Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Rückkehr nach Kerkyra I – Spianada und die Geschichte Korfus

Das erste, was einem auffällt ist das Licht. Das scheint anders in Griechenland und auf den griechischen Inseln. Und weil das Licht besonders ist, erscheinen auch das Grün der Olivenbäume, das Blau des Himmels und des Meeres besonders. Man sagt, die griechische Landschaft sei wie keine andere und wird in drei Elemente unterteilt: Wasser, Land und Licht. Berühmte Dichter, Künstler und Fotografen haben das Licht Griechenlands beschrieben, darunter Aelius Aristides, Erich Kästner und die Durrell-Brüder. Auch der Gründungsrektor der Universität Wittenberg erzählte Martin Luther von der Besonderheit des „Attischen Lichtes“, denn das Licht Griechenlands soll besonders in Athen und Attika scheinen, wie seit der Antike berichtet wird. Dieses „Griechische Licht“ ergießt sich auch über die Ionischen Inseln und Korfu. Man muss es mit eigenen Augen gesehen und selbst erlebt haben, um zu wissen, welche besondere Rolle es spielt.

Im warmen Licht des frühen Nachmittags schwinge ich mich auf den Roller und fahre die Strecke, wie ich sie vor einem Jahr schon gefahren und geliebt habe. Die EO24, die gut ausgebaute Paleokastritsa bis zur Stadtgrenze, doch statt der Hauptroute zu folgen biege ich dort links ab Richtung Hafen. Hier liegen drei Kreuzfahrtschiffe vor Anker. Es sieht aus, als würden sie die Stadt belagern. Gleich öffnen sie die Luken und beginnen auf Kerkyra zu feuern. Dann werden sich die Menschenmassen aus den Bäuchen der Schiffriesen auf die Altstadt ergießen um sie endgültig zu erobern.

Nach dem Hafen geht es scharf rechts, den Hügel steil nach oben. Die Straße fährt zwischen der Neuen Festung und einer vorgelagerten Festungsmauer wie durch eine Schlucht. Dann geht links und am Zentralen Markt vorbei und wieder abwärts in die Neustadt. Unterhalb des „Bella Venecia Hotels“ geht es zwei Mal links und schon zeigt sich der erste, schmale Streifen Meer vor der Alten Festung. Eine Kurve noch, um das rote Gebäude der ersten Ionischen Universität und man erreicht den Spianada, ein Platz, der einem auf einen Blick die ganze neuzeitliche Geschichte Korfus offenbart!

Der Spianada, die weitläufige Esplanade ist der Mittelpunkt allen sozialen und geselligen Lebens, Schauplatz der allabendlichen vólta, des traditionellen Flanierens, sowie gelegentlicher Paraden. Die Venezianer schufen sie im 17. Jahrhundert. Bis dahin hatten die Häuser der Stadt noch unmittelbar bis an die Alte Festung herangereicht. Das Militär ließ sie abreißen, um im Falle einer Belagerung freies Schussfeld zu haben. Später diente diese Grünfläche als Exerzierplatz. Heute wird auf dem Rasen Kricket gespielt.

Die von der Festung aus gesehen linke Stadtseite wird geprägt von italienischen Bauten im venezianischen Stil und zum Teil noch original aus der Zeit. Das älteste Gebäude der Stadt stammt aus dem Jahr 1497. Rechts hingegen dominiert der Liston, vor dem sich auch das Kricketfeld befindet. Er wurde vom Ingenieur Mathieu de Lesseps während der kurzen französischen Besatzungszeit 1807 entworfen, der das Rue Rivoli von Paris als Modell genommen hat. Einer der vorherrschenden Theorien zufolge leitet sich der Name Liston aus dem Wort „Liste“ ab, in der die Namen der Adeligen eingetragen waren, das sogenannte „Libro d’ Oro“, denen der Zutritt in dieser Gegend erlaubt war. Während die Südflanke des Platzes einen Spalt frei lässt und damit den Blick auf die Bucht von Garitsa erlaubt, wird die Nordseite vom ehemaligen Gouverneurspalast begrenzt.

Derweil vor dem Liston wie schon erwähnt das Kricketfeld und ein Parkplatz liegen, was angesichts tief fliegender Kricketbälle eher unpassend scheint, erstreckt sich im Süden der größere Teil mit einem weitläufigen Park. In den schattigen Parkanlagen steigt eine Fontäne auf. In und um den Park wurden eine Reihe von Denkmälern errichtet, die von berühmten Persönlichkeiten der neuzeitlichen Vergangenheit der Insel berichten. Das älteste Denkmal ist das von Matthias Johann von der Schulenburg, einem brillanten Feldherren und Diplomaten gleichermaßen, der seine Karriere als Generalleutnant in der Armee von August dem Starken begann. Als Feldmarschall der Republik Venedig verteidigte er 1716 erfolgreich Korfu gegen die osmanischen Truppen und stellte dabei seine Qualitäten in der Defensive unter Beweis. Schon vier Jahre später errichtete man seine Marmorstatue direkt vor der Alten Festung.

Am Südende der Esplanade vor dem Gebäude der ersten Ionischen Universität steht das Standbild von Ioannis Kapodistrias. Der 1776 auf Korfu geborene Adlige machte sich als geschickter Organisator einen Namen. So erhielt er 1800 den Auftrag, die Verwaltung der Inseln Kefalonia, Santa Maura und Ithaka zu ordnen, wurde sodann Senatssekretär, arbeitete mit Theotokis und Mocenigo zusammen die neue Verfassung aus und übernahm 1803 das Ministerium des Innern, dann das des Auswärtigen. Nach mehreren Jahren in Russland als Staatssekretär wurde er im April 1827 von der Griechischen Nationalversammlung zum ersten Präsidenten Griechenlands gewählt. Korfu gehörte damals noch nicht dazu. Früher zierte sein Konterfei den 500-Drachmen-Schein, heute ist der Flughafen auf Korfu nach ihm benannt.

Von Kapodistrias sind es nur wenige Schritte zu Rotunde, dem Denkmal für Lord Thomas Maitland. Der britische Offizier bewährte sich als Gouverneur in Ceylon. Während der Napoleonische Kriege auf der Iberischen Halbinsel diente er 1812 unter Wellington, musste aber dann aus gesundheitsgründen aus dem Militär ausscheiden. Von 1813 bis zu seinem Tod1824 war Maitland Gouverneur von Malta. Darüber hinaus übte er von 1815 an zusätzlich das Amt des Lord-Hochkommissars der Ionischen Inseln aus.

Sein Nachfolger, der schottisch-britische Offizier Sir Frederick Adam, steht auf der gegenüber liegenden Parkseite vor dem Gouverneurspalast. 1815 diente er während der Schlacht von Waterloo als Kommandeur einer leichten Brigade. Unter dem Kommando von Colonel John Colborne gelang es ihm und seinen Männern den letzten entscheidenden Angriff der Kaisergarde Napoleons zurück zu schlagen. Von 1824 bis 1832 war er als Nachfolger von Maitland Lord-Hochkommissar auf den Ionischen Inseln, wo er sich besonders durch öffentliche Bauten auf Korfu verdient machte, darunter auch Schloss Mon Repos.

Besondere Bedeutung kommt einem in der Mitte des Platzes aufgestellten Denkmal zu. Das Monument erinnert an die Vereinigung der Ionischen Inseln mit dem freien Griechenland im Jahr 1864. Es zeigt sieben Bronzereliefs mit Symbolen der sieben Hauptinseln. Für Korfu ist es das Schiff der Phäaken, jenes sagenhaften Volks, das nach Homer einst auf Korfu lebte und Odysseus mit einem Schiff zurück in seine Heimat Ithaka brachte.

Morgen geht es weiter! Die Phäaken spielen dort eine wichtige Rolle…

Bis der Kaffeedurst gestillt wird…

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4 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch II: Rückkehr nach Kerkyra I – Spianada und die Geschichte Korfus

  1. Ein sehr interessanter Beitrag, der auch die geschichtlichen Hintergründe interessant werden lässt. Das kannst Du wirklich sehr gut, das ist eine besondere Gabe. Jedenfalls vielen Dank dafür und einen schönen Sonntag. LG Marie

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