Bosnischer Kaffee-Moment: Sarajevo-Stari Grad

Kleine Geschäfte, verrußte Fassaden, manche zerfressen von Bomben- und Granatsplittern, Restaurants mit blinden Fenstern, Bars mit billigen Leuchtreklamen, dazwischen erste renovierte und modernisierte Läden, zweifelhafte Hotels, Handyshops, der erste McDonalds von Bosnien, Banken, Universitäten und Ministerien, die Altstadt von Sarajevo hat viel zu bieten. Jenseits der Touristenströme der Baščaršija und der Ferhadija, einer ansehnlichen Einkaufsstraße und Fußgängerzone spielt sich hier das ganz normale Leben ab, meistens sehr laut, denn die Autos schieben sich hier durch, wie durch eine Schlucht.

Der Verkehr durch die Altstadt fließt hauptsächlich über zwei Einbahnstraßen: in östlicher Richtung entlang der Miljacka über die Obala Kulina bana bis zum Vijećnica, dem ehemaligen Rathaus und Sitz der Nationalbibliothek und zurück über die Mula Mustafe Bašeskije, die nach einigen hundert Metern als Ferhadija bis zum neuen Sarajevo City Center führt. Während die Mula Mustafe Bašeskije eher einer schmalen Gasse gleicht, in der Straßenbahn und Autos sich gegenseitig den Raum streitig machen, erinnert die ehemals repräsentative Maršala Tita an kommunistische Zeiten. Die Meisten Gebäude hier sind jedoch in Ehren ergraut, lassen aber erahnen, wie es hier einmal ausgesehen haben muss.

Blickt man nach Norden, so wird einem schnell klar, dass die Altstadt zwischen Fluss und Berg geklemmt wurde. Die Straßen führen hier steil nach oben oder enden nach wenigen Metern an Treppenstufen. Blickt man nach Süden, so sieht man die schicken Ausläufer der Baščaršija und der Ferhadija, mit Banken und schicken Boutiquen und den etwas feineren Restaurants. Dazu einige Verwaltungsgebäude von Stadt und Land, wie das Innenministerium, die Kantonsverwaltung oder das Gemeindegericht.

In der Mula Mustafe Bašeskije liegt auch der Pijaca Markale, ein Bauernmarkt auf dem man frisches Obst und Gemüse bekommt. Und natürlich aus den Buden unmittelbar daneben Burek oder Cevapi. Als ich das erste Mal an diesem Markt vorbeigegangen bin, vielen mir sofort die Bilder vom Februar 1994 ein. Seit April 1992 belagerten bosnisch-serbische Truppen die Stadt. Um Sarajevo hatten sie 120 Mörser und 250 Panzer aus Beständen der Jugoslawischen Volksarmee aufgestellt und begannen mit ihrem zermürbenden Beschuss. Die, die die Waffen bedienten, kämpften teilweise nur am Samstag und Sonntag, unter der Woche gingen sie zur Arbeit.

Die meisten zivilen Opfer des Krieges kamen durch Mörsergranaten und Scharfschützenschüsse ums Leben. Aufschriften wie „Vorsicht Sniper!“ gehörten in den Kriegsjahren zum Stadtbild. Einen traurigen Rekord erlebte Sarajevo am 22. Juli 1993, als 3777 Granaten abgefeuert wurden. Bei dem anhaltenden Beschuss wurden mehr als 50.000 Personen verletzt, an die 35.000 Häuser wurden zerstört, darunter auch Krankenhäuser, staatliche Einrichtungen, Kulturdenkmäler.

Der schrecklichste Granateinschlag ereignete sich am 5. Februar 1994. Ein Geschoss schlug in den überfüllten Markale-Marktplatz ein und tötete 68 Menschen, 144 wurden verletzt. Am 28. August 1995 schlugen erneut fünf Mörsergranaten in denselben Markt und töteten 37 Menschen, 90 weitere wurden verletzt. Von bosnischen Serben wurde die Verantwortung für die schwersten Mörserangriffe immer wieder bestritten und bosniakisch-muslimischen Truppen zugeschrieben, die ihre eigenen Leute beschossen hätten um die Weltöffentlichkeit zum Eingreifen gegen die Serben zu bewegen – was bezweifelt werden darf.

Aber auch die umliegenden Gebäude wurden in Mitleidenschaft gezogen. Obwohl die Fotos hier natürlich den Stand vom Sommer 2008 zeigen. Inzwischen dürfte einiges renoviert oder abgerissen und neugebaut worden sein. Das betrifft vor allem die Geschäftshäuser. Viele Wohnhäuser habe sich bis heute nicht viel verändert. Die Bausubstanz ist alt. Im östlichen Teil der Altstadt stammen viele Gebäude aus dem 19. Jahrhundert oder sind viel ältere und historische Gebäude. Der westliche Teil mit der Ferhadija ist deutlich jünger. Die meisten Gebäude stammen hier aus der Gründerzeit Jahrhundertwende oder aus kommunistischer Zeit.

Im Osmanischen Reich war Sarajevo Hauptstadt der Provinz Bosnien. Aus dieser Zeit sind einige bedeutende Moscheen erhalten, die mit ihren Minaretten bis heute das Stadtbild prägen, aber auch die Lateinerbrücke, eine der ältesten Brücken über die Miljacka . Im Jahr 1878 wurde die Stadt zusammen mit dem ganzen Land von der Österreichisch-Ungarischen Monarchie okkupiert. Aus der darauf folgenden regen Bautätigkeit stammen die Orthodoxe Kathedrale von 1882 und ihr katholisches Gegenstück von 1889, sowie die Akademie der Künste, gebaut 1899 vom tschechischen Architekten Karel Pařík.

Auch im Rahmen der Olympischen Winterspiele 1984 wurde in Sarajevo viel gebaut. In diesem Fall eher im Stil eines postkommunistischen Brutalismus. Es wurden zwei olympische Dörfer aus dem Boden gestampft, für Frauen und Männer getrennt – eines davon werden wir bald besuchen – und zahlreiche Sportstätten. Was die vorhandene Bausubstanz betraf, so wurde hier eher Kosmetik betrieben: Um die Stadt Sarajevo von ihrer schönen Seite zu zeigen, waren Putzkolonnen mit bei viertausend jugendlichen Unterstützern im Einsatz. An den Verkaufsläden waren Werbetafeln und Aufschriften mit Angeboten für Ananas, Bananen und Kaffee – alles Waren, die üblicherweise nicht am Verkaufsprogramm standen – zu erblicken. 

Meine Waren bekam ich in einem Supermarkt Amko komerc marketi in der Nähe des Pijaca Markale, klein, verschachtelt, aber 2008 der einzige Supermarkt in fußläufiger Reichweite zu meiner Pansion. Die meisten Einheimischen kaufen ihre Waren noch in kleinen Läden, die oft von außen kaum zu identifizieren sind. Dinge, wie Getränke, Zigaretten oder Chips, bekommt man in einem der zahlreichen Kioske mit nur geringem Aufschlag. Doch für meinen konzertierten Großeinkauf von Erinnerungs-Lebensmitteln, Lozovača (auch Grozdowa, eine lokale Variante des Rakija aus Weintrauben, der zusammen mit Kruškovac, einem überall auf dem Balkan beliebten Birnenlikör zu Julischka wird), Sarajevsko-Bier, Cockta, Zucker und natürlich bosnischem Mokka.

Außerdem habe ich dort einige Tütensuppen und Gewürzmischungen erworben: Krem pourtna juha (cremige Gemüsesuppe), Begova čorba (Suppe des Sultans), Sarajevska čorba („Sarajevo-Suppe“) und Mischungen für gefüllte Paprika oder Cevapi. Mittlerweile kenne ich Geschäfte in München, wo ich diese Waren bekommen kann. Noch ein Wort zum Zucker: für den bosnischen Kaffee braucht man bosnischen Zucker, bröselige, etwas ungleichmäßige, leicht graue Würfel. Zum originalen Kaffee gehört natürlich der originale Zucker. Sonst schmeckt es anders.

Der Supermarkt liegt schon im etwas breiteren Teil der Ost-West-Verbindung. Die hat sich als Mula Mustafe Bašeskije schon am Großteil der Altstadt vorbeigeschoben. Nach einer kleinen Kurve am Denkmal „Vječna vatra“ für die Opfer des Zweiten Weltkriegs wird sie zur Maršala Tita. Hier gibt es nicht nur den einzigen McDonalds des Landes, hier residiert auch die Zentralbank in einem Bau, der geschichtsträchtig aussieht, von dem ich aber nicht in Erfahrung bringen konnte, was er für eine Vergangenheit hat.

Meinen Kaffee gab es übrigens im Caffè Elvis, damals doch eher ein Kneipe, durch einen älteren Röhrenfernseher zur Sportsbar erhoben und mit vergitterten Fenstern. Neuere Bilder zeigen das Café ohne Gitter, wobei es mir unbekannt ist, ob es noch existiert. Ich jedenfalls saß draußen, wo die Straßenbahn so knapp vorbeidonnert, dass man sie berühren könnte. Zumindest sieht es so aus. Bei einer Tour durch die Altstadt bestimmt ein geeigneter Platz für eine Kaffeepause. Trotzdem verweilen wir nicht zu lange. Wir haben noch einen Markt, einen Friedhof und ein olympisches Dorf vor uns…

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In Sarajevo findet sich immer ein Platz für eine Kaffeepause!

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Quellen: Wikipedia, Wiener Zeitung.

4 Gedanken zu “Bosnischer Kaffee-Moment: Sarajevo-Stari Grad

  1. Ich lese immer gerne deine bosnischen Geschichten. Sie bringen einem ein wenig die Vergangenheit des Landes näher, dabei alles sehr stimmungsvoll und in kleinen Häppchen. Ich freue mich schon auf weitere Beiträge 🙂

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