Wo sich griechischer Kaffee und Espresso begegnen

Griechische Inseln, eines der liebsten Urlaubsziele der Deutschen! Und deren Geschichte? Ganz einfach: früher antikes Griechenland, heute Griechenland. Doch Geschichte verläuft selten so schön linear. Genauer betrachtet eigentlich nie. Und so gibt es mehr italienischen Einfluss auf die Kultur der griechischen Inseln, als auf den ersten Blick erkennbar. DSC_0142
Das Odeon von Kos als Zeugnis römischer Baukunst.
Dorier, Spartaner, Perser, Römer, Byzantiner, Venezianer, Genuesen, Osmanen, Briten, Italiener, Deutsche, man könnte meinen, die jeweiligen Eroberer, Besitzer und Besatzer gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Jeder dieser „Gäste“ versuchte seinen Besitzungen einen eigenen Stempel aufzudrücken: architektonisch, kulturell, ja sogar bis in die Küchen hinein. Pastitsio
Heute ein Klassiker der griechischen Küche: Pastitsio.
So stammt das typisch griechische Pastitsio, ein Hackfleisch-Makkaroni-Auflauf, ursprünglich aus Bologna. Dort ist sie bekannt als Lasagne pasticciate, kurz Pasticcio genannt. Gerichte dieser Art haben sich im gesamten Mittelmeerraum etabliert, wobei diese kulinarische Mischung aus Moussaka und Lasagne durchaus im gegenseitigen kulturellen Austausch ihren Ursprung haben könnte. DSCN2929
Italiensischer Funktionalismus: die Kirche der Heiligen Metropole Kos und Nisyros.
Dabei erstreckt sich der italienische Einfluss nicht nur auf die Gebiete, die schon geografisch nahe an Italien liegen. Venedig kontrollierte nicht nur die Ionischen Inseln, Teile von Albanien und den Peloponnes, auch Kreta gehörte bis 1715 zum Reich des Dogen. Die Ionischen Inseln schüttelten ihr Joch erst 1797 ab, gerieten aber kurz darauf unter napoleonischer Herrschaft und wurden nach der Niederlage des Korsen britisches Protektorat, unter dem sich 1817 die innenpolitisch autonomen „Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln“ bildeten. 1864 traten die Ionischen Inseln dem seit 1830 unabhängigen griechischen Staat bei. Venezianische_Kolonien
Die venezianische Herrschaft im Mittelmeer.
Sehr viel länger dauerte der Weg der Dodekanes, der Inselgruppe in der östlichen Ägäis. Unter der 450-jährigen türkischen Herrschaft gelang es ihnen eine relative Autonomie zu erlangen, die allerdings um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert zusehens eingeschränkt und schließlich 1908 ganz aufgehoben wurde. Gleichzeitig erhob Griechenland Anspruch auf die zwölf Inseln, während die Dodekanes 1912 den unabhängigen Bund der Ägäis proklamierten. Noch im selben Jahr fiel die Inselgruppe als Folge des Osmanisch-Italienischen Krieges an Italien. DSCN2524
Der Freiheitsplatz in Kos mit Markthalle.
Italien betrachtete die Italienischen Ägäis-Inseln als Kolonien. Im Londoner Vertrag 1915 und im Vertrag von Lausanne 1923 wurde der italienische Besitz formal bestätigt, während die Besatzer damit anfingen Fakten zu schaffen. Dabei entwickelten sie eine rege Bautätigkeit. So stammen die Hafenanlagen auf Kalymnos inklusive der Verwaltungsbauten aus faschistischer Zeit. Auch andere Inseln profitierten zunächst vom italienischen Bauboom, der zum einen eine funktionierende Infrastruktur zum anderen repräsentative Funktionsbauten zum Ziel hatte. DSCN2629
Justizpalast und Polizei auf Kos: italienischer Eklektizismus.
Auf Rhodos wurden Krankenhäuser und ein Kraftwerk gebaut, das Rhodos Stadt und das italienische Kolonialdorf Campochario mit Elektrizität versorgte. Auf Kos stammen die Markthalle und der Freiheitsplatz aus dieser Zeit, sowie der Justizpalast mit Polizeistation und die Kirche der „Heiligen Metropole Kos und Nisyros“. Auch brachten die Italiener die Ausgrabungen voran. Vornehmlich ging es wohl darum dadurch zu beweisen, dass die Dodekanes schon immer „römisch“ waren, was mit zahlreichen Rekonstruktionen belegt werden sollte. Auf Kos wurden so das Asklepieion und in Kos-Stadt das Odeon und eine römische Villa ausgegraben, beziehungsweise rekonstruiert. DSCN2607
Rekonstruktion römischen Lebens: Villa Roma auf Kos.
Was die italienische „Eigenbauten“ betrifft, so lassen sich grob zwei Phasen unterscheiden: während in der ersten zwei Jahrzehnte der Eklektizismus – ein zum Teil wilder Stilmix verschiedener Epochen – vorherrschte, so wich dieser vor allem in der Endphase dem Italienischen Funktionalismus. Was anfangs gefällig, ja fast verspielt aussehen sollte, wurde nun von klaren Linien und Modernität geprägt. Ebenso verhielt es sich mit der Besatzung durch die Italiener: während der erste Gouverneur Mario Lago hauptsächlich für Aufbau und Integration stand, so setzten sein Nachfolger Cesare Maria De Vecchi den Faschismus und die damit verbundenen antisemitischen Rassengesetze. Noch 1928 förderte Lago noch die Gründung eines Rabbinerkonvents auf Rhodos, während die Herrschaft De Vecchi von Unterdrückung und Judenverfolgung geprägt waren – eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte der Ägäis! DSCN2874
Repräsentation: Verwaltungsgebäude auf Kos.
Das Ende kam schnell: 1943 besetzte die deutsche Wehrmacht die Dodekanes des abtrünnig gewordenen Bündnispartners Italien, 1945 kamen die Inseln unter britische Militärverwaltung und 1949 schließlich zu Griechenland. Was außer Pastitsio ist von den Italienern geblieben? Zahlreiche Bauten, Festungen und Ruinen aus venezianischer Zeit prägen bis heute das Stadtbild vieler Hafenstädte der Dodekanes. Mit der italienischen Besatzung wurden Italiener angesiedelt – einige blieben auch nach 1943, was einige italienische Nachnamen bis heute verraten. Außerdem brachten die Beamten der italienischen Kolonialregierung natürlich auch den Espresso auf die Inseln. 20190725_000609
Ausnehmen gut: Espresso im H2O.
Der führte lange Zeit eher ein Schattendasein. Erst mit den vielen italienische Touristen fand er seien Weg zurück auf die Inseln. Heute gehört er in den meisten Cafés und Bars einfach mit dazu. Auch gibt es einige Ecken, wo man besonders guten Espresso bekommt, wie etwa in der H2O Bar des Aktis Art Hotels auf Kos. In den traditionellen Kafenions wird natürlich der typisch griechische Kaffee bevorzugt – und das ist gut so! Denn, wie so oft, haben die zahlreichen Besatzer mehr zurückgelassen, als nur eine Fußnote in der Geschichte. Im Fall Italiens sind es etwas „dolce Vita“ und einige klassische Cafés. Und hier und da ein guter Espresso… So kocht man griechischen Kaffee! Zur Kaffeereise nach Kos geht es hier! Bildrechte: „Pastitsio“, Robert Kindermann/Wikipedia.org, Graphik „Venezianische Kolonien“ Maximilian Dörrbecker/Wikipedia.org, beide „Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license; übrige Bilder Coffeenewstom; Quellen: eigene Recherchen, Wikipedia.org.
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