Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Rückkehr nach Kerkyra III – Begegnung mit einem Heiligen

Ich war schon kurz davor am Liston meinen Kaffee zu trinken, da sah ich wie das goldene Nachmittagslicht sich seinen Weg bahnte durch die Gassen und Plätze, wie es die Nikiforou Theotoki, eine der breiteren Gassen der venezianischen Altstadt, beinahe unwirklich erleuchtete und es mich geradezu magisch hineinsog in das Gewirr der Straßen.

Ein paar Gebäude wurden regelrecht erleuchtet, wie das Rathaus aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, dass heute das San Giacomo Theater beherbergt. Früher Adelscasino wurde der Bau im typisch venezianischen Stil mit Maskenköpfen über Fensterbögen und Fassadenmedaillons – unter anderem mit der Phäakenprinzessin Nausikaa oder dem Flügelross Pegasus – verziert.

Oder die Kathedrale St. Jakobus und Christopherus, auch Katholische Kathedrale von Korfu, das römisch-katholische Zentrum des des Erzbistums Korfu, Zakynthos und Kefalonia. Sie sollte den Machtanspruch der katholischen Kirche auf den Inseln zementieren. Sie wurde am 31. Dezember 1553 von Giacomo Cauco, Erzbischof von Korfu, geweiht. Von der deutschen Luftwaffe 1943 vollständig zerstört, zog sich ihr Wiederaufbau bis 1970 hin. Bei einer Sanierung im Jahre 1905 erhielt sie bereits ihre heutige Form.

Geradezu unscheinbar hingegen nimmt sich da die Kirche Agios Spyridonas aus! Die dem heiligen Spyridon geweihte Kirche wurde in den 1580er Jahren gebaut und ihr Glockenturm ist der höchste auf den Ionischen Inseln. Sie beherbergt die Reliquien des Heiligen Spyridon, des „Inselheiligen“. Und da muss ich wieder etwas weiter ausholen…

„Die Insel ist der Heilige, und der Heilige ist die Insel“, schreibt Lawrence Durrell in seinem Buch „Schwarze Oliven – Korfu, Insel der Phäaken“. „Fast alle männlichen Kinder sind nach ihm benannt. Alle Inselschiffe tragen sein Bild in Blech gestanzt – Bart und kummervolle Braue – an die Masten aus frischem Zedernholz genagelt. In seinem Namen ausgesprochen, wird ein Eid zum heiligsten aller Eide, denn fast zweitausend Jahre nach seinem Tode lebt St. Spiridon noch immer auf Korfu.“

Geboren auf Zypern lebte er als armer Schafhirte. Nach dem Tod seiner Frau widmete er sein Leben der Kirche, wurde zum Bischof seiner Heimatstadt geweiht, was ihm die Teilnahme am Konzil von Nicäa 325 ermöglicht haben soll und auf dem er der Legende Nach Wunder wirkte. Die weit spannendere Geschichte allerdings entspinnt sich erst nach seinem Tod. Denn als Zypern von den Sarazenen erobert wurde und man sein Grab öffnete um seine sterblichen Überreste nach Konstantinopel zu überführen, da war sein Körper unversehrt und duftete der Überlieferung nach nach Basilikum – Beweis genug seiner Heiligkeit.

Etwa während des Falls der Stadt Konstantinopel geriet der Leichnam des Heiligen in Privatbesitz. Zum Schutz vor Verwesung wurde er einbalsamiert und zum Schutz vor den Muslimen nach Konstantinopel gebracht und zwar von dem korfiotischen Priester Giorgios Kalochairetis, der offensichtlich zu der Zeit einen schwunghaften Handel mit Leichnamen betrieb, denn in Seinem Besitz befand sich auch die Mumie der heiligen Theodora Augusta. In Säcke gepackt und auf Esel geladen erreichte die kostbare Fracht schließlich Korfu.

Als Privatbesitz unterlagen die Heiligen dem Erbrecht. Während die beiden älteren Söhne je einen halben Spyridon von ihrem Vater Kalochairetis erbten, musste sich der jüngste Sohn mit der heiligen Theodora Augusta begnügen, wenn auch der ganzen. Ein lohnendes Geschäft wurde der Heilige erst, als man ihn der Enkeltochter des Kalochairetis als Mitgift Asimia vermachte. So ging die Reliquie in den Besitz der Familie Bulgari über, die so ihre Privatkirche zur Wallfahrtsstätte der Huldigung Spyridons aufwertete. Ein Versuch den Heiligen nach Venedig zu überführen, wo man sich höhere Gewinne versprach, scheiterte am erbitterten Widerstand der Korfioten, die nicht mehr auf ihn verzichten wollten.

Viermal im Jahr wird der Schrein Spyridons in einer großen Prozession durch die Straßen Korfus getragen, wobei der Heilige etwas missmutig das Treiben um ihn zu betrachten scheint. Trotzdem wirkt er mehrfach Wunder, im Großen wie im Kleinen, und hat mehrfach Korfu und seine Bewohner vor Pest, Hungersnot und den Osmanen bewahrt. Fotografieren ist in der Kirche übrigens strengstens verboten, weshalb Ihr Euch den inzwischen schwarz gewordenen und etwas verschrumpelten Leichnam des heiligen Spyridon einfach vorstellen müsst.

Ich jedenfalls dachte mir, dass ich einem Heiligen wohl nie näher kommen würde als dort und stattete ihm einen Besuch ab. Es ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich, sich der mystischen Aura der Kapelle zu entziehen. Geduldig wartet man in einer Schlange, die Damen alle mit Kopftuch, bei den Männern ist man großzügiger, bis ein Pope mit einer Seilwinde den silberbeschlagenen Sargdeckel anhebt. Schon beginnt er mit seiner melodiösen Litanei, während die orthodoxen Korfioten längst wissen, was zu tun ist. Erst begibt man sich zu den Füßen den Heiligen, dann zu seinem Antlitz, beides hinter Glas.

Für jeden Besuch bleiben nur wenige Sekunden. Dankbar war ich dem Popen, der mir weniger geübten Besucher mit kleinen, für die anderen unsichtbaren Zeichen bedeutete, was zu tun sei. Von dem Küssen der verschmierten Glasscheiben nahm ich Abstand. Doch – nachdem ich schon einmal hier bin – um was sollte ich bitten? Mit fiel da mein lädiertes Knie ein. Schaden kann es ja nichts. Als ich an der Reihe war ging ich also wie mir vom singenden Priester bedeutet zuerst zu den Füßen, dann nach einigen Augenblicken zum Kopf des Heiligen. Auch, wenn er in der Grundtendenz etwas missmutig ausschaut, so strahlt er doch eine ganz eigene Güte aus. Schon war der kurze Augenblick vorbei und ich stand wieder an der Schwelle der Kirchenpforte. Und ich bilde mir ein, dass es meinem Knie seitdem besser geht.

In einem Supermarkt besorgte ich mir Getränke. Neben dem Ausgang war ein kleiner Rastplatz eingerichtet. So ließ ich das eben erlebte in mir nachklingen. Jetzt wird es aber Zeit mir einen Kaffee zu suchen…

Das war ja ein ganz besonderer und spiritueller Moment!

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2 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Rückkehr nach Kerkyra III – Begegnung mit einem Heiligen

  1. Wer, wenn nicht du, schwebt mühelos vom Hier und Jetzt ins 16. und 17. Jahrhundert, macht einen kurzen Stop im 2. Weltkrieg und endet den Artikel mit einer spirituellen Begegnung und kalten Getränken? 🤩
    Ich lese deine Reiseberichte sehr, SEHR gerne. 🇬🇷😍

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