Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: British Cementary

Auf mich wartet heute einer der geheimnisvollsten Orte der Insel. Und er ist nicht leicht zu finden. Da hilft nur eines: fragen! Am einfachsten lässt sich der Weg so beschreiben: vom Flughafen die Straße nach Westen und am ersten Kreisel eigentlich die erste Ausfahrt. Eigentlich deshalb, weil das Rechtsabbiegen verboten ist, wenn man vom Flughafen kommt, weshalb ich erstmal eine Ehrenrunde drehe. Jetzt fahre ich die Leof. Eptanisou nach Norden.

Am Anfang geht es für mich noch über die zweispurig ausgebaute Straße, spannend wird es am Ende der Ausbaustrecke, wo die Straße wieder schmaler wird. Hier geht es noch geradeaus, bis ich rechts eine große alte Villa sehe, die langsam vor sich hin verfällt. Dann rechts und gleich noch einmal rechts. Die Kolokotroni entlang der Friedhofsmauer bis zu einem verwitterten Schild: British Cementary!

1855 haben die Briten hier ihren Friedhof errichtet. Doch nicht nur Engländer liegen hier. Es scheint, als sei der Friedhof die letzte Ruhestätte für all die Versprengten, Hiergebliebenen, Verlorengegangenen und Korfuliebhabern. Es ist der einzige Ort auf der Insel, an der eine von den Griechisch-Orthodoxen verpönten Feuerbestattung möglich ist. Doch nicht nur Protestanten liegen hier, auch ertrunkene Seeleute und gefallene Soldaten mehrerer Kriege, Kolonisten, Diplomaten, Iren, Deutsche. Es ist, als sein nur hier der Tod wirklich der große Gleichmacher.

Hier liegen deutsche Seeleute von der SMS Stein und SMS Freya unweit von den englischen Kameraden der HMS Saumarez und der HMS Volage. Um die Gefallenen der beiden britischen Schiffe rankt sich eine ganz besondere Geschichte, die als Korfu-Kanal-Zwischenfall in die Geschichte eingegangen ist. Am 22. Oktober 1946 wollte die Royal Navy mit einem kleinen Flottenverband die friedliche Durchfahrt des Kanals durchführen – und dass, obwohl man mit dem nahen Albanien kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gerade gut stand. Auf gut Deutsch: man wollte Stärke demonstrieren.

Bei der Durchfahrt lief der Zerstörer HMS Saumarez auf eine Seemine aus den ehemaligen Beständen des Deutschen Reiches. 30 Seeleute starben, die übrige konnten das Schiff aber retten. Wegen des Schadens am Bug musste das Schiff rückwärts von der HMS Volage geschleppt, die bei der Rettungsaktion ihrerseits auf eine Mine lief, was weitere Opfer kostete. Insgesamt ließen 44 Seeleute ihr Leben und fanden ihr Grab auf Korfu.

Auf Korfu erzählt man sich, dass der Kapitän der Saumarez ein Lebemann gewesen sei und durch eine besonders tollkühne Aktion die Damen auf der Insel beeindrucken wollte, was seine Matrosen mit dem Leben bezahlt hätte. Erzählt wird diese Geschichte von Georgios Psalias, dem langjährigen Wärter des Friedhofs. Auch diese Geschichte ist bemerkenswert. Psalias wurde 1927 im Haus des Friedhofsgärtner geboren und lebte dort Zeit seines Lebens. Früh schon musste er in die Fußstapfen des Vaters treten, da dieser verstarb. Für die Pflege des Grabes der Männer von der HMS Saumarez und der HMS Volage bekam er einen britischen Militärorden.

Auch zeichnete er für die Pflege der zahlreichen Orchideen und der wild lebenden Schildkröten auf dem Gelände verantwortlich. Tatsächlich gibt es einige Orchideenarten nur hier auf Korfu, weshalb schon einige internationale Botaniker diesen Ort besuchten. Ich finde das Haus des Friedhofsgärtners verschlossen und muss mir meinen Teil denken. Psalias war als freundlicher und liebenswürdiger Zeitgenosse bekannt. Ich wäre ihm nur zu gerne begegnet.

Ein keltisches Kreuz hier, eine Gedenktafel dort. Manche lassen unter kleinen Tempeln begraben, für andere gibt es nur ein grob gezimmertes Kreuz aus Holz, vor dem ein treuer Hund wartet – aus Stein. Manches erschließt sich einem mit den wenigen Worten, anderes muss rätselhaft bleiben. Hier ist die Zeit nicht stehen geblieben, sie vergeht hier einfach anders.

Für viele ist Korfu nicht nur der Sehnsuchtsort ihres Lebens, sie bleiben der Insel auch über den Tod hinaus verbunden. So finde ich Gräber von Menschen, die zwar woanders starben, aber auf ausdrücklichen Wunsch hier beigesetzt wurden. Hatten sie aus der Kardaki-Quelle getrunken? Oder waren sie einfach nur dem Zauber der Insel erlegen? Während die einen Gräber verfallen, sind andere frisch. So bleibt dieser verzauberte Ort – so merkwürdig es für einen Friedhof klingt – am Leben.

An der kleinen Eingangstüre neben dem Haupttor hängt ein Glöckchen. Jedes Mal, wenn einer kommt oder geht, dann klingelt es leise. In Gedanken trete ich auf die Straße. Diesmal war ich nur zu Gast im Totenreich. Wie dereinst Orpheus durfte ich sie wieder verlassen. Ich höre Schritte hinter mir und drehe mich um. Nein, mitnehmen darf man aus Hades Gefilden niemanden! Bis heute nicht.

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Ein geheimnisvoller Ort!

Jetzt wird es Zeit für einen Kaffee! Wenn Du mich auf den einladen möchtest, dann freue ich mich über ein Trinkgeld. Und dann geht es bald zum nächsten geheimnisvollen Ort…

4,80 €

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