Royusch Projekt „Wöchentliche Fotochallenge“ #vergänglich

Mein dritter Beitrag für die Fotochallenge von ROYUSCH-UNTERWEGS. Er schreibt in seinem Blog: „Bei diesem Projekt soll des darum gehen, dass ich einmal pro Woche (Sonntags) einen Begriff vorgebe und Ihr dann die Woche über Zeit habt für Euch einen Beitrag zu erstellen und auf meinen zu verlinken; aber das kennt Ihr ja schon. Hier jetzt der zehnte Begriff, der lautet: vergänglich.“

Und weiter: „Vergänglichkeit ist die Eigenschaft von etwas, vergehen zu müssen. Als Eigenschaft der materiellen oder auch aller Dinge ist sie ein wichtiges Motiv in Kunst, Philosophie und Religion. Der Gegenbegriff zur Vergänglichkeit ist die Ewigkeit.

Ursprünglich von dem mittelhochdeutsch vergenclich wird das Wort vergänglich sehr oft eingesetzt wenn man etwas bezeichnen möchte, welches ohne Bestand ist oder nicht von Dauer. Aber auch für den Verfall von Gegenständen oder vom Tod bedroht. Als Beispiel: leicht vergängliche Stoffe, Substanzen oder auch das Leben, die Jugend, alles Irdische ist vergänglich. Dies ließ sich jetzt unendlich fortsetzen.“

Für mich immer eine doppelte Herausforderung. Schließlich muss ich den Begriff der Challenge mit dem Thema meines Blogs kombinieren, nämlich dem Kaffee. Vergänglich sind manche Pläne, Wünsche, Träume. Vergänglich sind auch Geschäfte und Cafés. Nein, dies ist kein Beitrag zur Corona-Krise und zur von den Folgen des Lockdowns bedrohten Gastronomie. Dieses Bild erzählt eine andere Geschichte.

DSCN2369

Die Aufnahme stammt von einer meiner Bosnien-Reisen und zeigt das ehemalige Bahnhofscafé von Čapljina, eine Kleinstadt im südlichen Bosnien, nur Kilometer von der Grenze nach Kroatien entfernt. Früher von Sarajevo aus gesehen nur Haltestelle, heute Endstation der Bahnlinie von Sarajevo über Mostar. Bis vor wenigen Jahren fuhr die Bahn weiter bis ins kroatische Ploče. Seit der Renovierung der Bahnstrecke ist in Čapljina Schluss. Damit hat dieser Bahnhof einen großen Teil seiner früheren Bedeutung im grenzüberschreitenden Verkehr verloren. Jetzt ist er nur noch ein Endbahnhof irgendwo im Hinterland, wie die Österreicher dieses Gebiet nannten. 

Kroaten waren hier schon immer in der Mehrheit, schon zu der Zeit, als Bosnien k. u. k. Kronland war. 1878 beendeten die Österreicher hier die Osmanische Fremdherrschaft um sie durch eine eigene zu ersetzen. Ab 1918 gehörte Čapljina zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dessen Name 1929 in Königreich Jugoslawien geändert wurde und bis 1941 bestand. Während des Bosnienkriegs wurde Čapljina ein Teil der Kroatische Republik Herceg-Bosna. Muslimische Einwohner wurden vertrieben, gefangen genommen oder umgebracht. Davon zeugt auch das in ganzen Land verbreitete War-Design in den Häuserfronten. Noch heute fühlt man sich hier eher kroatisch als Bosnisch. Kroaten stellen mit 78% die größte Volksgruppe.

Und Kroaten sind Katholiken. Und vor allem: sie fühlen sich nicht dem Kunststaat Bosnien zugehörig. „Ein bosnischer Kaffee?“ Der Kellner vom San Marino schaut mich ungläubig an. „Was soll das sein?“ Dafür gibt es im San Marino Espresso. Während des Krieges gab es hier eine Vertreibung der muslimischen Nachbarn und ein KZ-ähnliches Lager. Doch das scheint hier Tradition zu sein: 1941 verübten serbische Tschetniks ein Massaker an Kroaten und Bosniaken, nur Monate später rächte sich die Ustascha an den Serben. In den Jahrhunderten zuvor waren es Osmanen und Slaven. 

Ansonsten ist Čapljina schnell erzählt: sechs katholische Kirchen, vier Moscheen, eine serbisch-orthodoxe Kirche und ein serbisch-orthodoxes Kloster, eine Postzentrale, ein Kaufhaus, eine Bahnstation, ein Busbahnhof und ein Rathaus. Zwischen der derangierten Altstadt und dem Bahnhof die Plattenbauten der Ära Tito. Je weiter man sich vom Rathaus entfernt und je näher man dem Bahnhof kommt, desto höher der Frauenanteil in den Cafés und desto niedriger das Durchschnittsalter der Gäste. In der Altstadt, beziehungsweise was davon übrig geblieben ist, sitzen traditionell fast nur Männer. Im Café San Marino auf dem Platz vor dem mit EU-Förderung renovierten Rathaus kommen auf 24 Männer nur zwei Frauen. 

Das alte Stadtzentrum von Čapljina zeugt von verschwundener Pracht. Einzig das eben erwähnte Rathaus, Sinnbild der administrativen Macht des Habsburgerreiches, erstrahlt in frischem weiß und gelb und auch der Stuck wurde liebevoll restauriert. Daneben eine Altstadt mit heruntergekommenen Häusern aus der bosnischen Gründerzeit. Auf dem parkähnlichen Grünstreifen zwischen Altstadt und Hauptstraße ein Spielplatz und der Außenbereich des San Marino, Pizzeria, Restaurant, Café und sozialer Mittelpunkt des Dorflebens – mit Blick auf eine komplett ausgebombte Häuserzeile. Auch jetzt noch, 26 Jahre nach dem Krieg.

Schon immer war Čapljina ein Grenzposten. Grenze zwischen Orient und Okzident, Grenze zwischen dem Habsburgerreich und den wilden Stämmen, Grenze zwischen Konfessionen und politischen Interessen, jetzt ist es ein Punkt auf der Karte irgendwo im Nirgendwo, mit Sicht auf die EU, aber ohne Perspektive. Die Bahn benutzen hier nur wenige. Als Stumpf einer amputierten Strecke hat der Bahnhof seine einstige Bedeutung eingebüßt. Das dürfte auch den ehemaligen Betreiber des Bahnhofscafés zum Aufgeben gezwungen haben. Dieser Ort ich vergänglich. So vergänglich wie vieles hier im Hinterland. 

 

Diesmal haben mich besonders beeindruckt: 

Jürgen’s Fotowelt

windrose.rocks

Wanderlustig

Monochrom

Meine kleine Fotosammlung

 

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Royusch Projekt „Wöchentliche Fotochallenge“ #vergänglich

  1. Es ist faszinierend, nicht wahr? Wieviel Geschichte in solch kleinen Käffern steckt. Auf mich übt dieser Verfall, dem man seinen Glanz noch ansieht, einen hohen Reiz aus. Das Rad der Geschichte kann so unbarmherzig sein; Orte, die eben noch voller Bedeutung waren und denen man es auch ansah, versinken in der Mittelmäßigkeit, werden zu vergessenen Provinzen. Die Geschichte dreht sich weiter.

    In Rumänien hat man das gut sehen können. Bukarest… die Stadt habe ich mal als „duftende, alte Dame“ bezeichnet, die von ihrer glanzvollen Vergangenheit träumt. Duftend, weil es dort in Juni nach Lindenblüten roch. Man sah all diese Prachtbauten, die langsam vor sich hin zerfielen, ohne dass es jemanden kümmerte. Da beginnt man, über das Leben nachzudenken. Nichts ist ewig, alles verlagert sich. Die heutigen Machtzentren können schon morgen keine mehr sein.

    Ach, ich könnte wohl ganze Romane darüber schreiben. Ein anregender Beitrag, er bringt mich selbst auf viele Ideen. Hintergrund, Geschichte. Und er passt zum Blog 😉

    Liebe Grüße
    Kasia

    Gefällt 3 Personen

    1. In Bosnien sieht man das auch. Dort allerdings gibt es bis heute noch deutlich sichtbare Kriegsschäden. In Sarajevo wachsen die Narben langsam zu, im Hinterland wird das noch Generationen dauern. Zumal viele Vertriebene bis heute nicht in ihre Häuser zurückkönnen und die Gebäude, so sie nicht enteignet wurden, vor sich hin zerfallen… Ein anderes Beispiel hingegen ist Budapest, dass zum Teil mit EU-Unterstützung saniert wurde. Aber dazu kommen wir noch.

      Gefällt 1 Person

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