Carafe – ein Kaffeetrend, der keiner ist!

Oh, jetzt habe ich das Ende schon gespoilert! Was, Sie haben noch nie von Carafe gehört, DEM Kaffeetrend 2021? Das könnte daran liegen, dass es sich um die fixe Idee einer kreativen Marketingabteilung handelt. Aber wenigstens jetzt der Reihe nach…

Im April titelte die Schweizer Zeitung Blick „Der Kaffee-Trend 2021 heisst volle Carafe“ (sic!) und „Einer für alle statt kleiner Espresso“. Und weiter: „‚Trinken wir zusammen einen Kaffee?‘ Der Satz ist Kulturgeschichte, verbindet Freunde und startet Flirts. Der neue Trend: Der gemeinsame Kaffee kommt jetzt wieder aus einem Krug, nicht mehr nur aus einzelnen Espresso-Tassen.“

Was? Bestellen wir im Kaffeehaus jetzt etwa einen Pitcher Braunen? Oder eine Karaffe Cappuccino für alle? Folgen wir doch dem Narrativ der Zeitung Blick, das ich hier inklusive Schweizer Rechtschreibung zitiere: „Eine grosse Karaffe Kaffee hat etwas Heimeliges. So tranken unsere Grosseltern noch Kaffee. So kommt das wärmende Getränk daher, wenn man es zum Picknick im Wald im Thermoskrug mitnimmt. Und: So erinnert man sich an den klassischen Kaffeekocher von einst in der WG, der direkt vom Herd auf den Tisch kam.“

Und weiter: „Doch Kaffeetrinken ist auch etwas Kleinteiliges. Die Italiener trinken den Espresso zwar nebeneinander an der Bar-Theke, aber eben doch jeder für sich aus seinem kleinen Tässchen. Eine Trinkgewohnheit, die wir längst übernommen haben und die sich durch unsere modernen Kaffeemaschinen verstärkt hat: Diese füllen Tasse für Tasse, aber eben keine Krüge.“ Ja, wer kennt das nicht? Während die Kaffeetassen regelmäßig genutzt werden, verstaubt der gute alte Kaffeekrug in der Vitrine. Wenn es doch dafür nur eine Lösung gäbe? Gott sei dank gibt es eine! Eine trendige noch dazu…

„Ein Kaffeetrend von 2021 lautet: Es gibt wieder Kaffee für alle. Nespresso hat Ende März auch in der Schweiz die neue Maschine Vertuo Next lanciert. Ihr Vorteil: eine Tasse für jeden Geschmack und jeden Moment. Die Vertuo-Next-Maschine ermöglicht sechs verschiedene Grössen mit jeweils nur einem Knopfdruck: vom kleinsten Espresso bis zur exklusiven 535-ml-Karaffe.“

Ich breche hier mal ab. Die restlichen vier Absätze stammen eh aus der Nespresso-Presserklärung, wie vermutlich auch der oben zitierte Teil. Nicht, dass ich nicht auch aus Pressemeldungen kopieren würde, aber ich lese sie wenigstens vorher durch! Doch was passiert hier? Nespresso entwickelt eine Kaffeemaschine, mit der man jetzt auch Kannen füllen kann. Jetzt brauchen wir nur einen griffigen Namen für das Gefäß. Kaffeegebinde? Nein, zu sperrig! Kaffeekanne? Zu gewöhnlich! Jetzt hab ich es: „exklusive 535-ml-Karaffe“. Und das ganze nennen wir dann trendig: Carafe! Ein Kofferwort aus Kaffee und Karaffe, äh… Café und Karaffe… wie auch immer.

Moment mal! Eine Maschine, die Kaffee in eine Glaskanne absondert? Gab es das nicht schon einmal, irgendwo, irgendwann? Richtig! Jede normale Kaffeemaschine aus dem Filterkaffee-Zeitalter macht das so. Und war nicht das Hauptargument für Kapselkaffee, dass er immer frisch „on demand“ zubereitet wird? Und war nicht das Haupt-Gegenargument, dass gerade bei größeren Mengen die Kapsel total unwirtschaftlich, teuer und umweltschädlich ist?

Ich bin per se kein Gegner von Kapselkaffee. Wer nur gelegentlich eine leckere Tasse Kaffee trinken möchte, für den kommt – meiner Meinung nach – eine Kapselmaschine durchaus in Frage. Viele Kaffeekapseln, wie zum Beispiel die von Tchibo, sind heute gut recyclebar, der Kaffee bleibt lange frisch und alle Monate ein ausgerauchtes Packerl Kaffee wegzuschmeißen ist auch nicht gerade umweltfreundlich. Aber Kapselmaschinen, mit denen man auch größere Mengen aufbrühen kann, sind gelinde gesagt blanker Unsinn.

Zumal wenn uns diese Nicht-Innovation als „neuer Trend“ und „ein Kaffeetrend von 2021“ verkauft wird, in Verbindung mit Großmutters Kaffeekanne (KANNE nicht KARAFFE!), einem lauschigen Picknick im Wald und der alten Bialetti in der gemeinsamen WG-Küche – denn die kam nämlich ohne Filter und ohne Kapseln aus! Einmal will ich noch aus dem Blick-Artikel, respektive der Nespresso-Pressemeldung zitieren: „Die besondere Neuheit ist indes der ‚Carafe Pour-Over Style‘-Kaffee, welche die ideale Dosierung für einen ganzen 535-ml-Krug enthält.“ Übersetzt heißt das, dass die Vertuo Next jetzt – ganz neu und innovativ! – auch Filterkaffee kann und das in eine Glaskanne, pardon! Karaffe natürlich. Bald werden wir noch das Argument zu hören bekommen, dass man für Kapselkaffee aus Aluminiumkapseln ja keine umweltschädlichen, wenn auch kompostierbaren Papierfilter braucht…

Quellen: Blick, Onlineartikel vom 19.04.2021, 00:53 Uhr, Nespresso Unternehmensseiten; Bildrechte: Titelbild Image by fernando zhiminaicela from Pixabay, Bilder Image by Jill Wellington from Pixabay, Nespresso.

Jetzt eine Karaffe Kaffee?

Ja gerne. Lass uns gemeinsam einen frisch gemahlenen Kaffee genießen! Wenn Dir mein Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich über ein Trinkgeld. Natürlich freiwillig!

1,70 €

6 Gedanken zu “Carafe – ein Kaffeetrend, der keiner ist!

  1. Hört sich an wie eine Comeback des „Kännchens“. Dabei kann ich mich noch sehr gut an die Zeiten erinnern, als in der Speisekarte bei den Heißgetränken der Vermerk zu lesen war: „Auf der Terrasse nur Kännchen“. Habe übrigens gestern ganz im Stillen und für mich allein die Wiedereröffnung der „Außengastronomie“ in Berlin gefeiert – mit einem Eiskaffee.

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