Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Liston und Boschetto Durrell

Der größte öffentliche Platz des Balkans und einer der schönsten Plätze der Welt: der Spianada in Kérkyra, umrahmt auf der einen Seite von einer historischen Häuserfront und dem Gouverneurspalast, auf der anderen Seite der Blick auf die alte Festung und das Meer.

Doch der Spianada hat noch mehr zu bieten. Schon an meinem ersten Tag habe ich dem Boschetto Durell, bis 2016 Boschetto Gardens. Boschetto ist italienisch und bedeutet so viel wie kleines Wäldchen oder Hain. Dieser kleine Park liegt zwischen der Straße, die rund um den Platz führt und dem Graben zwischen Stadt und Alter Festung.

Doch wer sind die Menschen, denen die Korfioten hier ein Denkmal gesetzt haben? Der Herr in Marmor, dargestellt im Stile eines griechischen Denkers oder Philosophen ist Frederick North, der 5. Earl of Guilford. Der Sohn eines britischen Premierministers war ein begeisterter Anhänger der griechischen Kultur.

Im Jahr 1824 gründete North die Ionische Akademie auf Korfu, das damals unter britischer Kontrolle war. Als erste Universität des modernen Griechenland hatte sie, obwohl sie 1864 bereits geschlossen wurde, wesentliche Bedeutung für die Ausbildung der intellektuellen Führungsschicht des neuen griechischen Staates und damit für die geistige Wiedergeburt Griechenlands. Nach ihm wurde in der Altstadt Kérkyras eine Gasse benannt.

Rechts und Links davon befinden sich die Denkmäler der Brüder Durrell. Sie stammen aus einer britischen Diplomatenfamilie und lebten von 1935 und 1941 auf Korfu. Vom jüngeren der beiden, Gerald Durrell, stammt der Ausspruch „Korfu ist der Garten der Götter!“.

Noch fühlte sich sein älterer Bruder Lawrence Durrell Griechenland verbunden. Zusammen mit seinem Bruder musste er Korfu wegen der heranrückenden Deutschen verlassen. Nach dem Krieg ging er nach Rhodos und half mit dort wieder ein Zivilverwaltung aufzubauen. Nach diplomatischen Einsätzen in Argentinien und Belgrad kaufte er sich 1952 ein Haus auf Zypern. Erst arbeitete er dort als Lehrer, dann für britische Regierung in Nikosia, bis ihn die Aufstände von dort vertrieben.

Lawrence Durrell hat diesen drei Lebensabschnitten auf griechischen Inseln ebenso viele Bücher gewidmet: „Schwarze Oliven. Korfu, Insel der Phäaken“, „Leuchtende Orangen. Rhodos, Insel des Helios“ und schließlich „Bittere Limonen. Erlebtes Cypern“. Aus seinem Korfu-Buch stammt dieses Zitat: „In anderen Ländern kannst Du Gewohnheiten, Gebräuche und Landschaften entdecken; Griechenland macht es dir schwerer – hier hast du dich selbst zu entdecken!“.

Solchen Gedanken hänge ich nach, während ich unter den Arkaden des Liston meinen Flat White genieße. Jetzt am Nachmittag ist die hohe Zeit der Flaneure, der Müßiggänger und Bummler. Die ganze Stadt scheint vor meinen Augen vorüberzuziehen. Viele Gäste gibt es trotzdem nicht. Die Bedienungen haben Zeit um miteinander zu ratschen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich zurück in die Zeit der Franzosen zu versetzen… 

 

So gestärkt machen wir uns auf den Weg in die alte Stadt Paleopolis auf der Halbinsel Análipsin wir besuchen Mon Repos und den mystischten Tempel Korfus, trinken Kaffee im Kafenion von Kanoni und trinken aus Versehen aus der Kardáki-Quelle. 

8 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Liston und Boschetto Durrell

  1. Jetzt habe ich mindestens eine Viertelstunde damit zugebracht, mich zu vergewissern, dass die Brüder Durrell auch auf anderen Fotos goldene Nasen haben. Das ist ein bisschen komisch, denn in unserem Verständnis „eine goldene Nase verdient“ haben sie sich ja wohl nicht. Sonst fiel mir nur noch ein, von einem Heiligenbildnis mit blanker Nase gelesen zu haben, weil es Fruchtbarkeit oder Glück allgemein bringen sollte, sie zu berühren. Die Durrell-Plaquetten gibt es aber doch erst seit 2006 (?), und ob ihren Nasen eine Wunderwirkung nachgesagt wird …
    Kann es sein, dass Korfioten einen sehr hintersinnigen Sinn für Humor haben? Denn auch das Frederick-North-Denkmal entlockt mir ein leises Lächeln – diese britisch-militärische Haltung im griechischen Gewand. (Du kannst unsere Kultur schätzen, und wir wissen zu schätzen, dass du sie schätzt, aber ein Engländer bleibst du trotzdem.)

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    1. Die Korfioten schätzen das Britische bis heute sehr. Verdanken sie doch den Briten einen großen Teil ihrer Infrastruktur. Außerdem gab es unter unter ihnen auch viele Panhelenen, die sich für die „Griechische Idee“ einsetzten. Fredirick North – schon wieder ein Frederick! – hat mit der Gründung der Ionischen Universität den Nerv der damaligen Zeit getroffen. Es war die erste moderne Universität auf griechischem Boden. Nach einer langen Unterbrechung wurde 1986 auf Korfu wieder eine Universität gegründet, ein Symbol für das Selbstverständnis auf der Insel.

      Des britische Erbe lebt auch heute noch: viele Briten leben auf der Insel oder haben einen „Urlaubswohnsitz“ (mehr oder weniger dauerhaft) dort. Und bis heute wird leidenschaftlich Kricket gespielt! Anders als auf Zypern verließen die Engländer Korfu gewaltfrei, was vielleicht zum hohen Ansehen beiträgt. Hinterlassen haben sie auch ein bis heute sichtbares architektonisches Erbe.

      Das mit den Nasen gibt mir auch zu denken. Hier in München haben wir vor der Residenz vier Löwen mit blankgewetzter Nase. Ein zum Tode Verurteilter soll auf dem Weg zum Richtplatz alle vier Löwennasen berührt haben und wurde im letzten Moment begnadigt. Seitdem machen das viele Münchner bis heute, das sie im Vorbeigehen über die Nase wischen – ich gehöre dazu.

      Und wir haben die Statue der „Bezaubernden Julia“ am alten Rathaus. Bei Ihr ist es allerdings nicht die Nase, die blankgewetzt ist! Die bezaubernde Julia ist eine Replika der originalen Statue von Nereo Costantini (1905-1969), die in Verona in der Casa di Giulietta an das Liebesunglück des berühmtesten Paars in der Theatergeschichte, William Shakespeares Romeo und Julia, erinnert. Die Kopie war ein Geschenk der italienischen Gemeinde an ihre Partnerstadt München. Während es in Verona Tradition ist, die Brüste der Figur zu berühren, um Glück in der Liebe zu erhalten, trägt die Statue in München häufig Blumen im Arm, die ihr von Touristen und Bewunderern geschenkt wurden. Blankgewetzt ist vor allem die rechte Brust trotzdem.

      Bei den Durrell-Brüdern kenne ich keinen solchen Brauch. Auch sind die Reliefs, wie Du richtig bemerkt hat, für eine echte Tradition zu neu. Ich habe da eher die Touristen im Griff. Ich vermute, dass es die selben sind, die über jede Brust oder Nase wischen und Geld in jeden Brunnen werfen. Wobei mir Deine Theorie mit dem korfiotischen Humor auch gefällt.

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      1. Vielen Dank für die ausführliche Erklärung. – Ja, Touristen, ein Spezies für sich. die werfen ja auch Münzen in die Brunnen in Disney World. War vor langer Zeit mit einer Freundin und unseren beiden Töchtern, damals um die 10 Jahre alt, in Orlando. Die Mädchen haben die Münzen aus den Brunnen geangelt, wo sie nur konnten und wir befürchteten schon den schlimmsten Ärger.

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