Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Achilleion II – welcher Achill ist der Richtige?

Wenn man Kérkyra auf der 25, der EO Kerkiras Achillou, verlässt, wird das Achilleion auf Wegweisern groß ausgewiesen, als wäre es eine Großstadt wie Athen oder Thessaloniki. Durch eine grüne Ebene Richtung Süden geht es auf einer gut ausgebauten Landstraße und sogar die LKW haben genügend Platz zum Überholen. Schon nach wenigen Kilometern zweigt die 25 nach links ab und verwandelt sich in ein Sträßchen, dass sich über Hügel und durch Dörfer windet, so schmal, dass zwei Busse niemals aneinander vorbei kämen, weshalb sie auch tagsüber eine Einbahnstraße ist – auch, wenn sich kaum einer daran hält.

So nähert man sich von Nordwesten aus über Gastoúri dem Achilleion, der Attraktion der Insel, was nicht zuletzt den prominenten Mietern geschuldet ist. Die Villa Braila, die ursprünglich auf diesem Hügel stand wurde, 1889 bis 1891 grundlegend umgestaltet – nach Plänen und unter Anleitung von niemand geringerem als Kaiserin Sisi.

Die vormals bayerische Prinzessin und nun Kaiserin von Österreich an der Seite von Kaiser Franz Joseph hatte um Abstand vom entfremdeten Gatten und dem strengen Hofzeremoniell an der Wiener Hofburg zu entrinnen bereits in jungen Jahren eine rege Reisetätigkeit entwickelt, die sie 1861 schon einmal besuchte. 30 Jahre später verwirklichte sie für die damals utopische Summe von 9 Millionen Goldfrancs ihre Vorstellung eines Zufluchtsortes.

„Mein Held ist Achill„, vertraute die Kaiserin ihrem Tagebuch an. „Er hat alle Könige verachtet und nur in seinen Träumen gelebt.“ Ihm, ihrem Helden, wollte sie nahe sein. So ist er der Dreh- und Angelpunkt ihres selbst geschaffenen Sehnsuchtsortes, dem Achilleion. Schon über der repräsentativen Treppe des Gebäudes hängt das Gemälde „Der Triumpf des Achilles“ des österreichischen Malers Franz Matsch. Der siegreiche Achäer zieht darauf die Leiche des von ihm besiegten Hektor um die Mauern Trojas.

Doch näher war ihr ihre erklärte Lieblingsstatue, die unten im Garten zu finden ist: der „sterbende Achill“, wie er versucht sich den vergifteten Pfeil des Apoll aus der einzig verwundbaren Ferse zu ziehen. Zu spät! Achill wird sterben. Doch dies ist nicht die einzige bemerkenswerte Statue auf dem weitläufigen Grundstück: in der Säulenhalle des Peristyl, einer von Kolonaden eingefassten Terrasse im ersten Stock, stehen 13 Büsten griechischer Philosophen – und William Shakespeare! Ein Zufall, auf den wir noch einmal zurückkommen werden. Dazu Plastiken der neun Musen, der drei Grazien und des Apoll.

Doch aus Sisis Wunsch, hier auf Korfu endlich Ruhe und Frieden zu finden, wurde nichts. Noch während der Bauarbeiten erfuhr sie vom Freitod ihres Sohnes Rudolf. So nahm sie ihr ruheloses Reiseleben wieder auf, lang hielt es sie nie an einem Ort, bis 1898 ein Anarchist ihrem Leben ein gewaltsames Ende setze. Ähnlich dem sich unverwundbar wähnenden Achill, hatte sie das Eindringen einer schmalen, scharfen Klinge nicht bemerkt. Als sie Minuten später tödlich getroffen zusammenbrach soll sie noch gesagt haben: „Aber was ist denn mit mir geschehen?“. Nur 60 Jahre alt ist sie geworden, die unglückliche Kaiserin. Eine Statue von ihr, die so gar nicht nach Romy Schneider aussieht, begrüßt die Gäste vor dem Eingang des Hauses…

Dass fast alles so erhalten ist, wie es nach Sisis Vorgaben einmal geschaffen worden war, muss man dem nächsten prominenten Besitzer zugute halten. 1907 erwarb niemand geringeres als der deutsche Kaiser Wilhelm II. das Anwesen. Durch seinen strengen Hauslehrer Hinzpeter beherrschte Wilhelm nicht nur Altgriechisch, er war auch in griechischer Mythologie bewandert und begeisterter Hobbyarchäologe. Nur in der Interpretation des Achill war der Kaiser uneins mit der vorangegangenen Herrin des Hauses. Ihm lag der heldenhafte, der siegreiche Achilles näher.

Wohl deshalb lies er im hinteren Teil des Gartens eine 5,5 Meter hohe Statue des Achill im neobarocken Stil errichten, sozusagen als Kontrapunkt zum leidenden Achilles der Kaiserin. Denn „sein“ Held steht aufrecht mit Schild und Speer und blickt furchtlos in die Zukunft. „Sein“ ist hier wörtlich zu nehmen: der Kaiser hat die bronzene Figur selbst so entworfen.

Unglücklicher Weise waren die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht ganz so siegreich, wie die Achäer vor Troja. Der Kaiser verlor nicht nur Thron und Reich, sondern auch sein Refugium auf Korfu. Doch welcher Achill ist nun der Richtige? Der leidende Held der Kaiserin oder der stolze Krieger des Kaisers? Wir werden diese Frage nicht beantworten können – und brauchen jetzt erstmal eine Tasse Kaffee…

Zur tragischen Geschichte des Achilles geht es hier!

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