Wortman Projekt #unanständig

Ein Kollege erzählte mir einmal, er sei am Markusplatz in Venedig von einem Cafétier ausgenommen worden. Nun, argumentierte ich, an besonderen Orten gäbe es nun einmal neben der besonderen Atmosphäre auch besondere Preise. Ganz im Ernst, wie oft trinkt man schon Kaffee auf dem Markusplatz? Meine Meinung änderte sich, als er mir wortlos eine Quittung zeigte: 15 € für einen Cappuccino und 10 € für „Supplemento Musica“. Die Musik hätte aber während seines kurzen aber ungleich teuren Besuches gar nicht gespielt. Trotzdem! Reklamation zwecklos.

Es geht noch schlimmer! Sollte ich einmal nach Venedig komme, wäre vermutlich das Caffè Lavena meine erste Wahl: 1750 eröffnet, historisches Ambiente, Richard Wagner und Franz Liszt waren hier Stammgäste und man hat einen tollen Blick auf den Glockenturm und die Basilika von San Marco. Kein Stammgast dürfte nach einem Besuch der chilenische Nationalspieler Juan Carlos Bustamante geworden sein, der in Italien lebt. Der staunte nicht schlecht, als er auf sie Quittung blickte: Zweimal 10 € für je 0,25 Liter Wasser und zweimal 11,50 € für zwei Espresso, steht da. Machte also insgesamt 43 €. Vermutlich hatte der Kellner den Zuschlag für „Supplemento Musica“ vergessen. Trotzdem ging diese Rechnung damals viral.

Die Aufregung ist verständlich, auch wenn sie auf einem Missverständnis fußt. Im selben Café gibt es nämlich auch einen Espresso für 1,50 €. Allerdings „al banco“, also im Stehen an der Bar. Trinkt man ihn nämlich im Sitzen, also „al tavolo“, dann bekommt man eine Lektion in freier Marktwirtschaft. Beziehungsweise Raubtierkapitalismus. Die Cafétiers reden sich gerne damit raus, man zahle das nicht für das Getränk, sondern für den Sitzplatz. Und den dürfe man mit nur einem einzigen Getränk praktisch unbegrenzt nutzen. Im Preis außerdem enthalten: der Ort, die Atmosphäre, das Flair, das Urlaubserlebnis – nicht aber die Musik.

Seis drum: käme ich nach Venedig, bestellte ich mir trotzdem einen Espresso am Markusplatz – trotz des unverschämt hohen Preises. Den selbst bei wohlwollenster Betrachtung des Sachverhaltes sind diese Preise vor allem eines: unanständig.

Quellen: Tripadvisor, heute.at, Spiegel, Merkur. Ein Beitrag für das Wortman Projekt 10.

16 Gedanken zu “Wortman Projekt #unanständig

  1. Kann deinen Kollegen sehr gut verstehen. Denn vor vielen Jahren suchten wir wegen Platzregen eine etwas schützende Überdachung am Markusplatz und bestellten uns anstandshalber eine kleine Flasche Wasser, die zu unserem Entsetzen als die Rechnung kam 20 Mark kostete. Auf Nachfrage weshalb diese Unsumme hieß es dann weil Gedeck, obwohl einfach nur zwei Gläser und die kleine Flasche an einem mickrigen Tisch stand, sowie der Musik die nur schwach von einem Geiger zu hören war. Nie wieder Markusplatz, aber Venedig immer wieder gerne. 😉
    Liebe Grüße von Hanne

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  2. In diese Falle sind wir auch mal getappt, vor 100 Jahren oder so. Da haben wir uns in einem Café am Markusplatz ein kleines Getränk gegönnt, weil es so heiß war. Wir = Mein damaliger Mann, unsere 4 Kinder, und die Schwiegermutter. Wir zahlten etwas um die 60 Mark, damals. Unvergesslich, kann man wirklich sagen! 🙈

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