Kleine Kaffee-Kulturgeschichte XV – Das Kaffeehaus als Keimzelle der Revolution

Politik und Kaffeehaus – in Wien bedeutet das nicht nur räumliche Nähe. Tatsächlich war es vom Parlament zu den 15 Kaffeehäusern der Ringstraße zur Zeit der Jahrhunderwende nur ein Katzensprung durch den Volksgarten. So mag es nicht verwundern, dass sich Minister und Abgeordnete gerne an Orten, wie dem Central blicken ließen. Der k.k. Ministerpräsident Heinrich Karl Maria Graf Clam-Martinic soll dort sogar von Ausbruch der Russischen Revolution erfahren haben. „Wer soll denn schon Revolution machen?“, soll er gesagt haben. „Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central?“ Damit war Leo Trotzki, bürgerlich Bronstein, gemeint, der seit Oktober 1907 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges als Emigrant in Wien lebte und regelmäßig im dort Schach spielte.

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Nicht immer aber waren es die Politiker in Amt und Würden, die das Kaffeehaus als politische Bühne betrachteten. Im Vormärz 1848 galt das Café Neuner als Keimzelle revolutionärer Umtriebe, denn hier wurden die neuen Ideen laut ausgesprochen und verbreitet – und nicht immer kam die Obrigkeit dabei allzu gut weg.  So schrieb der dänische Bischof Martensen 1891: „Dieser Ton des politischen Liberalismus fand Anklang bei Neuner, wo der Metternichsche Absolutismus als jede freiere Regierung unterdrückend angesehen wurde. Jedoch wurde dergleichen nur in gedämpften Tönen ausgesprochen, denn das Neunersche Café selbst nicht wohl angesehen, weil man ein Gefühl davon hatte, hier rege sich ein Geist, welcher für das Bestehende gefährlich werden könnte. Man darf allerdings auch sagen, dass das Neunersche Café in ziemlich starken Grade dazu beigetragen hat, die Begebenheiten des Jahres 1848 vorzubereiten.“

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Zum Aufstand kam es allerdings erst, als Metternich versuchte derlei Umtriebe zu unterbinden, oder wie die österreichische Literaturwissenschaftlerin Herta Blaukopf es beschreibt: „Mit der Redefreiheit in den Wiener Cafés, die nicht gewährt, sondern genommen wurde, begann die Revolution.“  Auch heute noch lässt sich der eine oder andere Politiker im Kaffeehaus blicken. Allerdings inzwischen bedeutend friedlicher. So geruhsam, wie es heute im klassischen Kaffeehaus zugeht, ist an eine anständige Revolution wohl kaum noch zu denken.

Morgen schauen wir uns die Cafés des 20. Jahrhunderts an.

Titelbild: „Zu den blauen Flaschen“, Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900, gemeinfrei. Bild „Parlamentsgebäude“, Ausschnitt aus Image:Austria Parlament Front.jpg von User:Gryffindor, Creative-Commons-Lizenz, Wikipedia, Bild „Café Central in Wien“, Philipp von Ostau/Wikipedia.com; Quellen: Wikipedia, „Das Wiener Kaffeehaus“, Birgit Schwanner, K.-M. Westermann, Pichler Verlag, „Das Wiener Kaffeehaus“, Goldmann Austriatica, „Kaffee und Kaffeehaus“, Ulla Heise, Komet.

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