Wortman Projekt #Überraschung: Krieg

Es ist der Morgen des 24. Februar 2022. Wie immer habe ich gegen 5:00 Uhr das Taxi abgeholt, desinfiziert, saubergemacht und auch sonst alle Vorbereitungen für den Tag getroffen. Etwa um 5:20 Uhr rolle ich aus der Garage, kurz vor halb zehn erreiche ich den Taxistand, von dem aus ich meinen Arbeitstag starten werde. Ich schalte das Radio an und erfahre, dass seit etwa zwei Stunden Krieg ist.

Es gibt Momente, bei denen man schon während man sie erlebt weiß, dass man die Geschichte von diesem Augenblick an in eine Zeit davor und eine Zeit danach einteilen wird. Wie 9/11, Obamas Wahl zum Präsidenten, den Fall der Mauer oder den Ausbruch von Corona. Leider gehört auch dieser Moment dazu. Der Moment, als Putin die europäische Friedensordnung auf den Kopf stellte und die Phase der Entspannung (1989 – 2022) mutwillig beendete.

Ich habe seit diesem Moment nur zwei Artikel geschrieben und die auch nur aus Termingründen. Die anderen Tage lebte dieser Blog von meinem Puffer. Der ist nun aufgebraucht. Likes und Re-Likes habe ich schleifen lassen und in meinem WordPress-Postfach schlugen über 5.000 Nachrichten auf. Denen, die mich trotzdem weiter geliked und kommentiert haben meinen herzlichsten Dank! Angesichts dessen, was gerade in und mit der Ukraine passiert und weil seit dem jeder neue Tag mit einem neuen Rekord des absoluten Grauens aufwartet, erschien mir mein Blog auf einmal unbedeutend. Mit meinen Gedanken war ich eh bei den Menschen im Kriegsgebiet, insbesondere bei meiner Blogger-Freundin Nadiia, zu der ich über Instagram lose Kontakt halte. Es wird persönlicher, wenn es Menschen trifft, die man kennt.

Wie gebannt starrte ich auf den Fernseher, sog jede neue Perversität des Krieges in mich auf. Während der Schichten verfolgte ich den Fortgang der Kämpfe auf BR24. Erst allmählich war ich wieder in der Lage zu lesen, ohne das meine Gedanken immer wieder abschweiften. Und heute fange ich wieder an zu schreiben. Auch, wenn es mir noch merkwürdig vorkommt, wieder von Kaffee, Krapfen und Co zu erzählen.

Titelbild: Image by ELG21 from Pixabay. Ein Beitrag für das Wortman Projekt 10.

27 Gedanken zu “Wortman Projekt #Überraschung: Krieg

  1. Bin auch sehr geschockt und fühle mit den Menschen in der Ukraine. Um zu helfen, haben wir gespendet. Aber zu den Zigmillionen Betroffenheitsäußerungen in den Sozialen Medien möchte ich nur sehr wenig beitragen. Nach über zwei Jahren Pandemie brauchen wir unbedingt auch positive Bilder und Geschichten. Freue mich auf deine neuen Beiträge!

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    1. Da gebe ich Dir völlig recht: man möchte nach so langer Zeit der Pandemie und den jetzigen grauenhaften Bilder auch gelegentlich etwas Erfreuliches sehen. Das heißt nicht, dass einen diese Kriegsverbrechen nicht fassungslos und betroffen machen.

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  2. Ich kenne dieses Gefühl; wie belanglos einem selbst das vorkommt, was man gerade tut, während so nahe Menschen sterben… nein, getötet werden. Ganz gezielt und aus Willkür.
    Der Krieg hat mich sozusagen nicht kalt erwischt. Ich hatte schon eine knappe Woche vorher Bauchschmerzen in Anbetracht dessen, was sich da an der Grenze zusammenbraute. Ich muss dazu sagen, dass mein Lieblings-Radiosender Dlf ist, insofern habe ich sozusagen live miterlebt, wie sich die Situation immer mehr zuspitzte. Doch was mich kalt erwischt hat (uns alle vermutlich), dass die gesamte Ukraine in einer Art Handstreich überfallen wurde. Man hätte wohl eher die Gebiete um die Möchtegern-Republiken vermutet.

    Die Ukraine ist für mich sozusagen… na gut, der Begriff fiel schon sehr häufig und ist etwas abgenutzt, aber ja: ein Brudervolk. Meine Großeltern mütterlicherseits kommen aus der Gegend um Lemberg, wo lange Zeit eine polnische Minderheit lebte, und wir haben Ukrainer in unserem Stammbaum. Mein Onkel fuhr mit seinen Kindern häufig in den Ferien hin, weil – wie sie sagten – die Ukraine ist, wie Polen früher war… oder wie man sich Polen wünschen würde.

    Langsam habe ich mich an diesen Gedanken gewöhnt. Menschen singen in Bunkern und heiraten an der Front, Ukrainer gehen weiterhin, soweit wie möglich, ihrer täglichen Arbeit nach. Da können wir nicht auf Dauer erstarren. Das dürfen wir nicht.

    Was mir hilft, ist meine Bubble auf Twitter. Dort lese ich Dinge, die mich aufmuntern, sehe Bilder von Landwirten, die mit ihrem Traktor Panzer abschleppen, von Großmüttern, die mit Gurkengläsern Drohnen abschießen. Es ist positiv zu betrachten, dass die Verhandlungen laufen und es ist schön, die große Solidarität der (fast) gesamten Welt zu sehen.

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    1. Auch ich habe die Situation schon länger verfolgt – und völlig falsch eingeschätzt. Schlucken musste ich, als aus Brüssel nur Tage vor Kriegsbeginn Signale für eine mögliche Aufnahme der Ukraine in die EU kamen. Doch das ist alles Makulatur. Dieser Angriff wurde von langer Hand geplant, die Gespräche vorab nur noch Show. Für einen Frieden braucht es alle – für einen Krieg nur einen…

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      1. Da bist du nicht der einzige. Selbst mein Onkel, wohnhaft in Polen, hat mir inbrünstig versichert: neein… Putin wird nicht in der Ukraine einfallen. Der hat da gar kein Interesse dran. Und von der Logik her leuchtete es mir ein. Nur dann, in Februar, als die russischen „Übungstruppen“ sich so strategisch an allen Ecken der Ukraine postierten, da wurde ich panisch, sehr panisch. Da war es mir klar.

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          1. Da bin ich mir ziemlich sicher. Vor eben zwei oder drei Jahren (?) kam eine längere Sendung darüber, dass die russischen Raketen beunruhigender Weise gen Westen, also EU, gerichtet seien. Es ist nicht so, als ob es keine Anzeichen gäbe. Diese wurden einfach nur – ignoriert.

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            1. Ich glaube, wir alle waren so froh über unsere Friede-Freude-Eierkuchen-Welt, dass wir die Wahrheit gar nicht sehen wollten. Eine Erkenntnis aus jüngster Zeit: den Luxus keinen Wehrdienst leisten zu müssen, kann man sich nur gönnen, wenn andere für einen den Kopf hinhalten!

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  3. Es ist gut, dass Du wieder angefangen hast zu schreiben, man muss etwas anderes machen, als nur in der Schockstarre zu verharren (wie ich es auch getan habe), sonst würde man verzweifeln, dass nach Hitler wieder solch eine Bestie unermesslichen Schaden anrichtet.

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  4. Also, lieber Tom, ich glaube, die Welt braucht Beiträge über Kaffee und Krapfen nun *auf gewisse Weise* umso mehr. Durch Essen und Trinken zusammenzufinden ist außerdem immer leicht. Ohne Heißgetränke und Gebäck wäre die Rückfahrt z.B. weitaus weniger gesellig gewesen. ☕🍰🐱💖

    VVN

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