Bosnische Kaffee-Erinnerungen: Koševo und Pijaca Ciglane Markale

Der Duft von gegrilltem Fleisch durchzieht die ganze Unterführung. Hammel, Ziegen und Hühner drehen sich auf Spießen. Dazwischen Obst- und Gemüsestände, Bäckereien mit Fladenbrot noch dampfend frisch aus dem Ofen, doch auch Kleidung, Kosmetikartikel und Waren des täglichen Bedarfs werden hier verkauft. Laute Stimmen von allen Seiten. Es ist, als würde der Markt und seine Menschen gegen das Brausen des Verkehrs, der sie umtost, anschreien. Und der Verkehr ist neben dem Markt und über dem Markt, der sich wie schutzsuchend unter der Brücke von Ciglane kauert.

Wir sind auf dem Ciglane Markale. Auf Foursquare wird er beschönigend als Bauernmarkt bezeichnet. Er ist es und er ist es gleichzeitig auch wieder nicht. Denn Ciglane ist auch Flomarkt, Autowerkstatt, Kiosk, Freiluftcafé. Es gibt hier Backwaren, Obst, Gemüse, Seifen, Waschpulver und Reinigungsmittel, Kleidung, Vorhänge, Blumen, Zeitschriften, Nüsse, Lebensmittel, Getränke. Dabei ist alles irgendwie behelfsmäßig und provisorisch, doch gleichzeitig auch alteingessen und fest installiert. Und darüber eine Decke aus nacktem Beton.

Einen kurzen Blick hatte ich auf den Markt schon auf der Busfahrt nach Sarajevo. Früh morgens nimmt des Bus mit Kobilja Glava die letzte Anhöhe vor der Stadt und stürzt sich dann nach einer langen Linkskurve über die M18 Alipašina in Richtung Tal. Dass die Fahrt bald zu ende sein muss, kündigt ein Blick auf das Stadion Koševo – 1984 Olimpijski Stadion Koševo – dass offiziell seit 2004 Asim Ferhatović Hase Stadion heißt, nach einem Fußballspieler, nur nennt es kaum einer so.

Dann schiebt sich der Bus die schmale Straße zwischen Olympischem Dorf, Markt und Friedhof hindurch. Es folgt eine Prozedur, die dem Busfahrer noch einmal alles abverlangt: am Koševo Park geht es scharf nach links, nach etwa 70 Metern wieder nach links und dann die Patriotske lige praktisch in Gegenrichtung wieder ein Stück zurück. Mit einer letzten Linkskurve kommt man auf die Ciglane Brücke und fährt so noch einmal am Markt vorbei, allerdings praktisch ein paar Etagen höher.

Aber nur so kommt man zur Einfahrt des Ciglane Tunnels, der den Berg mit dem Olympischen Dorf durchschneidet und so eine direkte Zufahrt zum Bahnhof und zum zentralen Busbahnhof ermöglicht. Während der Belagerung lief durch diesen Tunnel eine der wichtigsten Schmuggelrouten zur Versorgung der Stadt. Der Eingang war hart umkämpft, bis die Serben zumindest diesen Weg blockieren konnten. Auch, in dem sie die Ciglane Brücke zerstörten, weshalb zwei Stümpfe lange Zeit sinnlos in den Himmel ragten. Eine Spur endet 2008 immer noch im Nichts. Dass sie je wieder aufgebaut wird ist nicht zuletzt wegen des darunter liegenden Marktes eher unwahrscheinlich. So lange wird sie als Parkplatz genutzt.

Doch wie hinkommen? Ich hatte Euch ja in der Maršala Tita verlassen. Wo die eine leichte Linkskurve in Richtung Miljaka macht liegen gegenüber des modernen BBI Centar, einem Einkaufszentrum, der Veliki Park und der weit kleinere Mali Park. In diesen beiden Stadtparks kann man unter anderem jahrhundertealte muslimische Grabsteine aus osmanischer Zeit betrachten. Hier zweigen von der Maršala Tita nach rechts zuerst die Koševo und dann die Alipašina ab, die sich am Gesundheitsministerium mit der Maršala Tita verbindet. Die wird dann zur M18 und führt als Zmaja od Bosne entlang der Miljaka und der Neubaugebiete Richtung Flughafen und Ilidža.

Das Liniennetz der Straßenbahn in Sarajevo habe ich schnell kapiert. Das habe ich einer hübschen Grafik im Internet zu verdanken. Ganz im Gegensatz zum Busnetz. Davon gibt es nur Fahrpläne, die mir nichts sagen, weil ich die Haltestellen nicht kenne. Ich frage also die Busfahrer „Koševo, molim?“, bis einer nickt. Der ist sogar noch so nett mir an der Haltestelle Ciglane ein „Koševo, Koševo!“ zuzurufen und ich stehe plötzlich genau da, wo ich hin will, am Haupteingang des Marktes!

So stürzte ich mich also in den Tumult, der hier Markt genannt wird, vorbei an den Ständen und Läden, wo hauptsächlich Einheimische einkaufen. Touristen verirren sich kaum hierher. Vielleicht ist das heute ja anders. Ich habe schon viele Märkte gesehen. In Kairo, in Nairobi, in Mombasa, in Paris, Prag, Budapest, Colmar, Mulhouse und Hurghada – keiner war so verwirrend, wie dieser! An meiner Fotografiererei scheint sich keiner zu stören, also lege ich los.

Meinen ersten bosnischen Kaffee trinke ich im Pržionica kafe, einer Art Bude zwischen Zeitschriften und Wein und mit 80 Fening wohl der billigste, den ich auf dieser Reise getrunken habe. Dafür bekomme ich den Inhalt eines Metallkännchens mit deutlichen Gebrauchsspuren, dass praktisch ununterbrochen mit seinen Genossen auf zwei heißen Herdplatten blubbern, in einen kleinen Plastikbecher, an dem man sich die Finger verbrennt.

Deshalb trinke ich meinen zweiten Kaffee auch im Sitzen in einem der Cafés. Viel Platz ist nicht, aber es ist gemütlich. Man ist halt im wahrsten Sinne des Wortes „unter Menschen“ und ob man will oder nicht, man gehört praktisch dazu. Nach den Corona-Erfahrung heute fast unverständlich, damals Alltag. Von meinem Platz aus erhasche ich einen Blick auf das Olympische Dorf. Ein weiteres Ziel meiner Tour, im heutigen Beitrag allerdings nur als Ausblick.

Mangels einer praktischeren Lösung – vielleicht gibt es ja heute eine oder ich habe sie schlicht und ergreifend einfach nicht gefunden – bleibt auch mir nur der Weg um vier Ecken, wie ihn die Busfahrer nehmen müssen. Was natürlich einen Besuch des Friedhofs unumgänglich macht – Thema nächsten Sonntag. Von der Ciglane Brücke gelingen mir noch einige Eindrücke des Marktes von oben. Was das Bild einer Mischung von festen und von improvisierten Ständen nur noch verstärkt. Hinter dem Markt erhebt sich das Stadion.

In der ganzen Stadt und besonders rund um das Stadion hängen Plakate mit dem Namen Dino Merlin. In nur sechs Tagen, am 19. Juli 2008 will der ein Konzert im Stadion Koševo geben. Damals wusste ich noch nicht, wer das war. Später kaufe ich bei einer Roma noch einige Raubkopien von CDs der aktuellen Charthits. Eine CD von Dino Merlin – Ispočetka – gerade aktuell, drängt sie mir förmlich auf.

Damals, am 13. Juli 2008 konnte ich noch nicht ahnen, dass Dino Merlin einmal zu meinen Lieblingssängern gehören wird und dass ich neun Jahre später, am 25. Juli 2015, zusammen mit meiner Frau nach Sarajevo Fahren werde, um ein Konzert von Dino Merlin zu besuchen – Hotel Nacional – in genau diesem Stadion Koševo. Und es wird eines der schönsten Konzerte meines Lebens sein. Doch damals hatte ich davon keine Ahnung. Ich stand nur ratlos vor den Plakaten und fragte mich, was ein Dinosaurier mit einem keltischen Zauberer zu tun hat.

Doch zurück auf die Ciglane Brücke. Den Markt und den Friedhof hatte ich besucht und das Olympische Dorf hatte ich noch vor mir. Es ist viertel vor zwei und die Mittagshitze macht sich breit. Meine Flasche Cokta, die ich auf dem Markt gekauft habe, geht langsam zur Neige. Gut, dass mich gleich das Olympische Dorf mit seinen Schattenplätzen empfängt…

Jetzt einen frisch gebrühten Bosnischen Mokka?

Sehr gerne! Lass uns diesen Bosnischen Kaffee-Moment gemeinsam genießen. Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich über ein Trinkgeld!

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2 Gedanken zu “Bosnische Kaffee-Erinnerungen: Koševo und Pijaca Ciglane Markale

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