Solln: „Karree Kustermann“ ohne Kustermann

Der nach dem Café Kustermann benannte Pavillon in der Sollner Wolfratshauser Straße steht noch. So viel zur guten Nachricht. Die schlechte: den Sollnern wird ein gutes und besuchenswertes Konditorei-Café auf Dauer fehlen! Oder anders gesagt: Operation gelungen – Patient tot!

Der Reihe nach: der Name Kustermann steht in München seit über 130 Jahren für Café-Charme und hochwertige Konditorwaren. Das Kustermann-Stammhaus an der Lindwurmstraße gibt es seit 1887, das zweite Geschäft in Solln seit 1931. Gab es, muss man mittlerweile leider sagen.

Zur Zeit des Wiederaufbaus wurde für die Sollner Filliale extra ein eigener Bau errichtet, ganz im Stil der 50er Jahre. Der markante Pavillonbau mit seinem rotundenartigen Eingangsbereich prägt seit 1951 das Stadtbild des Stadtteiles Solln entlang der Wolfratshauser Straße wie kaum ein anderes Gebäude. 

Dabei war das Café Kustermann dort schon immer mehr, als „nur“ ein Café: zum einen war es Ausdruck des Aufschwung, den Solln in der Nachkriegszeit erlebte und der den Ruf als Vorstadt für Besserbegüterte bis heute prägte, zum anderen wurde es zu dem Anlaufpunkt für Liebhaber von leckeren Kuchen, Torten und im Sommer natürlich Eis. Dabei war, vor allem an Sonn und Feiertagen, das zwar enge aber gemütliche Café immer gut besucht, ein wichtiger Treffpunkt im Viertel!

Doch ohne den auffälligen Bau wäre die Wolfratshauser Straße in Solln von anderen Vorstadtstraßen kaum zu unterscheiden. Er setzte den notwendige Akzent im Ensemble ansonsten austauschbarer Bebauung. Das hätte unverändert so weitergehen können, wäre nicht 2014 Karl-Heinz Kustermann gestorben, der Café-Besitzer und Chef des Familien- und Traditionsunternehmen. Die Erbengemeinschaft wollte das Gebäude an einen Investor verkaufen, der das Investment mehr unter des Aspekt der optimalen Lage betrachtete, den der Altbau aber nur störte.

Der Widerstand der Sollner war groß und beharrlich. Nachdem sich der Pächter des Cafés Thomas Ritz, der das Café seit 1994 betrieb, vergeblich um eine Verlängerung der Pacht intensiv bemühte, am 17. April 2016 musste er die Ladentüre für immer schließen. Jetzt versuchten Bürger und der Bezirksausschuss wenigstens das Gebäude zu retten, ohne den die Sollner Einkaufsstraße an Charme verlieren würde. „Ohne das Café-Gebäude wäre der Straßenraum gesichtslos“ hieß es im Antrag des BA.

Die ursprünglichen Baupläne sahen allerdings einen Komplettabriss vor. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege setzte dem neuen Besitzer allerdings deutlich Grenzen, indem es das Café aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung – als „sichtbares Zeichen für das starke Wachstum von Solln nach dem Zweiten Weltkrieg“ – als Einzeldenkmal auswies. So wurde der Pavillon gerettet.

Inzwischen sind die Baumaßnahmen am sogenannten Karree Kustermann abgeschlossen. 15 Wohnungen und drei Gewerbeflächen entstanden im modernen Glas-Stahl-Beton-Design. Die Metzgerei im Neubau ist tatsächlich ein Gewinn für den Stadtteil, in den Kolt-Pavillon zog die Sollner Bäckerei Reis ein. Leider ließ die Renovierung nicht viel vom alten Flair übrig: der auffällige Eingang an der Straßenseite des Cafés wurde an die Seite verlegt, die ehemals gemütliche Inneneinrichtung ist einem modernen Fast-Food-Stil gewichen.

Die Tragik an der Geschichte: zwar ist auch die Bäckerei Reis mit Stammhaus und Produktion in der Sollner Festingstraße ein Traditionsunternehmen und seit 1903 hochgeschätzt wegen ihrer leckeren Backwaren, allerdings versteht man sich eher als Qualitätsbäcker, als als Konditor. Damit wird Reis – dessen süße Teilchen ich als Verpflegung während der Taxischicht sehr schätze! – leider zur Fehlbesetzung.

Einmal mehr geht München sträflich mit seiner Café-Tradition um. Der Kustermann in Solln war eine der Konditoreien, an der am Sonntag die Kundschaft bis auf die Straße stand. Das Traditionsunternehmen muss nun ohne den Umsatz von dort auskommen. Zu den momentanen Immobilienpreisen in München ein adäquaten und bezahlbaren Ersatz zu finden ist eher unwahrscheinlich. Ob sich das Stammhaus in der Isarvorstadt unter diesen Umständen noch lange halten kann, bleibt zu hoffen.

Quellen: Denkmalnetz Bayern, Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur, Hallo München, Unternehmensseiten.

4 Gedanken zu “Solln: „Karree Kustermann“ ohne Kustermann

  1. Tja die Innenstädte werden bzw. können nur noch von den großen & internationalen Ketten erobert werden. Niedriglohn und Massenware erhalten dann Einzug und wenn dann die Innenstädte veröden wird man sich wieder fragen – wie konnte das nur passieren? *kopfschüttel*

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    1. Man könnte auch sagen: die Kaffeehaustraditionen sind schlecht fürs Geschäft! Wo sonst ist es ungeschriebenes Gesetz, dass man mit einem Espresso oder kleinen braunen die Erlaubnis bekommt, einen Platz für Stunden zu belegen? In Österreich bekommt man auch als „schlechter Gast“ immer wieder Wasser nachgeschenkt. Wohl, weil Cafétiers wissen, dass wenn ein „schlechter Kunde“ zu Geld kommt, er es natürlich ins Kaffeehaus trägt…

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  2. Ich gestehe, Deine Berichte über Cafés und Kaffeehäuser lese ich mit noch mehr Interesse als die über den Kaffee als solchen. Das Ambiente ist mir schon sehr wichtig, und die Lage ist katastrophal. Was in Berlin in den letzten Jahrzehnten an besuchenswerten Cafés ersatzlos verschwunden ist, lässt sich kaum noch aufzählen. Jeder kannte das „Kranzler“ – fast schon ein Wahrzeichen der Stadt und oft in die Literatur eingegangen. Und als unter der stuckverzierten Decke des Berliner Kaffeehauses Hasi & Mausi anfingen, ihre Klamotten zu verkaufen, drehte sich mir förmlich der Magen um.

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    1. Leider sind Traditionen offenbar nicht mehr wert. Oder anders gesagt: ein hipper Modeladen wirft wohl mehr Rendite oder Miete ab, als ein Café oder Kaffeehaus. Ja, das Kranzler war nicht nur ein Café, es war eine Institution! Aus meiner Zeit in Berlin – vor über 20 Jahren – gibt es zumindest noch das Café Hardenberg. Ob es allerdings noch so ist, wie ich es in Erinnerung habe, weiß ich nicht.

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