Kurze Kaffee-Kulturgeschichte XIII – Das Wiener Kaffeehaus

Hört man Kaffeehaus, denkt man fast automatisch an Wien oder Österreich. Zu recht, ist das Nachbarland doch ganz vorne dabei, wenn es um Kaffeekultur geht. Die Wiener Kaffeehauskultur gehört seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Im „Nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich“ steht: „Die Tradition der Wiener Kaffeehauskultur reicht bis an das Ende des 17. Jahrhunderts zurück und ist durch eine ganz spezielle Atmosphäre geprägt. Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Thonetstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus. Die Kaffeehäuser sind ein Ort, ‚in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht'“.

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Der um 1900 erschienene „Illustrierte Wegweiser durch Wien und Umgebungen“, der Wien-Besucher auch über die Funktion der Wiener Kaffeehäuser informierte, definierte diese Institution so: „Für das gesellschaftliche und theilweise auch für das geschäftliche Leben von Wien sind die Kaffeehäuser von der höchsten Bedeutung. Namentlich in den Nachmittagsstunden vollzieht sich in denselben ein nicht unbedeutender Theil des Verkehrs, und das ‚Stamm-Kaffeehaus‘ ist ein Zusammenkunftsort.“ Und Stefan Zweig schrieb in seinen Memoiren „Die Welt von Gestern“ über seine Wiener Jugend, dass das Wiener Kaffeehaus „eine Institution besonderer Art darstellt, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist“.

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Anders als in einem gewöhnlichen Café war es im Wiener Kaffeehaus durchaus üblich, dass ein Gast, der nur einen Kaffee bestellt hat, stundenlang an seinem Tisch sitzen bleiben durfte und die vorhandenen Zeitungen ausgiebig studierte oder als Schriftsteller hier arbeitete. Die Zeitungen waren auf Zeitungsständer-Gestellen, die üblicherweise aus dünnem Bugholz gefertigt waren, aufgespannt. Das seit dem 17. Jahrhundert sich verbreitende Billardspiel fand schnell Einzug in die Wiener Kaffeehäuser. Bis heutet findet sich in vielen Kaffeehäusern ein Billardtisch. Ebenso gibt es in guten Kaffeehäusern mindestens ein Schachspiel und Spielkarten.

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Heute kann der Wienbesucher zwischen den verschiedensten Kaffeehäusern wählen. Von einfach bis elegant, von historisch bis modern, ja, manchmal scheint es, dass man sich sogar das Jahrzehnt oder Jahrhundert aussuchen kann. Trotzdem: Ab 1950 begann das „Kaffeehaussterben“, als einige berühmte Wiener Kaffeehäuser schließen mussten. Auf der Wiener Ringstraße überlebten beispielsweise von 15 verzeichneten Kaffeehäusern zur „goldenen Zeit“ vor dem Ersten Weltkrieg etwa vier bis 2014. Drei sind ursprüngliche Cafés unter demselben Namen, eines wurde auf das umgebende Hotel umbenannt und ein anderes wurde zu einer neuen „Lounge“ in einem Hotel. Trotzdem gibt es auch heute noch etliche dieser typischen Wiener Lokale, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben, zumal seit den 1990er Jahren allgemein ein neues Interesse an der Kaffeehaus-Tradition zu beobachten ist.

 

Titelbild: „Zu den blauen Flaschen“, Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900, gemeinfrei. Bild „Café Hawelka“, Kurt Forstner/Wikipedia.com, „Café Goldegg“, E. Kehnel/Wikipedia.com, „Café Bräunerhof“, Andreas Praefcke/Wikipedia.com. Quellen: Wikipedia, „Das Wiener Kaffeehaus“, Birgit Schwanner, K.-M. Westermann, Pichler Verlag, „Das Wiener Kaffeehaus“, Goldmann Austriatica, „Kaffee und Kaffeehaus“, Ulla Heise, Komet.

 

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