Korfiotisches Kaffee-Tagebuch: Achilleion I – von Helden und Göttern

Wer war Achill? Der gestrauchelte, der leidende Kämpfer? Oder der siegreiche Held? Für die Griechen ist er schon immer unentbehrlich gewesen, war ihnen doch geweissagt worden, dass ohne seine Teilnahme am Trojanischen Krieg wäre dieser nicht zu gewinnen. Und sie siegten – obwohl Achilles starb!

Ohne Götter und Helden geht es eben nicht. Ein Griechenland-Urlaub ohne Zeus, Hera, Poseidon und Co? Undenkbar! Speisekarten wären witzlos, Tavernen nach Belanglosigkeiten benannt. Auch im streng orthodoxen Griechenland ist der Olymp immer mit von der Partie. Weshalb sollte das auf Korfu nicht so sein?

Doch anders, als auf anderen Inseln Griechenlands wirkt Kérkyra, was das hellenische Pantheon betrifft, fast schon säkular – nicht aber laizistisch! Ist die Antike mit ihrem Götterhimmel zwar weitestgehend unsichtbar, so lauern insgeheim Achilles, Odysseus und Kollegen hinter jeder Straßenecke, hinter jedem Olivenbaum. Oder, anders und präziser gesagt, sie sind zwar vorhanden aber vergraben unter einer Historie, die sich Schicht um Schicht über ihnen aufgetürmt hat. Von Rom über Venedig bis England und Frankreich hat jeder Besatzer eine weitere Schicht aufgetragen – aber die Götter sind und waren immer da.

Achilles, zu Deutsch Achill oder lateinisiert Achilleus war Sohn des Königs von Phythia Peleus und der Meernymphe Thetis, schönste Tochter des Meeresgottes Nereus. Die Nymphe tauchte ihr Neugeborenes in den Unterweltfluss Styx um damit die leidige Sterblichkeit, die lästige Nebenwirkung der Tatsache, dass ihr Gatte ein Mensch war, abzuwaschen. Dabei hielt sie ihn mit spitzen Fingern an der Ferse. Dort und nur dort, blieb der Sohn sterblich.

Schlagen wir die Illias auf, den antiken Bestseller des Autoren Homer, dann erfahren wir nur wenig über den jungen Achill. Vater Peleus schickte ihm, wie andere Heldenväter auch, zu einem Centauren in die Lehre. Auf dem Stundenplan standen Kriegskunst, Reiten, Jagen und Musik. So gerüstet soll der Heißsporn sich für ein kurzes, ruhmreiches Leben entschieden haben, welches er einem langen aber glanzlosen Leben vorzog.

Trotzdem wollte Mutter Thetis die Teilnahme des Jünglings an dem damals ausgesprochen populären Trojanischen Krieg verhindern, in dem sie den Sohn versteckte. Allerdings wurde der Streitmacht der griechischen Achäer von einem Orakel geweissagt, sie könnten die Belagerung nur gewinnen, wenn Achill am Kampf teilnimmt. Hier kommt Odysseus ins Spiel, der den Knaben ausfindig macht. Diesem Helden und Irrfahrer werden wir auf Korfu noch begegnen.

In der Schlacht um Troja boten beide Parteien alles an Helden und Göttern auf, was damals Rang und Namen hatte. Nur Herakles fehlt. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hatte er Terminschwierigkeiten. Zehn Jahre dauerte das Gemetzel nun schon an, da entbrannte unter den Achäern unter dem Oberkönig und Heerführer Agamemnon ein Streit und Achilles zog sich für länger in seinen Schmollwinkel zurück. Ein Gutteil der Illias beschäftigt sich mit dem Kapitel „Achilleus Zorn“.

Da ohne Achill die Griechen Niederlage um Niederlage einfuhren, leiht sich sein bester Freund Patroklos dessen Rüstung aus. Jetzt müssen wir einen Blick auf die Trojaner werfen und damit auf den Grund des Krieges. König von Troja war damals Priamos, dessen Sohn Paris die schöne Helena raubte, was die Griechen erzürnte. Des Königs ältester Sohn war Hektor, der Heerführer der Trojaner. Der erschlug nun Patroklos, da er in der Rüstung Achilles vermutete.

Da beschließt Achilles wieder am Kriegsgeschehen teilzunehmen und den Tod des Freundes zu rächen. Er lässt sich von Hephaistos, dem Gott des Feuers und der Schmiedekunst, eine neue Rüstung anfertigen und stürzt sich rasend vor Zorn in die Schlacht. Sich am Ziel seiner Rache wähnend, erschlägt er Hektor im Zweikampf und zieht dessen Leichnam tagelang hinter seinem Streitwagen her. Dabei will er Priamos das Recht verweigern seinen gefallenen Sohn würdevoll zu bestatten.

Damit zieht Achilles den Zorn der Götter auf sich. Die ziehen schon während des ganzen Krieges im Hintergrund die Strippen, verschaffen mal der einen, mal der anderen Seite einen Vorteil, denn auch sie, die Götter, sind sich uneins in der Frage, welche der beiden Kriegsparteien denn im Recht sei. Einig werden sie sich allerdings darüber, dass Leichenschändung unschicklich ist. Zwar versucht Mutter Thetis, die ja göttlicher Herkunft ist, ihren Sohn zum einlenken zu bewegen, doch zu spät! Der Unmut der Götter war geweckt und Achilles damit in Ungnade gefallen.

Paris führte nun an Hektors statt das Heer der Trojaner und erwischte Achilles im Tempel des Apollo dabei, wie dieser seiner Schwester Polyxena nachstellte. Apollo selbst soll es gewesen sein, der den vergifteten Pfeil auf die einzige verwundbare Stelle an Achilles Körper gelenkt hat – die Ferse. Schmerzvoll muss für den archaischen Held die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit gewesen sein, wenn auch nur kurz.

Warum dieser – stark gekürzte! – Ausflug in die Welt der griechischen Helden und Götter? Weil wir die Sagenwelt kennen müssen, wenn wir die Griechen begreifen wollen. Weil wir ohne Achill das Achilleon nicht verstehen können. Und ohne ein Verständnis des Achilleons bleibt vieles über zwei seiner Bewohner im Dunkeln, einer Kaiserin und eines Kaisers, die beide ebenfalls ein tragisches Ende nahmen, jeder für sich. Und jedes Ende so tragisch, dass es einer griechischen Sage entstammen könnte…

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