Bosnischer Kaffee-Moment: der Sankt-Josephs-Friedhof, Koševo, Sarajevo

In Sichtweite des Ciglane markale befinden sich gleich mehrere Friedhöfe. Südlich von der Ciglane-Brücke der ältere Sankt-Josephs-Friedhof, nördlich der Brücke der jüngere Sankt-Markus-Friedhof. Der wiederum grenzt direkt an den Muslimischen Friedhof Mezarje Stadion. Über den Daumen bestehen ungefähr ein Drittel des Stadtteils Koševo entweder aus Sportstätten, oder aus Friedhöfen und Parks – wenn nicht sogar mehr. So oder so, eine gewagte Mischung.

Mir hat für diesen Tag ein Friedhof gereicht, weshalb ich mich für den Sankt-Josephs-Friedhof entschieden habe. Der einzige Eingang liegt an der Patriotske lige, also genau gegenüber der Alipašina und damit auch weit weg vom Eingang des Marktes. Trotzdem habe ich diesen Marsch in praller Mittagssonne in Kauf genommen, denn dieser Friedhof hat mich schon vom Bus aus fasziniert.

Mit der Besetzung Bosniens durch die Truppen der Habsburger Monarchie hielt auch die östereichisch-ungarische Verwaltung in Sarajevo Einzug. Also Folge des russisch-osmanischen Krieges 1877, den das Osmanische Reich verlor, bekam Österreich-Ungarn auf der Berliner Konferenz das Recht zugesprochen die Provinz Bosnien und die Region Herzegowina militärisch besetzen und auf einen unbestimmten Zeitraum verwalten zu dürfen. Das Gebiet blieb nominell weiterhin Bestandteil des Osmanischen Reiches.

Erst, als die Donau-Monarchie daran ging, ihrem Anspruch mit militärischen Mitteln Nachdruck zu verleihen, indem sie ein Herr von über 80.000 Mann in Marsch setzen, trafen sie auf heftige Gegenwehr. Der hartnäckige Widerstand der Muslime wurde von den Österreichern erwartet, als realisiert wurde, dass nach einer k. u. k. Besetzung des Gebiets die bosnischen Muslime ihren privilegierten Status verlieren würden.

Das Ziel Österreichs war es, Bosnien und Herzegowina nach der Besetzung zu stabilisieren und mit einer Reihe von sozialen und administrativen Reformen beginnen. Die relative Befriedung fand ihr Ende, als Österreich Bosnien 1908 offiziell annektierte. Grund dafür war die Sorge, dass die „Jungtürkische Bewegung“ versuchen könnte, das Osmanische Reich wieder herzustellen. Am Ende führten die Ressentiments, die in der Bevölkerung aufgrund der Annexion geschürt wurden, zum Attentat von Sarajevo – und damit zum Ersten Weltkrieg.

Zurück ins Jahr 1878. Mit der Errichtung der österreichisch-ungarischen Verwaltung wurden Bestattungen im Stadtzentrum aus hygienischen Gründen untersagt. Der im 16. Jahrhundert von Muslihudin Hajji Mustafa Čekrekčija gegründete Friedhof auf dem Gelände des heutigen Veliki Parks wurde geschlossen, dafür etwas weiter nördlich der Sankt-Josephs-Friedhof. Die Grabsteine erzählen von der k. u. k. Zeit und den engen Verbindungen zwischen Österreich und Bosnien – auch nach dem ersten Weltkrieg.

Ein Versuch diese Bande wieder zu knüpfen war das Österreich-Haus. Das erste Österreich-Haus im Ausland gab es 1960 auf Initiative der Wirtschaftskammer bei den Olympischen Winterspielen in Squaw Valley. Nach der einfachen Blockhütte von 1960 wurde für die Olympischen Winterspiele 1968 (Grenoble) das erste Mal ein eigenes repräsentatives Gebäude errichtet. Es wurde als Institution auch schon 1970 bei Weltmeisterschaften (Alpin-WM Gröden) eingeführt, wo das Bauwerk von 1968 wiederverwendet wurde. Das erste offizielle olympische Österreich-Haus entstand für die Winterspiele 1984 (Sarajevo).

Ursprünglich wurde das Österreichhaus als Präsentationsmöglichkeit für österreichische Wirtschaftsprodukte genutzt. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Konzept aber zum „Publikumsmagnet und Kommunikationszentrum während Olympischer Spiele […], welches von Athleten, Betreuern, Journalisten, Sponsoren, Gästen und Freunden Österreichs gerne besucht wird. Der dem Ö-Haus vorauseilende Ruf von besonderer Gastlichkeit lockt auch jedes Mal viel Prominenz aus allen Gesellschaftsbereichen an.“ (Quelle: Wikipedia)

Das Österreich-Haus in unmittelbarer Nähe zum Friedhof und zum Olympischen Dorf wurde im Bosnien-Krieg bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ein offenbar traumatisches Erlebnis für die Erbauer. Auf der offiziellen Seite der Österreich-Häuser wird es nicht mehr aufgeführt. Immerhin eine gute Überleitung zum nächsten Thema: dem Olympischen Dorf…

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