Bitterer Kaffee: auch 20 Jahre nach Vertreibung keine Entschädigung

„Neumann Kaffee Gruppe: Faire Entschädigung für die Vertriebenen – Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät!“ Unter diesem Motto stand am Samstagabend, den 2. Oktober 2021, eine Open Air-Veranstaltung eines zivilgesellschaftlichen Bündnisses auf den Magellan-Terrassen in der Hamburger Hafencity. Mit Film, Live-Musik von Angelina Akpovo und Redebeiträgen machten die Organisationen auf eine Vertreibung von rund 4.000 Menschen in Uganda aufmerksam, die in Zusammenhang steht mit der Errichtung einer Kaffeeplantage der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe, ein weltweit führendes Unternehmen im Rohkaffeehandel.

„Mit unserer Veranstaltung nahe der Zentrale der Neumann Kaffee Gruppe machen wir deutlich, dass wir auch 20 Jahre nach der Vertreibung die Menschenrechtsverletzungen nicht hinnehmen – wir fordern, dass Neumann sich für die Rechte der Vertriebenen einsetzt – eine faire Entschädigung ist dafür unverzichtbar“, so Gertrud Falk von der Menschenrechtsorganisation FIAN.

Vor 20 Jahren, am 18.08.2001, vertrieb die ugandische Armee mehr als 4.000 Menschen brutal von ihrem Land im Bezirk Mubende. Die Regierung von Uganda hatte die Flächen zuvor an die Kaweri Coffee Plantation Ltd, eine Tochterfirma der Neumann Kaffee Gruppe aus Hamburg verpachtet. Bis heute sind die Betroffenen nicht entschädigt worden. Viele leiden unter Hunger und extremer Armut. „Dieser Tag markiert 20 Jahre unserer gewaltsamen Zwangsenteignung und andauernder Ungerechtigkeit gegen uns. Während Menschen weltweit Millionen von Tassen Kaffee genießen, tragen wir weiterhin die Last dieses profitgesteuerten Kaffeeunternehmens, welches uns all unserer Rechte beraubte, um in Würde zu leben“, sagt Peter Baleke Kayiira, Sprecher der Vertriebenen.

Am 17. August 2001 hatte das ugandische Militär damit begonnen, Kayiira und etwa 4.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer Kitemba, Luwunga, Kijunga und Kiryamakobe brutal zu vertreiben. Insgesamt wurden 2.524 Hektar Land geräumt. Hierdurch wurde der Weg freigemacht für einen 99-jährigen Pachtvertrag an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. Diese befindet sich vollständig im Besitz der in Deutschland ansässigen Neumann Kaffee Gruppe, einem weltweit führenden Rohkaffee-Händler. Während der fünftägigen Zwangsräumung, die bis zum 21. August andauerte, verloren die Vertriebenen ihren gesamten Besitz. Sie wurden bedroht und mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Viele wurden geschlagen. Ihre Häuser wurden abgebrannt, ihr Eigentum geplündert und ihre Ernten zerstört. Die Gesundheitseinrichtungen und Kirchen der vier Dörfer wurden abgerissen, die Grundschule wurde zum Hauptgebäude der Plantage. Diese Praktik ist als „Land Grabbing“ bekannt.

Bereits seit 2002 versuchen die Vertriebenen Gerechtigkeit zu erlangen. Ein Jahr nach der Vertreibung hatten sie Klage gegen die Kaweri Coffee Plantation Ltd. und die ugandische Regierung eingereicht. Dennoch sind sie bis heute weder für die Enteignung entschädigt worden, noch haben sie ihr Land zurückbekommen oder anderes Land erhalten. 2019 hat das Gericht ein Mediationsverfahren angeordnet, das bis heute andauert. Einige Vertriebene sind bereit, das geringe Entschädigungsangebot der Staatsanwaltschaft im Rahmen dieses Verfahrens anzunehmen, obwohl es unklar ist, ob sie tatsächlich entschädigt werden. Die Übrigen möchten das Gerichtsverfahren zu Ende führen. „Einige von uns sind bereits gestorben. Dennoch warten wir immer noch auf Gerechtigkeit“, erklärt eine Betroffene.

Diese Geschichte wird im Dokumentarfilm „Bitterer Kaffee – Bauern kämpfen um ihr Land“ von Michael Enger ausführlich erzählt. Enger lebt und arbeitet in Hamburg als freier Autor, Regisseur und Produzent. Schwerpunkt sind Reportagen, Feature, Dokumentarfilme, Dokumentationen, insbesondere zu den Themen Menschenrechte beziehungsweise Menschenrechtsverletzungen, Militarismus, Kriegsdienstverweigerung, Ökologie und soziale Bewegungen. Bereits 1988 machte er mit dem Film „Türkischer Terror“ auf sich aufmerksam. Mit zu seinen bekanntesten Produktionen gehört die Dokumentation „David gegen Goliath. Der Kampf der mexikanischen Arbeiter gegen Continental“. „Bitterer Kaffee“ lief 2020 unter anderem auf Phoenix. Jetzt wurde der Film im Rahmen der Veranstaltung vor dem Gebäude des Neumann-Konzerns aufgeführt.

Nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Bitterer Kaffee“ von Michael Enger, der neben den Hintergründen und Folgen der Vertreibung auch das Gerichtsverfahrens, dass sich bis heute hinzieht, beleuchtet, meldete sich Peter Kayiira, ein Sprecher der Vertriebenen über eine Live-Schaltung aus Uganda zu Wort: „Wir fordern die Neumann Kaffee Gruppe auf, sich für eine Sondersitzung des Gerichts einzusetzen, damit wir nach 20 Jahren endlich Rechtssicherheit haben – die Auszahlung einer angemessenen Entschädigung ist längst überfällig.“

„Die Hamburger Initiative Lieferkettengesetz unterstützt die Forderungen der Vertriebenen. Dieser Fall macht deutlich, dass das Inkrafttreten des Lieferkettengesetzes dringend nötig ist, um zukünftig für einen besseren Schutz von Menschenrechten in globalen Lieferketten deutscher Unternehmen zu sorgen“, erläutert Julia Sievers von der Agrar Koordination. An diesem Abend – nur einen Tag nach dem „Internationalen Tag des Kaffees“, bei dem sich die Kaffeebranche hauptsächlich selbst feiert – unterstützten zahlreiche Menschen mit ihrer Unterschrift den Appell an die Neumann Kaffee Gruppe, sich für Gerechtigkeit für die Vertriebenen einzusetzen – nun wartet das Bündnis auf eine Reaktion des Konzerns.

Bildrechte und Quelle: ots/obs, Original-Content von: FIAN Deutschland, übermittelt durch news aktuell, Phoenix, Goliathwatch.

Hier wurde auf Coffenewstom schon über dieses Thema berichtet:

Bitterer Kaffee – Bauern kämpfen um ihr Land

Mit einem Lieferkettengesetz wäre das nicht passiert: Land Grabbing in Uganda

Neumann Kaffee: 20 Jahre Land Grabbing in Uganda

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5 Gedanken zu “Bitterer Kaffee: auch 20 Jahre nach Vertreibung keine Entschädigung

  1. Diese Art des Land Grabbing ist ein düsteres Kapitel in vielen Ländern Afrikas, leider. Man kann nur hoffen, dass die Betroffenen bzw. ihre Nachkommen endlich entschädigt werden, dass letzendlich die Gerechtigkeit siegt.

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