Bosnian special: 25 Jahre Massaker von Srebrenica

Vor vierzehn Jahren saß ich an einem Sonntagmorgen im Taxi und hörte B5 aktuell. Es war Pfingsten und die BR-Korrespondenten brachten ihre Radio-Features, halbstündige Radioreportagen, die Sahnestücke, das Salz in der Suppe, die Momente, die aus dem journalistischen Arbeitsalltag herausragen. Der Balkan-Korrespondent berichtete über Srebrenica, eine kleine, unwichtige Provinzstadt, die einmal im Jahr zum Zentrum des medialen Interesses wird, nämlich immer dann, wenn der Jahrestag des Massakers begangen wird. Das einzige Hotel des Ortes ist dann ausgebucht. Doch der Hotelier hatte weder Kosten noch Mühen gescheut um den angereisten Presseleuten einen damals in dieser Region unglaublichen Service zu bieten: Internet.

DSC_0459

Heute jährt sich das Radio-Feature zum 14. Mal – und der traurige Anlass dafür zum 25. Mal! Am 11. Juli 1995 stürmten die Soldaten der bosnisch-serbischen Armee der Republika Srpska unter dem Kommando von Ratko Mladić die UN-Schutzzone um Srebrenica, ein kleiner Ort in einem engen Talkessel zwischen den dicht bewaldeten Bergen Ostbosniens. In den Tagen darauf wurden im Rahmen einer ethnischen Säuberung etwa 15.000 bis 17.000 Frauen und Kinder in überfüllten Bussen in von bosnischen Regierungstruppen kontrolliertes Gebiet deportiert, währen 8.000 bosnische Männer von Soldaten der Armee der Republika Srpska und paramilitärischen Einheiten ermordet wurden.

DSC_0419

Das Massaker von Srebrenica hat sich tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt und nimmt einen ähnlichen Stellenwert ein, wie das von Mỹ Lai oder das von Katyn. In der Erinnerung vergisst man leicht, dass auch Bosnier oder Kroaten unter den Kriegsverbrechern des Jugoslawienkrieges zu finden sind. Trotzdem sind bei diesem Ereignis die Rollen klar verteilt: die Täter sind die Schergen des Generaloberst Mladić, die Opfer hauptsächlich bosnische Zivilisten und in zweifelhafter Rolle die Soldaten der UN-Schutztruppen, die praktisch als Zaungäste und stellvertretend für die Weltgemeinschaft zu Zuschauern degradiert entweder nichts taten, oder sogar beim Verladen der Bosnier behilflich waren. Außerdem haben sie die noch verbliebenen Bosnischen Kämpfer weitgehend entwaffnet.

Sarajevo2009Potocari 287

Die Ermordeten wurden in Massengräbern vergraben – oft viele Kilometer vom Tatort entfernt. Weshalb es für die Hinterbliebenen oft Jahre oder Jahrzehnte dauern sollte, bis sie Gewissheit über das Schicksal ihrer Ehemänner, Väter, Söhne, Brüder, Großväter oder Enkel erhielten. Für viele gilt das heute immer noch. Wir ein weiteres Massengrab entdeckt, werden die Überreste der Ermordeten von britischen Forensikern identifiziert. Zumindest wird das versucht. Einmal im Jahr, am 11 Juli, werden die Verstorbenen in einem der Gräber auf dem Friedhof rund um die Gedenkstätte Potočari. Hier hatten die niederländischen UN-Blauhelme vom Dutchbat ihr Lager.

Sarajevo2009Potocari 317 DSC_0026

Es wurde immer wieder versucht das Massaker von Srebrenica zu leugnen oder zumindest zu relativieren. Angesichts von etwa 6.600 Gräbern in Potočari und einer Liste von ebenso vielen Vermissten lässt hingegen das Schlimmste befürchten. Bis heute tut sich die serbische Regierung schwer das Massaker als Genozid einzuordnen. Das, und ein wackeliger Frieden, der diesen Namen kaum verdient, erschweren eine Versöhnung zusätzlich.

DSC_0473

Vor 13 Jahren bin ich zum ersten Mal an einem 11. Juli in Potočari gewesen. Was folgte war eine Reihe von Reisen durch Bosnien, Serbien und Teile von Kroatien. auf diesen Reisen habe ich viele nette und hilfsbereite Menschen in und aus allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien kennengelernt, habe die Bosnischen Pyramiden besucht und dabei Semir „Sam“ Osmanagić – den bosnischen Indiana-Jones – kennengelernt, war beim Entschärfen von Minen in Ilijaš und im Distrikt Brčko dabei, bin mit dem „Friedenszug“ von Belgrad nach Sarajewo und über eine der schönsten Bahnstrecken Europas von Sarajevo nach Ploče gefahren, habe mich mit Taxifahrern gestritten und andere mit Trinkgeld überhäuft, habe im Stadion Koševo ein Dino-Merlin-Konzert genossen, unzählige Ćevapi gegessen, Drina geraucht und Kaffee getrunken, Mokka aus kleinen Tässchen und metallenen Kännchen.

Sarajevo2 027

Kaffee ist immer auch politisch. Wie in Griechenland, wo nach dem Zypern-Konflikt aus dem türkischen Kaffee der „Eleniko“ wurde, ist Kaffee im ehemaligen Jugoslawien entweder „bosanska“, „srbska“ oder „turska“, je nach dem, auf welchem Hoheitsgebiet man sich gerade befindet. An der Zubereitungsart ändert das natürlich nichts. Es bleibt ein starker Mokka, mehr oder weniger süß und man muss beim Trinken aufpassen, dass man nicht plötzlich den Satz zwischen den Zähnen hat.

Beograd - Sarajevo März 2010 615

Ich habe ein zutiefst gespaltenes und zerrissenes Land erlebt mit liebenswerten Menschen. Trotzdem oder gerade deshalb lässt uns ein Ereignis wie Srebrenica ratlos zurück. Die Erklärungen sind griffig. Sie befriedigen aber nicht. Ein Teil der Lösung mag dieser unselige Nationalismus sein, wie er überall in Europa und anderswo wieder keimt. Dabei trägt der Konflikt die Lösung schon in sich. Schon seit Jahrhunderten ist der Balkan die Grenze zwischen Orient und Okzident, zwischen West und Ost, zwischen Islam,. Orthodoxie und Katholizismus. als Sinnbild mag die Brücke von Mostar herhalten, die bildlich einen Bogen von einer Welt in die andere schlägt. Sarajevo, wo sich Belagerer und Bewohner über Jahre hinweg bis aufs Blut bekämpft haben, ist heute wieder Sinnbild für eine Stadt, in der verschiedene Ethnien und Religionen zusammen leben. Mehr oder weniger.

Sarajevo2009Potocari 500

An einem Tag wie heute, dem 25. Mal, dass sich das Massaker von Srebrenica jährt, bleibt mir nur allen Menschen Frieden zu wünschen.

 

Mehr über Bosnien gibt es hier! Und hier!

Nach Sarajevo geht es hier!

So kocht man Bosanska Kafa!

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.