Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Paléo Períthia, das Geisterdorf

Ich lasse den weißen Strand hinter mir und fahre zurück zur Hauptstraße. Hier, an der Kreuzung, ist eine Tankstelle. Während das Benzin in meinen Tank gurgelt, stelle ich mir die Frage, ob ich umkehren soll und zum Hotel zurück, oder ob ich noch ins Gebirge zur Geisterstadt Paléo Períthia fahren soll.

Passender Weise steht die Tankstelle am Ortsrand von Períthia, dem Ort, den die Bewohner des Bergdorfs besiedelten, als sie es verließen. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zu Períthia liegen aus dem 14. Jahrhundert vor. Man nimmt jedoch an, dass die Senke zu Füßen des Pantokrators, des höchsten Berges der Insel, bereits deutlich länger besiedelt war.

In seiner Blütezeit war er einer der wohlhabendsten Orte der Insel und hatte bis zu 1.200 Einwohner. Es gab etwa 130 Wohnhäuser und acht Kirchen. Die besondere Lage auf etwa 450 Metern bot ursprünglich Schutz vor Piratenüberfällen und der Malaria, die damals an der Küste grassierte. Viehzucht war ein wichtiger Wirtschaftszweig, andere Landwirtschaft war vornehmlich nur an Feldern in der tiefer gelegenen Küstenregion möglich, was die Neugründung von Períthia am Fuße der Berge notwendig machte. Dem Ort also, in dem ich gerade tankte.

Im 19. Jahrhundert gab es kaum noch Piratenüberfälle und mehr und mehr Leute verbrachten den Winter an der Küste und nur die malariagefährlichen Sommermonate in den Bergen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen die letzten Einwohner den Ort, nachdem die Malariagefahr auf den griechischen Inseln gebannt war und der Tourismus Arbeitsplätze an den Küsten bot. Während in anderen Orten zahlreiche Häuser abgerissen, modernisiert und neugebaut wurden, blieb das Dorf in den Bergen unberührt und verfiel langsam. So konnte sich der venezianische Charakter des Bergdorfes in einer sehr reinen Form erhalten.

Schließlich wurde der Ort von Nachfahren der Auswanderer wiederentdeckt und eine erste Taverne eröffnet. Das Dorf wird als Geisterdorf beworben und gilt heute als Touristenattraktion. Inzwischen hat das Dorf vier Tavernen, ein Kunstatelier, eine Imkerei und eine kleine Pension.

Bezeichnend ist allerdings, dass man ausgerechnet in diesen Tavernen genau die Atmosphäre findet, die man sucht, wenn man sich nach Griechenland aufmacht. An einem kleinen Dorfplatz teilen sich zwei Tavernen das Revier, zwei weitere liegen Richtung Dorfeingang.

Ich entscheide mich für die Bergtour. Schon in Períthia schraubte sich die Straße in immer steiler werdenden Serpentinen den Hang hinauf. Dann fahre ich minutenlang durch Olivenhaine. Dann ein Heiland am Wegesrand, der seine Arme in Richtung der Berge ausbreitet, als würde er sie anrufen oder segnen. Vielleicht ein Gruß aus dem Tal an die Geister der Ahnen in den Bergen?

Mit Loutses, einem Bergdorf mit weit verstreuten Häusern, erreiche ich den Eingang in eine Hochebene. Hier stehen auch Obstbäume und Pinien. Am Ortsende wird die Straße dann deutlich schlechter, mit Schlaglöchern, in denen ich mich verstecken könnte. Kein Wunder: Jahrzehnte lang hat sie ja auch niemand gebraucht. Hier ist höchste Konzentration gefragt, will ich nicht vom Roller fliegen.

Nach einer Kurve ändert sich wieder die Landschaft: die Bäume weichen Büschen, die Wiesen Felsen. Eine unwirtliche, wilde, felsige Bergwelt! Erst schiebt sich die Straße eher Sanft in das Hochtal hinein, steigt plötzlich noch einmal steil an und eröffnet den Blick zurück an Küste und Meer. Ich nähere mich den flachen Gipfeln, die sich unter dem Pantokrator wegducken. Noch ein paar Bögen und ich durchfahre ein Felsentor. Ich spüre: es kann nicht mehr weit sein!

Und tatsächlich betrete ich gerade eine liebliche Hochebene mit sanften Hügeln, Bäumen und Sträuchern, deren Blätter in der Nachmittagssonne funkeln. Ein Paradies. Ein Garten der Götter. Und schon erreiche ich ich den Eingang zu Dorf. Eine große, rosafarbene Kirche markiert den Dorfrand. Ab hier muss ich meinen Roller zurücklassen.

Ich durchstreife das zum großen Teil verlassene Dorf. Die blanken, unverputzten Steine strahlen die vergangene Mittagssonne zurück. Manche der Häuser kann man betreten – auf eigene Gefahr! An manchen Häusern hängen Schilder mit Telefonnummern oder „Zu verkaufen“. Nachdem hier erste Häuser schon wieder instant gesetzt wurden, für Griechen mit Geld vielleicht sogar eine Option.

Mein Weg führt mich zu einem kleinen Marktplatz, an dem zwei Tavernen in Betrieb sind. Ich entscheide mich für den Blick auf den Pantokrator – von hier aus so nah und trotzdem unerreichbarer den je – wo ich unter einem Dach aus Wein meinen griechischen Kaffee genieße.

Einen Moment lang werde ich stutzig. Hier sitzt man unter dem Blätterdach von Weinranken. Sollte der Wirt hier etwa Weinreben aus Plastik angebracht haben?

Der genaue Blick offenbart: der Wein ist echt! Wie dieses Foto belegt. So ist der Held dieser Geschichte nicht der Kaffee, sondern das Dach aus Wein unter dem ich ihn genieße!

Es sind nur wenige Besucher im Ort. Ich weiß nicht, ob es an der Stimmung im Ort liegt, aber sie sprechen mit gedämpfter Stimme. Es geht auf sechs zu. Ich spiele mit dem Gedanken hier zu Abend zu essen. Wäre da nicht die Rückfahrt, die auf dem Roller recht zugig und anstrengend ausfallen kann. Also genieße ich noch einen letzten Schluck und sende einen Stummen Gruß zum großen Patokrator, dann mache ich mich auf den Rückweg.

Das meiste geht ja bergab, wobei ich gerade beim ersten Stück des Rückwegs höllisch aufpassen muss, der Schlaglöcher wegen. Nach Loutses lasse ich den Roller laufen. Es geht schnell bergab, wird aber von Minute zu Minute frischer. Als ich die Hauptstraße an der Tankstelle erreiche, wärmen mich die letzten Sonnenstrahlen noch einmal auf. Schon einmal habe ich von der Rückfahrt von Kassiopi gefroren. Diese Fahrt kommt dem Nahe.

Nur gut, dass die Straße diesmal trocken ist! So komme ich doch besser voran, als im Jahr davor, da die Kurven weniger problematisch ist. Dann habe ich Glück: ein gutes Stück des Wegs kann ich mich hinter einen Bus klemmen. Der hat in etwa das selbe Tempo wie ich und ich habe keine Probleme mit nachfolgenden oder entgegenkommenden Autos. Ich bleibe hinter dem Bus bis Ipsos, dann wird die Straße besser und ich muss ihn ziehen lassen.

Zurück im Hotel gönne ich mir erstmal ein Bier auf der Terrasse und schreibe mein Korfiotisches Kaffee-Tagebuch weiter. Es gab viel zu erleben heute! Vom Weißen Haus der Durrells über ein verlassenes Kloster bis zum Geisterdorf. In der letzten Wärme des Abends taue ich langsam wieder auf.

Abends in der Taverne gönne ich mir ein zweites Bier und ein Sofrito, eine Spezialität Korfus. Dieses traditionelle Rezept fehlt in keinem Korfiotischen Haushalt.  Der Name kommt vom italienischen „So fritto“ was so viel wie vorsichtig geschmort bedeutet und aus der Zeit der Venezianer auf der Insel stammt. Sorfito sind dünne Rind- oder Kalbsscheiben mit Wein, viel Knoblauch und Petersilie. Wie man sehen kann sehr lecker. Den Rest des Abends bestreitet das opulente griechische Fernsehprogramm, doch davon ein andermal mehr.

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Was für eine Tour!

Wenn Du diesen griechischen Moment mit mir gemeinsam erleben möchtest, dann freue ich mich, wenn Du mich auf das nächste Sofrito einladen möchtest.

9,80 €

9 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Paléo Períthia, das Geisterdorf

  1. Ein Fix-Bier! 🙂 Das hat eine lange und ziemlich interessante Geschichte: Als Otto, der zweitgeborene Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., König von Griechenland wurde, hat er in seinem Gefolge auch einen Münchner Braumeister namens Fix mitgenommen, um seinen zukünftigen Untertanen beizubringen, wia ma a gscheits Bier braut. 😉 Die Nachkommen des Münchner Braumeisters sind in Griechenland geblieben, nachdem Otto I. und seine Frau ins Exil gehen mussten. Das Brauhandwerk wurde von Generation zu Generation vererbt, und deshalb gibt es auch heutzutage noch das Fix-Bier. 😉

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