Bosnischer Kaffee-Moment: mit dem Taxi durch das Tal der Bosnischen Pyramiden

Er hatte mich gerade noch gesehen – im letzten Moment! – als ich mit rudernden Armen aus der Polizeistation am Bahnhof stürzte. Er war schon dabei loszufahren. Ich musste ihn aber erwischen, da er das letzte Taxi war, dass hier noch auf Fahrgäste gewartet hatte…

Wir sind in Visoko, einer Stadt mit etwa 17.000 Einwohnen im bosnischen Kanton Zenica-Doboy an den Ufern der Bosna. Im Mittelalter war Visoko der Sitz der bosnischen Bane und Könige und um den Berg Visočica ranken sich Sagen und Mythen. So soll dereinst ein König mitsamt Gefolge seinen Feinden durch Tunnel im Berg entkommen sein – zu Pferde! Wir kommen noch darauf. Doch schon die Römer könnten schon hier gewesen sein, vor ihnen die Illyrer und vor 7.000 Jahren Siedler der jungsteinzeitlichen Butmir-Kultur, deren Spuren man 1966 fand.

Doch was verschlägt mich hierher? Ich hatte bei meinen Recherchen vor meiner Reise Zeitungsmeldungen gefunden, nach denen hier Pyramiden stehen sollen. Derer drei will der bosnisch-amerikanische Stahl- und Bauunternehmer Semir „Sam“ Osmanagić ausgemacht haben. Klar, dass ich das erstmal mit eigenen Augen sehen möchte. Mit dem Zug von Zenica hier angekommen, zeigt sich erst einmal der Bahnhof in seiner ganzen Pracht. Bahnsteige gibt es nicht, man steigt praktisch auf Schotter und Wiese aus, das Bahnhofsgebäude stammt aus Habsburger Zeiten.

Da vom Bahnpersonal niemand aufzutreiben ist, frage ich in der Polizeistation nach. Pyramida? Ich bringe in Erfahrung, dass am Bahnhof normalerweise Taxis auf die ankommenden Reisenden warten und ich solle mich besser mal beeilen. Das ist der Grund, weshalb ich wie ein Bekloppter und windmühlenartig mit den Armen wedelnd hinter dem letzten Taxi hinterherrenne. Und es gerade noch erwische, was der Beginn einer obskuren Taxifahrt ist.

Zu den Pyramiden will ich, bedeute ich ihm, auf den Berg. Er ruft für die Fahrt 25,00 Euro auf, was zu der Zeit etwa sein Tagesumsatz sein dürfte. Habe ich eine Wahl? Ich zahle und er tritt seinen alten Mercedes gnadenlos die Straße den Berg hinauf. Dieses Auto hatte schon bessere Zeiten gesehen. Allerdings gab es da noch keine elektrischen Fensterheber. Eh egal, auch die Kurbel war kaputt. Taxameter gab es keins und auch das Radio war tot. Na wunderbar, hoffentlich funktionieren wenigstens die Bremsen…

Kurz unterhalb des Gipfels des Visočica sehe ich das Zelt eines Archäologen-Teams. Spricht hier jemand Englisch? Eine Archäologin tut es und ich bitte sie meinen Taxifahrer, der es nicht tut, hier unter allen Umständen festzuhalten. Er soll auf meine Kosten Essen, Trinken, von mir aus Zeitunglesen, nur bleiben muss er! Auf die Frage, was ich den hier suche, gebe ich mich als Journalist zu erkennen. Mir wird noch gesagt, ich solle die Wege nicht verlassen. Erst vor wenigen Tagen wurden auf dem Gelände noch ein paar Landminen gefunden, die erst noch geborgen und entschärft oder gesprengt werden müssen. Die Ausgrabungsstelle am Gipfel wäre aber sicher.

Während sie mit meinem Taxifahrer spricht, stiefel ich schon mal zum Gipfel. Dort befinden sich die teilweise frisch ausgegrabenen Überreste einer romanischen Kirche, die Teil einer Befestigungsmauer war. Visoko war die Stadt, der Stadt, in der im Mittelalter die bosnischen Könige gekrönt wurden und ihren Sitz hatten. Vielleicht hatten sogar schon die Römer hier einen Beobachtungsposten? Man weiß es nicht, es existieren aber byzantinische Texte, die das nahelegen.

Zurück am Lager finde ich meinen Taxifahrer und die Archäologin bei einem Tee. Sie hat mit ihm meine weitere Route besprochen, die er für sage und schreibe nur noch zusätzlich 15,00 Euro abfahren würde. Im Vergleich zur ersten Etappe ein Schnäppchen. Deshalb schlage ich in den Handel ein. Und es beginnt der wundersame Teil der Reise, in dem zwei Menschen mit verschiedenen Sprachen sprechen – und sich trotzdem verstehen. Die Wörter, die ich in seiner Sprache kenne sind dobro, Minhen, Novinar, Autobuska Stanica, Pivo und Kafu (gut, München, Journalist, Busstation, Bier und Kaffee), deshalb spreche ich deutsch. Er spricht bosnisch. Und er sagt, dass man bei ihm in der Schule noch Russisch gelernt hat (ich verstehe Scola und Ruski) und ich sage aha! Ich sage, dass wir englisch gelernt haben und er sagt aha! So funktioniert das. Er bosnisch, ich deutsch.

Wenn ich etwas fotografieren möchte, dann sage ich „stoj!“. Wenn er meint, dass ich etwas unbedingt fotografieren muss, dann hält er an und deutet auf etwas, was ich dann pflichtschuldigst Ablichte. Auf der Fahrt kommen wir an einem Stollen vorbei, Teil der Pyramiden-Theorie von Osmanagić. Der meinte in den Umrissen des Visočica eine Pyramide zu erkennen. Interessanter Weise nannten die Einwohner den Berg immer schon den Pyramidenberg. Sein Interesse war geweckt und er suchte fortan nach Hinweisen um die Pyramidentheorie zu untermauern.

Das Tunnelsystem im Berg ist ein Teil davon. Hat nicht jede Pyramide Gänge? In diesem liegt ein tonnenschwerer Monolith mit eingravierten Zeichen. Ein Kultgegenstand? Von den Tunneln wussten die Einwohner von Visoko schon länger. Nicht nur die Sage vom durch den Berg reitenden König berichten davon, auch die byzantinischen Schriften. Außerdem nutzen viele hier Teile des Tunnelsystems als Kartoffel- oder Kohlenkeller, so wird mir berichtet. Die Tunnel hier gehören zu der größten Pyramide, vollmundig Pyramida Sunca, Pyramide der Sonne genannt.

Von dort geht es mit dem Taxi zur nicht weniger markig getauften Pyramide des Mondes. Und da wird es das erste Mal wirklich spektakulär. Was hier freigelegt wurde ist, sieht zumindest menschengemacht aus. Mauern, gepflasterte Wege und Straßen, egal ob das ein Bauwerk ist oder nur eine Laune der Natur, es ist sehenswert. Zu Füßen des Hügels hat sich ein kleiner Markt gebildet. Dort wartet mein Taxifahrer auf mich. Nachdem er den Romajungen, der sich an mir festgesaugt hat, verjagt hat, lädt er mich auf ein Bier ein, bevor es zurück geht in die Stadt.

Will ich ins Zentrum oder zum Bahnhof? Ich habe noch etwas Zeit und will mir Visoko noch etwas ansehen. Auf der Fahrt zeigt er mir noch eine Holzkirche und eine Moschee, die ich beide fotografieren muss. Wie ich später erfahre sind beide so etwas wie Sehenswürdigkeiten. Die vermeintliche Holzkirche entpuppt sich nämlich als hölzerne Moschee, von denen es nur ganz wenige gibt. Dann, am zentralen Platz angekommen, scheiden wir als Freunde. Wir haben zwei Stunden miteinander geschwatzt, ohne die Sprache des anderen zu kennen. Warum? Weil wir den anderen verstehen wollten!

Ich schlendere noch etwas durch den Ort, der tatsächlich auch reizvolle Ecken hat. Zusammen mit der „Entdeckung“ der Pyramiden hat sich hier ein zaghafter Tourismus entwickelt. Es gibt ein Pyramiden-Hotel, ein Pyramiden-Restaurant und zahlreiche Souvenir- und Imbissbetriebe. In den Ferien kämen viele Bosnier hierher, um ihr neues Nationalheiligtum zu bestaunen. Hier scheint man gerne an die Pyramiden glauben zu wollen, weil positive Nachrichten so selten sind 2008 in Bosnien.

Das Bild vom Kaffee, den ich in Visoko getrunken habe, muss ich schuldig bleiben, aber ich habe ein Foto vom Café Central. Schon wegen des Namens muss ich hier einkehren. Die Hitze hat mich müde gemacht und ein kräftiger Mokka ist jetzt die ideale Stärkung. Allerdings vergesse ich die Zeit, beziehungsweise ich unterschätze den Rückweg zum Bahnhof. Den alten muslimischen Friedhof und die katholische Franziskanerschule sehe ich mehr oder weniger nur im Vorbeigehen. Zu sehen ist die Franziskanerschule hier hinter dem Busbahnhof.

Tatsächlich schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig zum Bahnhof. Blöd, weil mein Rückfahrtticket noch gilt. Also kehre ich zum Busbahnhof zurück und löse einen Fahrschein für den Bus. Gut, dass es nach Sarajevo nicht mehr so weit ist, weshalb der Fahrpreis niedrig ausfällt. Trotzdem hat der heutige Tag ein Loch in meine Reisekasse gerissen. Umso entspannter sehe ich daher einer Portion Cevapi in der Altstadt von Sarajevo entgegen. In meinem Stammlokal, dass ich mir inzwischen ausgeguckt habe, gibt es die für 10 KM, etwa 5,00 Euro. Und Wasser gibt es umsonst…

Zurück in München schreibe ich eine Reportage über die Bosnischen Pyramiden und biete sie unter anderen der NZZ, der Neuen Züricher Zeitung an. Als ich meiner Reportage hinterher telefoniere, verbindet man mich dort mit dem damaligen stellvertretenden Chefredakteur. Der verpasst mir eine Packung, wie ich denn auf die völlig abwegige, absurde, ja idiotische Idee gekommen bin, dass bosnische Pyramiden etwas für die NZZ sein könnten.

Das Thema hatte sich der Herr Redaktor, wie das in der Schweiz heißt, wohl gemerkt und seinen Balkan-Korrespondenten auf die Geschichte angesetzt. Nicht einmal zwei Wochen nach meinem Anruf erschien in der NZZ eine zweiseitige Reportage über die Pyramiden von Visoko. Nicht abgeschrieben, doch trotzdem irgendwie geklaut. Es ärgert mich nicht, dass er meine Story nicht gekauft hat. Es ärgert mich auch nicht, dass er seinen eigenen Mann hingeschickt hat. Es ärgert mich, dass er mir zuerst sagt, dass das nichts für sein Blatt ist – und mich indirekt einen Idioten nennt – und die Geschichte dann doch bringt. Ich habe der NZZ nie wieder etwas angeboten…

Jetzt einen bosnischen Kaffee im Central von Visoko?

Sehr gerne! Lass uns diesen ganz besonderen Kaffee-Moment zu Füßen der Bosnischen Pyramiden gemeinsam erleben! Wenn Dir dieser Beitrag gefällt, dann freue ich mich über ein Trinkgeld!

4,80 €

8 Gedanken zu “Bosnischer Kaffee-Moment: mit dem Taxi durch das Tal der Bosnischen Pyramiden

  1. Lieber Tom, wie du sicher weißt, bin ich ein großer Kaffeefreund und allein deswegen bin ich froh, deinem Blog folgen zu dürfen. ABER meine Lieblingskategorie sind die „bosnischen Seiten“, die du uns zeigst. Du schreibst mit so viel Leidenschaft und Empathie, dass der Leser tatsächlich denkt, er wäre auf dieser Reise mit dir gewesen. 🤩
    Auf ganz viele, weitere, spannende Bosnien-Seiten!
    P.S. Seh‘s als Kompliment. Der Herr Redakteur stellte dich als Idiot dar, weil er merkte, dass er der Idiot war, der von den Pyramiden noch nie teas gehört hatte. Man schließt ja von sich selbst gerne auf andere. Demnach kannst du dir ausmalen, wer hier der eigentliche Idiot war… Und unter uns: Ich kann mir keinen besseren Balkankorrespondenten, als du es bist, vorstellen. 😃

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für die vielen Komplimente. Du machst mich ja ganz verlegen. Apropos Verleger: vielleicht ist das ja ganz gut so. Hier in meinem Blog habe ich nämlich keinen Chef und kann tun und lassen, was ich will. Das nutze ich natürlich leidlich aus. Aber, dass gerade die Bosnien-Geschichten ankommen, das freut mich sehr. Da habe ich noch einiges in Petto. Für die nächsten Wochen wird da reichen. Und da ich mich entschieden hatte chronologisch vorzugehen, werden manche Rätsel, die ungelöst bleiben, in späteren Geschichten gelöst…

      Gefällt 1 Person

      1. Wohlverdient! Ich sauge jede deiner Reportagen auf wie ein Schwamm. 🤩 Und: Du hast absolut recht. Dein eigener Chef-Redakteur zu sein har Vorteile (und vermutlich auch ab und an Nachteile). Ich freue mich auf die nächsten Wochen und bin gespannt wie ein Flitzebogen, was du aus dem Hut zauberst. 😍 Viele Grüße nach München!

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