Bosnischer Kaffee-Moment: der Anfang

Über die Jahre war ich sechs Mal in Sarajevo. Und das kam so: ich hatte gerade mein Fernstudium Journalismus begonnen, da saß ich an einem Feiertag im Taxi. Ich erinnere mich sogar noch an den Stand. Es war der „Falken“, damals so etwas wie unser Hausstand, da das Büro nur etwa 30 Meter weg war. Und es war vermutlich Ostern, denn zu solchen Feiertagen laufen auf Bayern 5 die Radioreportagen der Korrespondenten, die Sahne- und Filetstücke ihrer sonst manchmal eintönigen Tätigkeit. In diesem Radio-Feature ging es um Srebrenica, beziehungsweise um die alljährliche Trauerfeier dort und um einen Hotelier, der um diese Zeit wohl seinen Jahresumsatz macht und der extra für die Damen und Herren Journalisten aus aller Welt W-LAN eingerichtet hat – offenbar das einzige W-LAN im Landkreis.

So kam es, dass ich im Juli 2008 im Gastarbeiterbus nach Sarajevo saß. Von der Busreise habe ich hier und hier schon erzählt. Nicht erzählt habe ich davon, dass sich bei dem Geruckel im Bus wohl bei mir ein Nierensteil gelöst hat und ich folglich eine Kolik hatte, dass ich – zum ersten und einzigen Mal! – am Busbahnhof ein Taxi genommen habe, der sich im Stau in der Altstadt verfahren hat (ich weiß bis heute nicht, wie das möglich ist!), er, weil er meine Unterkunft nicht finden konnte, die Fahrt abbrach und sich trotz dieser Minderleistung mit mir über den Fahrpreis stritt, ich mich dann schließlich zu meiner Pansion durchschlug und erstmal ablegte, bis ich mich Dank Ibuprofen am nächsten Morgen wieder rühren konnte. So, jetzt stellen wir alles wieder auf null, denn das Foto über diesem Absatz ist mein erstes Foto und Sarajevo – und mein erster Eindruck beim Verlassen der Pansion – was im Übrigen kein Schreibfehler, sondern Lokalkolorit ist.

Starten wir die Geschichte also noch einmal neu: Es ist der 10. Juli 2008. Ich trete aus der Pansion Sebilj in den frischen Morgen. Vor der Tür tobt bereits der Berufsverkehr, Autos und Straßenbahnen tosen vorbei. Meine Unterkunft ist strategisch gut gewählt. Sie liegt direkt an der Obala Kulina bana, der Straße, die sich entlang der Miljacka die Altstadt entlang schiebt, der Straße, in der 1914 das Attentat auf den österreichischen Thronfolger verübt wurde. Ich hatte diese Pansion im Internet recherchiert. Eine Übernachtung kostete damals 10 Euro, die Bewertungen waren gut und im Untergeschoss gab es ein Internetcafé.

Über den Hof kommt man direkt in die Baščaršija mit ihren Cafés und Restaurants, so nah, dass man abends schon den Geruch frisch gebratener Ćevapčići in der Nase hat und einen die Musik aus den Bars durch die Nacht begleitet. Trotzdem besser, als die Straße, denn hier ist direkt vorm Haus eine Tramhaltestelle, die durchaus gut hörbar ist. Das will ich aber nicht als Negativbewertung verstanden wissen. In der günstigen Preisklasse ist diese Pansion die beste im Ort, vor allem, was das Preis-Leistungsverhältnis betrifft. Woanders kommt man schlechter, dafür aber teurer zu liegen!

Die Tramhaltestelle heißt Vijećnica, also Rathaus. Gemeint ist jenes Gebäude, dass von serbischen Nationalisten 1992 in Brand gesteckt wurde. Zusammen mit dem Gebäude verbrannte fast die gesamte Bosnische Nationalbibliothek. Der Bau selbst wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im pseudo-maurischen Stil errichtet und zählt zu den bekanntesten Gebäuden der Stadt. Heute erstrahlt es in neuem Glanz. Damals war es noch Ruine.

So führte mich mein erster Weg also in die Baščaršija und zur Sebilj, zum namensgeben Brunnen in der Mitte des alten Marktplatzes. Und schon hielt mich die Stadt mit ihrem Zauber gefangen. Das greifbare Leben, die kleinen Grillbuden, die Cafés und Geschäfte. An allen Ecken bunte Farben, exotische Gerüche, das Gurren der Tauben und das Klappern der Handwerker. Eine fremde Balkan-Welt, geprägt durch die vielen Einflüsse, die über dieses Lang gegangen sind, osmanische und österreichische Einflüsse, die bis heute prägend sind.

Osmanisch wirken auch die zahlreichen Kioske, die man überall im Stadtgebiet findet. Immer eine gute Gelegenheit ein kühles Getränk zu kaufen! Bei Temperaturen um 30° C. ist das auch bitter nötig. Der Preisunterschied zum Supermarkt ist mit 10 bis 20 Fening – die bosnische Währung ist die konvertibilna marka, die Konvertible Mark, war bis 2001 an die Deutsche Mark gekoppelt, eine Mark zu 100 Fening, und seit 2002 an den Euro – dass man sich den Weg dorthin sparen kann. Hier bekommt man auch die Fahrkarten für Bus und Tram, am besten gleich im vergünstigten Zehnerpack. Die Einzelfahrt kommt heute auf 1,80 KM, der Zehnerpack auf 12,80 KM.

Schon in der Altstadt fielen mir die ersten Kriegsschäden auf, zerstörte Häuser, zerschossene Fassaden, Baulücken. Relativ unvermittelt traf mich der Zustand der Stadtteile Grbavica und des Universitätsviertels. Schon rund um den Busbahnhof waren die Zerstörungen deutlich sichtbar und prägend. Kein Haus war hier ohne Einschusslöcher, Granat- und Bombensplitter haben ihre Muster in die Hauswände gesprengt. Noch schlimmer sah der Campus aus. Von der Universität standen damals nur noch die Grundmauern.

Besonders erschütternd war der Eindruck, dass bis auf die Restaurierung des Avaz Twist Towers, des höchsten Gebäudes auf dem Balkan, kaum Anstrengungen unternommen wurden die zerstörten Viertel wieder aufzubauen. Im Gegensatz zu Deutschland nach 1945 gab es hier kein umfassendes Wiederaufbau-Programm. Unfassbar, befinden wir uns doch in Europa. Auch, wenn ich in den nächsten Jahren viele Veränderungen bemerken konnte, 2008 schien dort, wo der Krieg am heftigsten gewütet hatte, die Zeit still zu stehen.

An diesem ersten Tag nahm ich die Tram Richtung Ilidža. So bekam ich einen ersten Eindruck von dem gewaltigen Wohnungsbauprogram aus kommunistischer Zeit. An vielen Stellen wirkt es, als hätte man die Hochhäuser einfach in die grüne Wiese oder auf Hügel gesetzt, da, anders als bei uns, Einfassungen fehlen. Über manche Hügel führen Trampelpfade – die Schaffung von Infrastruktur mit den Füßen.

So haftet ihnen zum Teil und trotz ihres Alters oft etwas unfertiges an. Kommt man näher, dann sieht man den Verfall, mal alters-, mal kriegsbedingt. An manchen Stellen werden fehlende Scheiben durch Pressspan ersetzt. Andere verschönern mit großen Stoffbahnen ihr Haus. Zuerst dachte ich, es sei Reklame, konnte aber nirgends einen Hinweis auf ein werbendes Geschäft entdecken.

Dabei fallen die einzelnen Viertel durchaus unterschiedlich aus. Während manche Ecken eher verwahrlost wirken, gibt es andere Straßen, die gut ausgebaut sind, teilweise wie Fußgängerzonen, mit Läden, Supermärkten, Kiosken und Cafés. Hier spielt sich auch viel Leben ab, während zwei Straßen weiter die Schluchten zwischen den Häusern schon wieder verwaist sein können.

Dazwischen immer wieder moderne Stahl-Glas-Konstruktionen, die entweder modern sind oder bemüht modern aussehen sollen. Parallelen zu Marzahn oder Hohenschönhausen im ehemals sozialistischen Ost-Berlin sind wohl nicht ganz zufällig. So arbeite ich mich Station für Station langsam wieder zu meiner Pansion zurück, steige immer wieder aus und schaue mir Straßen näher an. Gelegenheit gibt es bei den 21 Stationen der Linie genug. Wobei nicht alle Züge die ganze Strecke fahren.

So, das mag für den ersten Tag in Sarajevo genug an Eindrücken sein. Kaffee-Bilder muss ich schuldig bleiben. Ich war mir damals noch nicht bewusst, dass das Ablichten von Nahrungsmitteln einmal wichtig sein könnte. Umso präsenter sind die Erinnerungen. Ich erinnere mich noch genau daran, in welcher Ćevabdžinica ich an diesem Abend mein erstes Ćevapi gegessen habe, aber dazu kommen wir noch!

An diesem Abend war ich jedenfalls froh wieder in meiner Pansion angekommen zu sein. Mein Busticken für den nächsten Tag habe ich schon in der Tasche, denn schon um 07:15 soll es losgehen von „Autobuska stanica Sarajevo“ nach Srebrenica und damit zu einer Art Feuertaufe als Pressefotograf…

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Vom ersten Kaffee in Sarajevo gibt es kein Foto!

Allerdings gibt es zahlreiche andere im Bild festgehaltene Kaffee-Momente. Willst Du diesen mit mir teilen, dann freue ich mich über ein kleines Trinkgeld!

1,90 €

8 Gedanken zu “Bosnischer Kaffee-Moment: der Anfang

  1. Die Kontraste in dieser Stadt sind schon gewaltig. So viel Zerstörung und zwei Schritte weiter die verglasten Hochhäuser. Und alles koexistiert nebeneinander, das pralle Leben auf den Straßen als Bindeglied, welcher beides zusammenhält. Ich glaube, die Menschen vor Ort sehen die unschönen Ecken irgendwann gar nicht mehr…

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    1. Einige von den Vierteln haben durchaus Lebensqualität: niedrige Mieten, Infrastruktur, Supermärkte und Geschäfte, Cafés und kleine Restaurants und oft die Tram fußläufig erreichbar. Da sieht man vielleicht -gerade nach einer sehr entbehrungsreichen Zeit – über vieles hinweg.

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