Kirche „zu Frigisinga“ nur zwei Jahre zuvor errichtet hatte. Damit ist die Heilig-Kreuz-Kirche die älteste ihrer Art auf Münchner Stadtgebiet. Aus dem Jahre 1556 sind vier Anwesen, drei Höfe und ein Hüthaus, belegt, die freilich schon früher bestanden: der Kammerloher, auch Schäferhof genannt, der Messnerhof, auch Beim Leinthaler genannt und der Ostermayer-Hof, auch Finauer-Hof genannt.

Schon im 19. Jahrhundert verlor Fröttmaning an Bedeutung, wurde mal München, mal Freimann zugeschlagen, trotz großen Protestes, bestanden die meisten familiären Bande doch seit jeher mit Garching. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der alte Ortskern von Fröttmaning zur Errichtung von Infrastruktureinrichtungen wie beispielsweise das Autobahnkreuz München-Nord in den 1950er-Jahren schrittweise abgerissen. Ende der 1960er Jahre wurden für die Mülldeponie die letzten Gutshöfe abgebrochen, die die Stadt München zuvor aufkaufte.

Der alte Dorfkern von Fröttmaning ist seit dem Ende der 1960er Jahre faktisch eine Wüstung. Lediglich die ehemalige Dorfkirche Heilig Kreuz ist erhalten. Mehrmals war die Kirche von Abbruch bedroht. Beim Bau des Münchner Autobahnringes erreichten dann einsatzbereite Bürger unter Leitung des Kirchenpflegers von St. Albert, Ludwig Maile, die Verschiebung des Autobahnkreuzes München-Nord, dessen Abzweigung Richtung Salzburg den ursprünglichen Planungen zufolge genau über Friedhof und Kirche verlaufen wäre. Seit dem Abbruch der letzten Höfe für den Autobahnbau 1969 steht Heilig Kreuz frei.

Bis 1971 verwahrloste die Kirche und wurde ausgeplündert und geschändet. Wertvolle Kunstwerke und die beiden Glocken aus dem 15. Jahrhundert gingen verloren. 1984 wurden Pläne konkret, die den Müllberg bis zur Kirchenmauer erweitern wollten. Nach Bürgerprotesten wurde jedoch dieser Plan zurückgenommen. Später setzte sich die Bürgerinitiative ein drittes Mal für die Kirche ein, diesmal für die Berücksichtigung des kirchlichen Baudenkmals im Bebauungsplan der nahe gelegenen Allianz Arena. Die Rettungsstraße samt ihrer Brücke musste zweihundert Meter nach Süden verlegt werden.

Die Heilig-Kreuz-Kirche ist eine der für das Bistum Freising damals typischen Chorturmkirchen. Der romanische Turm mit Rundbogenfenstern und Fries ist achtzehn Meter hoch, die Kirche selbst ist fünfzehn Meter lang und fast sieben Meter breit. Der mit Schießscharten versehene einstige Wehrgang ist im Maueransatz im Inneren noch zu erkennen. Besonders selten und einzigartig in Deutschland sind die direkt auf die roten Ziegel des Innenraumes mit Kalkfarbe gemalten romanischen Fresken, die 1981 bei Renovierungsarbeiten entdeckt und teilweise freigelegt wurden. Die gemalten Kreise um einen Lebensbaum symbolisieren die Sonne. Bei einer der Wandmalereien handelt es sich um die älteste Christus-Darstellung in Bayern.

Die Kirche steht – das Dorf ist versunken. Das Verschwinden von Fröttmaning gab die Anregung für die Kunst-Installation „Das verschwundene Dorf“ des Münsteraner Künstlers Timm Ulrichs. Etwa 150 Meter südlich von Heilig Kreuz wurde 2006 ein nicht begehbarer Doppelgänger der romanischen Kirche in Originalgröße aus bemalten Betonfertigteilen geschaffen. Das surreal-melancholische Kunstwerk am Fuße des Fröttmaninger Bergs thematisiert als eine Art Verlustanzeige das Verschwundene an diesem Ort. Die Kopie wurde so eingerichtet, dass der Berg die Kirche unter sich zu begraben scheint.

Für den Ostersonntag hätte es keinen besseren Ort für eine Kaffeepause geben können! Auch wenn die Kirche selbst nicht geöffnet ist, ein Rundgang über den Friedhof und das umgebende Areal lohnt auf jeden Fall. Besonders, wenn man weiß, dass hier der wahre Ursprung des christlichen Münchens liegt. Dass in der Kirche ein Stück vom Kreuz, an das Christus vor etwa 2.000 Jahre geschlagen wurde, verbaut sein soll, konnte bis heute übrigens nicht bewiesen werden!

Quellen: Wikipedia, Münchenwiki, baunetzwissen, Informationstafeln vor Ort.

6 Gedanken zu “Coffeenewstom und das versunkene Dorf

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