Kaffeereise: Wien

Osterferien und wir müssen daheim bleiben – schon wieder! Mit Verreisen ist ja wohl auch im zweiten Corona-Jahr eher nichts. Aber davon lassen wir uns die Ferienlaune nicht verderben. Wenn wir nicht selbst in die Ferne schweifen können, dann machen wir es wenigstens in Gedanken. Denn die sind ja bekanntlich frei! Also verreisen Sie mit mir an einige der schönsten Kaffee-Orte! Hört man Kaffeehaus, denkt man fast automatisch an Wien oder Österreich. Zu recht ist das Nachbarland ganz vorne dabei, wenn es um Kaffeekultur geht. Die Wiener Kaffeehauskultur gehört seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Im „Nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich“ steht: „Die Tradition der Wiener Kaffeehauskultur reicht bis an das Ende des 17. Jahrhunderts zurück und ist durch eine ganz spezielle Atmosphäre geprägt. Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Thonetstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus. Die Kaffeehäuser sind ein Ort, ‚in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht'“. DSC_0211 Kaum ein Land hat eine solche Kaffeetradition und eine solche Auswahl an Kaffeespezialitäten wie Österreich. Ja, man sagt sogar, dass der heute weit verbreitete Cappuccino ursprünglich eine Erfindung der k.u.k. Kaffeesieder sei. Inbegriff der Kaffeehaustradition der österreichischen Hauptstadt ist die nach ihr benannte Wiener Melange. Allen Missverständnissen zum Trotz: die Melange ist eben kein Cappuccino, auch wenn neuerdings eine gewisse Unschärfe einsetzt. Denn während ein Cappuccino lediglich ein Espresso mit aufgeschäumter Milch ist, definiert sich eine Melange durch eine Hälfte starken Kaffees – im Original zumeist ein Mokka – eine Hälfte heiße Milch, gekrönt von reichlich Milchschaum. Man könnte es auch so definieren, dass die Wiener Melange typischerweise mit milderem Kaffee gemacht wird als der Cappuccino, der in der Regel mit starkem Espresso zubereitet wird. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. 20171027_123442 Ist man zu Gast in Wien, dann ist das Angebot an Kaffeehäusern so groß, dass einem die Wahl schwer fällt. Ich greife aus der Vielzahl der besuchenswerten Kaffeehäuser willkürlich zwei heraus, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Prunkvoll und kaiserlich das eine, schlicht und bürgerlich das andere. Es war die Österreichische Herrscherin Maria Theresia, die auf der Anhöhe vor Schloss Schönbrunn 1775 die Gloriette erbauen ließ, als „Denkmal für den gerechten Krieg“. Als gerechten Krieg empfand man nach damaliger Lesart Kampfhandlungen, die zur Durchsetzung des eigenen Rechts notwendig waren und die schließlich zum Frieden führten, Bedingungen, die die Habsburger Erzherzogin sowohl für den Österreichischen Erbfolgekrieg als auch für den Siebenjährigen Krieg für erfüllt befand. DSC_0314 Doch es war Kaiser Franz Joseph I., der den Blickfang zum Speisesaal ausbauen ließ. Es ist überliefert, dass er und vor allem seine Frau Sisi beliebten dort oben und mit bestem Blick auf ihre Untertanen, ihr Frühstück einzunehmen. Während man früher standesgemäß mit der Kutsche oder zu Pferde zur Gloriette gelangte, kann man das heute gutbürgerlich zu Fuß machen oder mittels einer kleinen Touristen-Bahn – ein Verkehrsmittel, welches ich bei den Entfernungen im Schlosspark empfehlen würde. DSC_0312 Heute ist Kaisers Speisesaal ein Café, von dessen Dach man eine phantastische Aussicht über Wien genießen kann. Im Inneren mischt sich Historie mit Moderne. Üppig stuckatierte Wände, große Sitznischen und Podeste entlang der Außenwände sind wie flache Inseln gefasst, die geflochtenen Loom Chairs lassen den Raum im Inneren frei fließen. Bei schönem Wetter kann man auch draußen sitzen, doch die meisten Gäste treibt es in den geschichtsträchtigen Saal. DSCI0400 Legendär ist übrigens das Frühstückbuffet: das sogenannte Sisi-Buffet gibt es jeden Samstag, Sonn- und Feiertag im Gloriette. Dezente musikalische Begleitung, etwa mit Klavier oder klassischer Violine, macht das k.u.k. Frühstückserlebnis komplett. Es empfiehlt sich zu reservieren, unbedingt und lange vorher, denn oft ist das kaiserliche Frühstücksmahl auf Wochen hinaus ausgebucht. Und es gibt keine Ausnahmen – auch nicht für kaiserliche Hoheiten. Dafür bekommt jeder, der es geschafft hat, auch eine ganz besondere Spezialität: ein Stück Guglhupf mit kandierten Veilchen. DSCI0401 Neben den Klassikern jedes Wiener Frühstücks wie den obligatorischen reschen Kaisersemmeln, feiner Marmelade und einer großen Auswahl an Wurstspezialitäten, finden sich auch herzhafte Schmankerln wie Eier mit gebratenem Speck und Grillwürstel. Dazu ein Gläschen Prosecco, Räucherlachs mit Oberskren und als Abschluss den bereits erwähnten und exklusiven Sisi-Gugelhupf mit kandierten Veilchen. Doch das kaiserliche Erlebnis hat auch seinen Preis und der liegt bei Erwachsenen bei 32,00 Euro – nicht Schilling! DSC_0311 Weit bürgerlicher geht es da im Café Goldegg zu, einem klassischen Kaffeehaus ab vom Trubel der Touristenströme. Trotzdem steht bei mir gerade dieses Lokal ganz oben auf der Liste. Die Gründe: es ist fußläufig vom Hauptbahnhof erreichbar. Und am Hauptbahnhof Wien ist das Hotel meiner Wahl, das Motel one mit einem fantastischen Blick über die Stadt. Außerdem gibt es im Goldegg den ganzen Tag über Frühstück. Und das Kaffeehaus ist so original Jugendstil, dass es schon oft als Kulisse für Filmaufnahmen herhalten durfte. DSC_0748 (2) Gegründet wurde das Café Goldegg 1910.  Das damalige Café Dobner war ein Stammlokal von Eisenbahnern. Während der NS-Zeit diente es bis Mai 1941 als Treffpunkt von verfolgten Gewerkschaftern und Revolutionären Sozialisten, vor allem von Eisenbahnern. Ende der 80er Jahre wurde das Café originalgetreu restauriert. Seitdem steht es unter Denkmalschutz. DSC_0750 Auffallend sind die fein ausgearbeiteten Wandtäfelungen, die im Lauf der Zeit nachdunkeln durften. Ansonsten sind die Räume mit hellem Parkettboden, schwarzen Marmortischen mit weißer Äderung, dunkelgrünen Plüschbezügen in den Sitznischen und Messing-Lustern ausgestattet. Zur Verfügung stehen Billardtische und ein Raucherraum. Wie es sich für ein Kaffeehaus gehört gibt es auch eine Auswahl aktueller Tageszeitungen und einen Hungerturm, mit allerlei Torten. DSC_0752 Die Frühstücksmöglichkeiten hier aufzuzählen wäre zu umfangreich. Mir reichen bestimmt zwei Eier im Glas, ein Hörnchen, ein Paar Sacher Würschtl mit frisch geriebenem Meerrettich und Estragon-Senf, dazu eine Wiener Melange mit Schlagobers. Bei schönem Wetter kann man draußen sitzen und zum Schloss Belvedere ist es nur ein kurzer Gang und zum Stephansdom nur drei U-Bahn-Stationen. Ideal also als Ausgangspunkt für eine Stadterkundung. Oder ich bleiben einfach hier… Lust auf einen Café con leche und ein Ensaimada unter Palmen? Morgen frühstücken Sie mit mir auf Mallorca! Hier geht es zurück zum English Breakfast nach London!
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22 Gedanken zu “Kaffeereise: Wien

  1. Ja Wien war schon extremst nett. Als wir damals dort waren haben wir immer einen guten Platz zum Café trinken oder speisen in den Seitengassen gefunden. Abseits des Trubel und vor allem mit normalen Preisen, aber auch näher am Einheimischen.

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  2. Was ich an Wien neben der Schönheit der Stadt und der Sprache am besten finde, ist auf jeden Fall jedes der einzelnen super netten Kaffeehäuser. Da denk ich gern dran zurück 🙂
    Aber wenn ich Kaffeehaus höre, denke ich auch oft an Nordhausen. Dort gibt es ein sehr hübsches Cafe, welches Kaffeehaus heißt und wo ich viele Nachmittage mit meinem Freunden verbracht habe.

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  3. Die Kaffeehäuser sind ein Ort, „in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht’“. Treffende Worte, die genau den besonderen Reiz der österreichischen Kaffeehauskultur beschreiben.
    Ich war schon mehrmals in Wien, aber wie du sagt, die große Auswahl an Kaffeehäusern und dann die lange Liste der Kaffeespezialitäten sind schon eine Herausforderung. Danke für deine interessanten Tipps. Ich heb sie auf für bessere (Reise-)Zeiten) und tröste mich derweil mit einem simplen italienischen Espresso.😉

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  4. In einem Wiener Kaffeehaus hätte ich fast einmal die Abfahrt meines Reisebusses verpasst, weil der Kellner sich so viel Zeit nahm, auf mein Winken nach der Rechnung zu reagieren. Eile war nicht vorgesehen. Das ist über fünfzig Jahre her, aber ich erinnere mich, wie beeindruckt ich damals von der Atmosphäre und von der Auswahl an Kaffeespezialitäten war.

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  5. Dass die Wiener Kaffeekultur so stark ausgeprägt ist, war mir bisher nicht bekannt. Nun gut, wie denn auch, ich war noch nie dort 😉 Umso schöner zu wissen, wonach ich bei meinem Besuch Ausschau halten sollte. Und einen Hoteltipp gibt es gleich obendrauf… 😉

    Vielen Dank und schöne Ostern!
    Kasia

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    1. Ich gebe bei der Reservierung immer folgendes an: Blick zur Stadt und möglichst weit oben. Bisher ist man meinen Wünschen immer nachgekommen. Es lohnt sich: der Blick über die Stadt ist ein 24/7-Wimmelbild – da brauche ich keinen Fernseher…

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