Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Análipsi – Paleópolis, Mon Repos, Kardáki, Kanóni

Paleópolis, die alte, versunkene Stadt! Hier sollen die Phäaken, das halbmythische Volk wie von Homer besungen, ihre Hauptstadt gehabt haben. Und hier soll König Alkinoos seinen Palast gehabt haben, in dem er den gestrandeten Odysseus bewirtet hat.

Nachdem Paleópolis mehrfach zerstört wurde, baute man sie an ihrem heutigen Platz wieder auf. Dabei geriet die alte Stadt fast in Vergessenheit. Doch die Bewohner bezeichneten die Halbinsel Análipsi im Süden Kérkyras immer noch als alte Stadt, auch wenn an sichtbaren Zeugnissen nicht viel geblieben ist.

Kommt man von Kérkyra, dann passiert man erst die wenig spektakulären Grundmauern eines Artemis-Tempels. Den dort ausgegrabenen Gorgo-Medusa-Giebel des Tempels kann man heute im archäologischen Museum Korfu bestaunen. Etwas mehr bietet da schon die Ruine der frühchristlichen Basilika. Von den ursprünglich fünf Schiffen wurden nach mehrfacher Zerstörung drei von den Venezianern wieder aufgebaut. Doch auch hier steht nur noch das Gerippe.

Die meisten der erwähnenswerten Bauten aus klassischer Zeit wurden im Park der Residenz Mon Repos gefunden, die 1832 vom britischen Gouverneur Frederick Adams erbaut wurde. Hier war es auch wo am 28. Mai 1921 ein gewisser Phillip als fünftes und jüngstes Kind von Andreas, Prinz von Griechenland und Dänemark und Bruder des damals regierenden Königs Konstantin I. von Griechenland und Prinzessin Alice von Battenberg geboren – heute besser bekannt als Prince Philip Mountbatten, Duke of Edinburgh und Prinzgemahl der britischen Königin Elisabeth II.

Das Schloss wirkt heute allerdings verwaist, der Park verwildert. Dazu befindet sich eine illustre Sammlung von Gebäuden auf dem Gelände: ein verlassenes Kloster, ein ehemaliges Wachhaus, ein unfertig aussehendes Konferenz-Zentrum, die Bauruine einer britischen Botschaft, eine kleine Villa, in der Tito gewohnt haben soll, ein eingestürztes Jagdschloss aus dem 19. Jahrhundert sowie ein quadratischer Pavillon, von dem heute keiner mehr so recht weiß was er ist oder war.

Zwischen dem Jagdschloss und dem Pavillon liegt das Ruinenfeld eines Hera-Tempels aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, sowie die Grundmauern eines römischen Badehauses. Obwohl fast nur Mauerreste erhalten sind, geben diese doch einen kleinen Eindruck von der Stadt, die hier früher einmal gestanden haben muss. Korfu lag früher praktisch an der Grenze zwischen der römischen und der hellenistischen Welt. Außerdem nutzten später viele Römer den für seine Thermen gerühmten Ort für einen klassischen Badeurlaub.

Von dem Hera-Tempel – Hera, die Schwester von Göttervater Zeus und gleichzeitig seine Tochter – steht noch ein Teil des Fundamentes, was seine einstige Größe erahnen lässt. Die Reste der Säulen stehen sorgsam aufgereiht vor dem Tempel, so als hätten die Bauarbeiter, die nach einer ausgedehnten Mittagspause gleich auf die Baustelle zurückkehren, ihr Material für den nächsten Bauabschnitt vorbereitet.

Im hintersten Winkel des Parks ist allerdings das beeindruckendste Zeugnis auf der Insel aus archaischer Zeit. Das mit dem hintersten Winkel ist deshalb für die Handling wichtig, weil das die größtmögliche Entfernung zu meinem Roller und damit zu meinem in Kassiópi erworbenen gelben Ölzeug bedeutete und es in diesem Augenblick begann wie aus Kannen gegossen zu regnen.

Aufgeben wollte ich allerdings nicht und fand schließlich meinen Weg zu einem der mythischsten Orte auf Korfu. Schon dessen Auffindung klingt wie aus einer homerischen Sage geklaut: unterhalb des Parks entspringt die Kardáki-Quelle, der man schon von alters her wundersame Kräfte zuspricht. Denn wer einmal aus ihr getrunken hat, der soll auf ewig Sehnsucht nach der Insel Korfu haben.

Als 1822 die Quelle plötzlich versiegte, grub man am Hang zwischen Strand und Park und fand dabei diesen Tempel aus dorischer Zeit und nannte ihn nach der Quelle Kardáki-Tempel. Das gute an dem Regen war, dass ich den Tempel praktisch für mich alleine hatte. Kaum der Erwähnung wert: je näher ich am Rückweg meiner Regenkleidung kam, desto weniger Regen prasselte auf mich herab. Am Roller angekommen blieb er dann für den Rest des Tages aus.

Praktisch, weil ich mit meinem Programm noch nicht ganz fertig war. Es ging noch weiter Richtung Süden bis zum Ender der Halbinsel Análipsi, genauer gesagt nach Kanóni. Je südlicher man kommt, desto höher windet sich die Straße und desto teurer sehen die Villen und Hotels aus. Ganz oben gibt es zwei Cafés. Darunter das Skyview, einer der modernen Hotspots der Insel. Von hier aus hat man den besten Blick auf die Start- und Landebahn des Flughafens – ein Eldorado für Fotographen und Planespotter. Da aber dank Corona nur gefühlt etwa sieben Flugzeuge pro Tag starteten oder landeten, ließ ich diesen Programmpunkt aus.

Stattdessen ging ich lieber in das Kafenion Kanóni, dass da bereits seit 1864 seinen Platz hat, übrigens neben der namensgebenden Kanone, die während der napoleonischen Kriege von den Franzosen hier aufgestellt wurde. Von der Terrasse aus hat man übrigens einen phantastischen Blick auf einen Steg, der die Halbinsel mit dem Vorort Pérama verbindet und nur von Fußgängern genutzt werden darf.

Doch es gibt noch mehr zu sehen: ebenfalls über einen Steg erreichbar liegt das kleine Kloster Vlachéra vor dem Hintergrund der „Mäuseinsel“ Pontikoníssi, mit der wir wieder einmal bei Odysseus wären. Auch von dieser Insel wird behauptet, sie wäre das versteinerte Schiff der Phäaken, dass den Helden zuhause in Ithaka abgesetzt hatte und kurz vor der Rückkehr in den heimatlichen Hafen den Zorn des Poseidon zu spüren bekam.

Bei einem Cappuccino freddo ließ ich die letzten Tage Revue passieren. Morgen würde mein letzter Tag auf Kérkyra sein. Der Wetterbericht war mal wieder wenig vielversprechend, weshalb ich meinen Plan zumindest kurz auch die Insel Páxos zu besuchen aufgab. Dabei nippte ich immer mal wieder an meinem Wasser, was, wie ich nun befürchten muss, aus der Kardáki-Quelle stammte.

 

Morgen geht es auf die letzte Tour: zum Kaizer’s Throne, nach Sinarádes und zur malerischen Bucht von Agios Gordios

2 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Análipsi – Paleópolis, Mon Repos, Kardáki, Kanóni

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