James‘ Café

Es war die Zeit, in der wir noch glaubten, dass Freundschaften ewig halten und die Orte, die wir liebten, unsterblich wären. Es war die Zeit, als Wünschen noch etwas half und wir das Wort Aufgeben noch nicht kannten. James’s Café, das war ein kleines Café in der Landshuter Allee nur wenige Schritte vom Platz der Freiheit und im Herzen Neuhausens, das für einige Zeit unser Lebensmittelpunkt werden sollte. Wir, das waren Hans-Jürgen, Oliver, Martin, Markus und ich. Wir waren der innerste Kern des Stammtisches, Schüler, Philosophen, Träumer und einander Freund.

Es war einer der wenigen Momente, in denen mein Vater berufliches und privates einmal nicht trennte und mir erzählte, dass ein Mandant aus seiner Kanzlei ein Café eröffnet hätte. James, der Besitzer, hatte sich vom Liftboy und Barkeeper in Schumann’s Bar nach oben gearbeitet. Das Café wurde damals aus dem Fundus der Bavaria Filmstudios eingerichtet, was ihm einen Hauch von Casablanca verlieh.

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Bald ging ich in James‘ Café ein und aus, brachte meine Freunde mit, ja, sogar meine Großmutter ließ es sich nicht nehmen ein ums andere Mal dort vorbei zu schauen, auch um ihrem Enkel bei der Arbeit zuzuschauen, denn bald fing ich an hier nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu jobben. Die Verbindung zwischen James und meiner Oma wurde so eng, dass er auch zu ihrer Beerdigung kam. Erst stand er abseits, weil er, wie er meinte, ja nicht zur Familie gehörte. Darum ging ich ihn zu holen. Meine Oma hätte es so gewollt.

Für Hans-Jürgen, Oliver, Martin, Markus und mich wurde James‘ Café so etwas wie unser Stützpunkt, von dem aus wir unsere Taten planten. Wir sprachen über Gott und die Welt, wobei Gott wörtlich gemeint ist und sich die Welt hauptsächlich über unsere Philosophie definierte. Wir diskutierten daher viel über Goethe, Kant, Nietzsche – ich glaube es war Martin, der damals das erste Mal „Gott ist tot“ postulierte und dabei auf den erbitterten Widerstand von Hans-Jürgen, Markus und mir traf – Heidegger und Rudolf Steiner, vor allem Rudolf Steiner!

Es musste aber nicht immer geredet werden; ich erinnere mich an einen sehr schönen Abend mit Martin, an dem wir bei einem Pernod draußen vor dem Café saßen und schwiegen. Zum Abschied haben wir uns gegenseitig für diesen sehr schönen Abend bedankt. Mit vielen Freunden kann man reden, nur mit ganz wenigen schweigen.

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Ein Gast, mit dem man besser reden als schweigen konnte war ein angehender Jurist namens Westerwelle. James war überzeugt, dass aus ihm noch einmal etwas ganz Großes werden würde. Mit ihm ließ sich trefflich über Politik streiten. Doch im Gegensatz zu heute, wo man sich auf Facebook lediglich Gemeinheiten an den Kopf wirft, erlaubte er es einem stets das Gesicht zu wahren, auch, wenn er mal die besseren Argumente hatte.

Im Gegensatz zu ihm waren wir modisch gesehen eine Herausforderung für jeden Geschmack, trugen gebrauchte Sakkos auf und die Wahl unserer Hemden war nicht immer stilsicher. Wir entdeckten das Rauchen für uns, Zigarillos oder Pfeife. Ganze Abende verbrachten wir im Gespräch darüber, wie man eine Pfeife am besten einraucht und welcher Tabak der leckerste ist.

Es mag Zufall gewesen sein oder unbewusste Berechnung, dass wir kaum einmal eine unserer damaligen Liebschaften mitbrachten. Ich selbst kann mich nur an zwei oder drei erinnern. Am bedeutsamsten war wohl ein Treffen mit F. Wir hatten am Abend vorher auf Hans-Jürgens Geburtstag für einen Eklat gesorgt, als man uns in einem ansonsten unbenutzten Nebenraum in flagranti erwischte. Vielleicht auch deshalb, weil wir mit anderen Partnern zu dieser Party gekommen waren. Am Abend danach bei James haben wir dann beschlossen, dass F. bei mir einzieht.

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Das Café gibt es nicht mehr. James wechselte irgendwann in die Hochbrückenstraße. Freunde und Weggefährten aus der Vergangenheit waren bald nicht mehr gerne gesehen. Auf der Seite eines Architekturbüros habe ich gelesen, dass James vor zehn Jahren ein Projekt für einen Biergarten in Kampala, der Hauptstadt seines Heimatlandes Uganda entwickelt hatte, der Robins Biergarten heißen sollte. Von einer Verwirklichung findet sich im Internet nichts.

Markus ist Arzt an der Charité in Berlin. Meine Eskapade mit F. hat er mir bis heute nicht verziehen. Oliver lebte zeitweise in Hamburg, kam aber wieder nach München zurück. Wo er heute lebt, weiß ich nicht. Auch was aus Martin geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Nur Hans-Jürgen und ich treffen uns noch von Zeit zu Zeit auf einen Kaffee. Hätte man uns damals gesagt, wir würden uns zum Großteil einmal aus den Augen verlieren, wir hätten ihm nicht geglaubt. Doch rückwirkend betrachtet gehört die Zeit in James‘ Café zu unseren schönsten Jahren – zumindest in der Erinnerung.

 

Ich habe leider keine Bilder von James’s Café, weshalb ich hier durchwegs Symbolbilder verwende. Bildrechte: Willfahrt/pixelio.de, W. R. Wagner/pixelio.de, gc3bcnter-havlena/pixelio.de, grey59_pixelio.de.

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