Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Kassiópi

Einer der heißesten Anwärter für Odysseus Landeplatz liegt ganz im Nordosten der Insel, dort, wo Korfu Albanien am nächsten liegt. Tatsächlich sind es hier nur etwa zwei Kilometer bis zum Festland. Doch bevor ich mir einen Eindruck davon machen kann, muss ich erstmal dorthin.

Gleich nach der ersten Anhöhe nach Ípsos eröffnet sich mir der Blick auf die nächste Bucht. Die Strecke ist nicht ganz einfach, denn hier wechseln sich schmale Buchten mit schroffen Bergrücken und felsigen Vorsprüngen ab. Dabei sind viele der Hänge bewaldet. Dabei handelt es sich um Ausläufer des Pantokrátoras, dem mit über 900 Metern höchstem Berg der Insel.

Die Straße verläuft in nordöstlicher Richtung entlang des Bergmassives, erklimmt Sättel, schlängelt sich zurück zum Meer oder bleibt oben in sicherer Höhe. Manche Küstenorte, die sich in die steinigen Buchten schmiegen, sind dann über steile Straßen erreichbar. Andere Dörfer krallen sich in luftiger Höhe in den Fels, oft nur entlang der Hauptstraße bebaut. Gewagte Konstruktionen trotzen den Steilhängen einige Quadratmeter Wohnfläche ab.

Manche Häuser sind in gutem Zustand, mit Terrassen und Balkonen voll mit Topfpflanzen oder von wildem Wein umrankt, mit atemberaubenden Blicken in die Tiefe, andere sehen verfallen und unbewohnt aus, bis sich plötzlich eine Tür öffnet und jemand herauskommt – andere Häuser sind verlassen. Ein Laden, eine offene Taverne findet sich entlang der Höhenstraße kaum.

Manche der Dörfer sind frei von touristischen Einflüssen, in anderen stehen Hotel- oder Appartement-Anlagen, wie sie in den 70ern modern waren. Von Weitem sehen sie aus wie Hohlziegel, die jemand in den Abhang gemörtelt hat. Pirgí, Barbáti, Nisáki, Louìstri, Gimári, Kalámi – Weiler, Dörfer und Orte fliegen vorbei. Erst, wenn sich die Straße nach Norden wendet, werden die Hügel sanfter, die Kurven breiter und die Höhenunterschiede kleiner.

Der südliche Teil von Kassiópi ist etwas moderner, hat etwas vorstädtisches. Wo sich die Hauptstraße nach Westen wendet, geht es zur Altstadt, zum eigentlichen Kassiópi mit seinem Hafen, über den eine byzantinische Festung wacht. Könnte Odysseus hier an Lang gespült worden sein? Man kann sich gut vorstellen, wie an der Stelle der Festungsruine einst der Palast von König Alkinoos gestanden haben könnte.

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Auch haben Taucher schon in den 30er Jahren Spuren eines antiken Hafens im Hafenbecken entdeckt. An einer Bergung war man aber nicht interessiert, da man eine Einschränkung des Hafenbetriebs befürchtete. Zwei Dinge sprechen aber gegen Kassiópi als einstiger Hafen des Alkinoos: es fehlt das zu Stein gewordene Schiff der heimkehrenden Phäaken und wenn der Palast in Sichtweite liegt, dann müsste Odysseus Nausikaa wohl kaum nach dem Weg dorthin fragen. Außerdem ist der Weg ausgeschildert.

Ich stelle den Roller am Hafen ab und mache mich die paar Schritte auf zur Festung. Schon der Torbogen enthüllt den byzantinischen Ursprung. Von der Festung selbst steht fast nur noch die Außenmauer. Dabei ist die rechteckige Anlage – typisch für ein Kastell jener Zeit – recht groß. Heute wachsen im Inneren die Oliven.

Ungefähr an dem verbliebenen Tor – und damit auch meinem Roller – am weitesten entfernten Ecke schlug das Wetter plötzlich um. Schwarze Wolken wälzten sich die nahen Berghänge herunter. Das stahlgraue Meer peitschte wütend gegen die Küste und die Olivenbäume ächzten unter der Böh. Dann öffneten sich die unsichtbaren Himmelsschleusen, Regen prasselte herunter und der Weg entlang der Festungsmauer wurde zum reißenden Bach.

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Der einzig mögliche Unterschlupf war im schmalen Torhaus – hier war ich auch wenigstens etwas vor dem kalten Wind geschützt – doch die Stufen verwandelten sich in eine Reihe von Wasserfällen und ich stand bis über die Knöchel im Strom. Besser nasse Füße, als nass bis auf die Haut! Also hieß es abwarten.

Das Unwetter verschwand so schnell, wie es gekommen war. Der Himmel riss auf und die Sonne begann sofort die Pfützen aufzulecken. In Dampf und Nebel wrang ich als erstes einmal meine Socken aus und schlüpfte mit bloßen Füßen in meine Stoffschuhe, die so wohl am ehesten wieder trocknen würden. Jetzt entschädigte mich das Sonnenlicht, wie es rein und strahlend nur nach Wolkenbrüchen scheint, für den erlittenen Unbill.

Zurück am Hafen suchte ich mir die schönste Taverne mit dem besten Blick auf Meer und Hafen. Jetzt war eine Stärkung fällig. Vor dem obligatorischen griechischen Kaffee gab es deshalb Bauernbratwurst mit Paprika und Feta in Tomatensauce. Ein kritischer Blick zum Himmel ließ mich noch verweilen. Und in der Tat prasselte kurz darauf ein weiterer Schauer herunter. Gut, dass man hier durchsichtige Plastikplanen runterkurbeln konnte, die vor Wind, Regen und Spritzwasser schützen.

Nach Essen und Kaffee drehte ich noch eine Runde um den Hafen. Wirklich ein schöner Ort. Dann entdeckte ich in einem Laden für nur wenige Euro ein gelbes Ölzeug. Damit müsste ich meinen Rückweg einigermaßen trocken bewältigen können. Ursprünglich hatte ich mit dem Gedanken gespielt der Straße noch etwas weiter nach Westen zu folgen um dort ein verlassenes Kloster zu besuchen. Das Wetter hielt mich davon ab.

Eine Frage beschäftigt mich allerdings bis heute: nach dem Wolkenbruch lagen auf der mit Marmor gepflasterten Straße des Hafens vom Baum heruntergefallene grüne Früchte, die aussahen wie Alliengehirne. Ich hatte keine Raumschiffe gesehen und auch ein Allienmassaker konnte ich nicht bemerken. Weiß einer meiner Leser vielleicht, was das ist?

 

 

Zurück auf den Roller… in Ípsos wartet etwas Süßes auf mich

7 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Kassiópi

    1. Danke für diese Aufklärung. Ich hatte ja auf die Gehirne von Außerirdischen getippt, lag aber offenbar daneben. Im Enst: ich habe mich seit gut einem halben Jahr gefragt was das für Früchte sind. Jetzt weiß ich es endlich. Werde gleich mal googeln…

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  1. Mich hat es an eine unreife Litschi erinnert, damit lag ich wohl daneben… Die Wolken auf deinen Bildern sind schon beeindruckend. Das tiefe, bedrohliche Blau, welches fast schon ins schwarze abdriftet. Und die Wasserfalltreppe, wahnsinn. Gut, dass es nur die Socken und Schuhe erwischt hat 😉

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    1. Für eine Litschi wäre es zu groß (aber ich gebe zu, dass auf dem Bild der Größenvergleich fehlt. Es hat etwa die Größe eines … ähh… Aliengehirns eben.). Von dramatischen Wolken hatte ich in diesem Urlaub sogar jede Menge. Zum Beispiel hier https://wp.me/p8O5tv-42T auf meiner Fahrt zum „Kaizer’s Throne“. Aber so nass wie an diesem Tag wurde ich nicht mehr.

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