Das Romanische Café

Das Romanische Café eröffnete 1902 im kurz zuvor fertiggestellten „Neuen Romanischen Haus“, ein neoromanisches Wohn- und Geschäftshaus am Auguste-Viktoria-Platz, dem heutigen Breitscheidplatz in Berlin. Von 1915 bis zum Niedergang der Weimarer Republik war es der Treffpunkt der intellektuellen Künstlerelite: Renommierte Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Regisseure, Journalisten, Kritiker. Zugleich war es Anlaufstelle für werdende Künstler, die erste Kontakte suchten.

Die bereits Erfolgreichen versuchten, allzu plumpe Annäherungsversuche abzuwehren. Ihr Revier war das sogenannte „Bassin für Schwimmer“, der Nebenraum mit etwa 20 Tischen. Alle anderen wurden auf den Hauptraum mit etwa 70 Tischen verwiesen, das „Bassin für Nichtschwimmer“. Die Schachspieler trafen sich traditionell auf der Galerie, auf der Terrasse tummelten sich die „Fremdlinge“.

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Die Liste der Stammgäste ist schier endlos. Besonders zu erwähnen aber wären Hans Albers, Gottfried Benn, Otto Dix, Berthold Brecht, Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz), Albert Einstein, Mascha Kaléko, Erich Kästner, der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch, Else Lasker-Schüler, Max Liebermann, der Intendant Max Reinhardt, Erich Maria Remarque, Joachim Ringelnatz, Rudolf Steiner, Franz Werfel, Stefan Zweig, Billy Wilder, Carl Zuckmayer und Filmregisseur Géza von Cziffra, den wir uns genauer anschauen wollen.

Géza von Cziffra, geboren im damaligen Königreich Ungarn, volontierte bei Sascha-Filmindustrie in Wien und inszenierte dort den weitgehend mit Puppen gestalteten Film „Gullivers Reisen“. 1923 ging er nach Berlin und schrieb für das die „Weltbühne“, das „Berliner Tageblatt“ und die „Welt am Abend“. In den 30er Jahren schrieb Cziffra zahlreiche Drehbücher, darunter den Kassenschlager „Es war eine rauschende Ballnacht“ mit mit Zarah Leander und Marika Rökk in den Hauptrollen.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete Cziffra Filmproduktionsfirmen in Wien und Hamburg. Mit seinen Musik- und Unterhaltungs-Filmen, wie Kriminaltango, Die Abenteuer des Grafen Bobby und Charleys Tante mit Stars wie Peter Alexander und Heinz Erhard, prägte er maßgeblich den deutsch-österreichischen Unterhaltungsfilm der 50er und beginnenden 60er Jahre. 1981 hat er seine Erlebnisse und Begegnungen im Berlin der 20er Jahre niedergeschrieben und in seinem Buch „Der Kuh im Kaffeehaus“ erstmals veröffentlicht.

Dem jungen Cziffra, der in Wien bereits Kaffeehauserfahrungen sammeln konnte, wurde rasch Stammgast im „Romanischen Café“ und erzählt also aus persönlicher Beobachtung. So erlaubt er ungewöhnliche und authentische Einblicke in des Berlin der „Goldenen Zwanziger“. Dem oben erwähnten Buch sind auch die Erzählungen für das Buch „Das Romanische Café“ entnommen. Seine Geschichten erwecken den Flair der Berliner Bohème jener Jahre wieder zum Leben.

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Der Spuk des Nationalsozialismus machte dem „Romanischen Café“ als Künstler- und Intellektuellen-Treffpunkt den Gar aus. Viele seiner Stammgäste wurden von den Nazis verfolgt, kamen um oder mussten emigrieren. 1943 setzten Fliegerbomben dem Café ein endgültiges Ende. Versuche das „Romanische Café“ wieder zu beleben – wie in den 70ern im an selben Ort neugebauten Europacenter oder vor knapp zehn Jahren an Westseite der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – stellten sich als kurzlebig heraus. Weshalb es hauptsächlich in der Erinnerung weiterlebt – und in den Erzählungen von Géza von Cziffra.

 

Bildrechte: Raum im Erdgeschoss des Romanischen Hauses (Berlin). Zur Zeit der Aufnahme 1908 befand sich hier die Konditorei des Hotels Kaiserhof, ab 1916 dann das sogenannte „Bassin für Nichtschwimmer“ des Romanischen Cafés, Edgard Haider – Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2006, Scan von Seite 163, Wikipedia, gemeinfrei; „Neues Romanisches Haus“, auch „Romanisches Haus II“, in Berlin-Charlottenburg, am Auguste-Viktoria-Platz (Breitscheidplatz) östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche; erbaut 1900-1901 nach Entwurf des Architekten Franz Schwechten; Aufnahme wohl kurz nach der Fertigstellung, Edgard Haider: Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006, S. 162, Wikipedia, gemeinfrei; Coffeenewstom (2x), Quellen: „Das Romanische Café“, Géza von Cziffra, Wikipedia, Tagesspiegel.

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