Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Café Dolce, Paleokastrítsa & Odysseus

Ich kehre nach Lakónes zurück, zwangsläufig, gibt es doch keine direkte Verbindung von Angelókastro nach Paleokastrítsa. Letzteres bedeutet übrigens so viel wie „alter Burgplatz“, was sich auf die in Sichtweite thronende Festung beziehen soll. Oder gab es hier in grauer Vorzeit etwa schon eine Burg? Ich komme gleich dazu.

Jetzt bin ich natürlich am anderen Ende der ampelgeregelten Ortschaft. Ganz wie ein Einheimischer – ich bin ja lernfähig! – fahre ich kaltblütig an der Schlange und der roten Ampel vorbei. Allerdings ganz so wagemutig bin ich ja auch nicht, weshalb ich schon nach wenigen Metern auf den Parkplatz des Café Dolce einbiege.

Dieses Café wurde von einem viel wagemutigeren Architekten an den Felsen geklatscht, eine Konstruktion aus Stahl, Glas und Beton mit Balkon und Dachterrasse. Die vielen Palmen und anderen Grünpflanzen vermittelten etwas Dschungel-Atmosphäre und pseudo-helenistische architektonische Elemente erinnern einen daran, dass man in Griechenland ist. Das Dach war gesperrt, doch am Balkon gab es einen windgeschützten Platz mit Blick auf mein nächstes Fahrtziel.

Ein deutscher Tourist kam mit seinem Motorrad und kreiste mehrere Male laut über den Parkplatz. Dann erschien ein Mietwagen mit zwei Frauen und einem weiteren Herrn, die Entourage des Motorradhelden. Rasch entfernte man die Absperrung zur Dachterrasse, wobei schnell klar wurde, weshalb die heute nicht im Angebot war: Treppe und Zugang sind schmal und es blies ein strammer Wind.

Eine junge Frau verweigerte sich dieser riskanten Exkursion, die drei übrigen schwankten hinauf um dort für Instafotos zu posen. Sobald die Fotos im Kasten waren gingen sie auch wieder – natürlich ohne die Absperrung wieder aufzubauen oder gar etwas zu konsumieren. Hauptsache die Insta-Story steht!

Zurück nach Paleokastrítsa und den atemberaubenden Blick darauf. Das Gebiet um den Urlauber-Hotspot besteht aus zwei Halbinseln und fünf Buchten. In einer dieser Buchten soll dereinst Odysseus angespült worden sein. Odysseus der Seefahrer, dem ursprünglich in der Geschichte um den Trojanischen Krieg nur eine Nebenrolle zugedacht war, immer im Schatten des Achilles, der erst nach dessen Tod zum wertvollsten Spieler in diesem Match avancieren sollte. Schließlich stammte die Idee mit dem Pferd ja von ihm!

So steht es in der Illias von Homer, dem ersten Schriftsteller der Geschichte. Mit der Illias gelang ihm sozusagen auf Anhieb ein Bestseller. Und was macht man dann? Man versucht gleich noch einen Bestseller nachzuschieben, diesmal mit Odysseus als zentralem Helden. So erfand Homer nicht nur den Beruf des Schriftstellers, er erfand den Spin-off gleich mit dazu.

Ursprünglich wollte Odysseus mit seinen Gefährten und einem Duzend Schiffen nach dem Sieg über Troja nur zurück nach Ithaka. Die Pläne gerieten durcheinander, als der Held auf der Rückreise wieder seinem Hauptberuf als Seeräuber nachgehen wollte, was misslang. Irgendwie muss er einige Götter erzürnt haben, namentlich den Gott des Meeres Poseidon, weshalb die Reise zur Odyssee wurde.

Ich kürze ab: Irgendwann wurde Odysseus, nun ohne Schiffe und Gefährten, Dauergast bei der Nymphe Kalypso auf ihrer Insel Ogygia. Wo die genau war, darüber streiten sich die Gelehrten. Damit unsere Geschichte funktioniert empfehlen wir die Insel Gozo bei Malta oder Pantelleria bei Sizilien. Nach sieben Jahren beschließen die Götter denn Seefahrer endlich nach hause kommen zu lassen. Odysseus ist, wie so oft schon, fast daheim, als ihn nach 17 Tagen auf See Poseidon entdeckt und es stürmen lässt, was den Armen etwa 100 nautische Meilen nach Norden abdriften lässt. Unser Held erreicht Land mit der Hilfe der Nymphe Ino Leukothea, kann aber nur das nackte Leben retten.

Die Insel, an der er strandet, ist das Land der Phäaken, ein legendäres Seefahrervolk und damit vermutlich – da sind sich die Gelehrten ausnahmsweise einmal einig – die Insel Korfu. Dort findet findet ihn Nausikaa, die Tochter des Königs Alkinoos und versorgt ihn mit Kleidern und weist ihm den Weg zum Palast ihrer Eltern. Es gelingt ihm, die Gunst des Königs und seiner Ehefrau Arete zu gewinnen, die ihm versprechen, ihn mit einem ihrer Schiffe nach Ithaka bringen zu lassen.

Nicht weniger als drei Buchten und Häfen auf Korfu beanspruchen für sich genau der Ort zu sein, an dem der nackte Odysseus angespült worden war. Was für Paleokastrítsa spricht ist dessen Lage an der Westküste. Außerdem erfüllt sie noch ein kleines Detail: das Schiff, dass Odysseus schließlich heim nach Ithaka gebracht hat, wurde von dem rachsüchtigen Poseidon – denken sie mal darüber nach, wenn Sie das nächste mal beim Griechen eine Poseidon-Platte bestellen! – kurz vor der Einfahrt in den Heimathafen in Stein verwandelt. Dieser Felsen ragt in kurzer Entfernung heute noch aus dem Meer. Von einem Kloster aus kann man ihn gut sehen.

Doch wo war der Palast des Alkinoos? Liegt er unter den Mauern der Festung Angelókastro? Oder verbirgt er sich auf einer der beiden Halbinseln? Auf der nordöstlichen Halbinsel, hoch auf einem Felsen, liegt das eben erwähnte Kloster Panagia Theotokos tis Paleokastritsas, das bereits im Jahr 1228 gegründet wurde, mit dessen Bildern ich diese Geschichte geschmückt habe. Bevor wir uns entscheiden, sehen wir uns in den nächsten Tagen noch die beiden anderen Aspiranten an.

Am Eingang des gastfreundlichen Klosters kaufte ich einem fliegenden Händler einige Weintrauben ab. Ich wollte ohne Wespen und bekam deshalb nur etwa sieben. Der Preis war eigentlich zu hoch, aber er sah so unglücklich aus mit seinem kleinen Stand und umschwirrt von Bienen und Wespen. Bereut habe ich es nicht. Sie gehören zu den besten Weintrauben, die ich je gegessen habe. Wespen wissen was gut ist!

Paleokastrítsa selbst ich hübsch, für mich aber zu touristisch, zu überlaufen und mit zu wenig Abstand – Corona nicht vergessen, weshalb ich mich diesmal ohne Kaffee aus dem Staub mache. Aber ich habe ja noch ein Ziel für heute: das schönste Bergdorf auf Korfu!

4 Gedanken zu “Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Café Dolce, Paleokastrítsa & Odysseus

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