Kleine Kaffee-Kulturgeschichte XII – Kein Kaffeehaus ohne Thonet-Stuhl No. 14!

Dass sich das Kaffeehaus fast nur in Österreich in seiner reinen Art erhalten, ist kein Zufall. War doch hier auch praktisch das Geburtsland eines ganz besonderen Café-Stils. Undenkbar wäre seine ästhetische, schlichte und doch gemütliche Einrichtung ohne das klassische Kaffeehaus-Möbel: den Thonet-Stuhl No. 14 – heute Modell 214.

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Thonet ist einer der ältesten familiengeführten Möbelhersteller der Welt und produziert seit 1819 Wohn- und Objektmöbel. Der deutsch-österreichische Tischlermeister Michael Thonet gründete 1819 sein Unternehmen. Von Anfang an bemühte er sich ebenso formschöne, als auch erschwingliche Möbel herzustellen.Während der traditionelle Tischler eine Schwingung durch Sägen, Hobeln oder Schnitzen aus dem vollen Block gewann, versuchte Thonet dies schon früh durch Biegung, also durch Verformung des starren Holzes zu erreichen. In dieser Entwicklungszeit meldete er für verschiedene damals neuartige Verfahren Patente an.

Den Durchbruch schaffte Firmengründer Michael Thonet 1859 mit dem ikonischen Stuhl Nr. 14, dem sogenannten Wiener Kaffeehausstuhl: Durch die neuartige Technologie des Biegens von massivem Buchenholz konnte erstmals ein Stuhl industriell hergestellt werden. I einer Festschrift aus dem Jahr 1896 heißt es: „In dem Bestreben, dem Artikel durch Einführung billiger Consumsorten eine grössere Verbreitung zu verschaffen und ihn allgemein zugänglich zu machen, hat die Fabrik Koritschan im Jahre 1859 jene Type geschaffen, welche als Sessel Nr. 14 der Hauptconsumartikel der Thonet’schen Industrie geworden und geblieben ist.

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Der „Stuhl Nr. 14“ gilt als der traditionelle Stuhl für Wiener Kaffeehäuser und ist das meist produzierte Sitzmöbel der Welt, zudem eines der erfolgreichsten Industrieprodukte überhaupt. Bis 1930 wurde der Stuhl bereits 50 Millionen Mal verkauft. Er verkörpert alle Vorteile der neuen Bugholztechnik: Formschönheit, Funktionalität, Materialersparnis, Erschwinglichkeit und Haltbarkeit. Der Stuhl wurde nach dem Bausatz-Prinzip in Einzelteilen als flaches Paket in alle Welt ausgeliefert und erst vor Ort montiert. Die Verbindung der gebogenen Teile erfolgte durch Verschraubung und nicht wie sonst üblich mit Leim.

Heute gibt es unzählige Variationen, Kopien und Nachbauten des Kaffeehaus-Stuhl-Klassikers. Aus den Kaffeehäusern und Cafés ist er nicht mehr wegzudenken. Und so lange es ihn noch gibt, wird es auch Kaffeehäuser geben, in denen er seinen Platz hat, der Stuhl No. 14 von Michael Thonet.

 

Titelbild: „Zu den blauen Flaschen“, Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900, gemeinfrei. Bild „Michael Thonet, Konsumstuhl Nr. 14″Holger.Ellgaard/wikipedia.com, Coffeenewstom. Quellen: Unternehmensseiten, Wikipedia, „Das Wiener Kaffeehaus“, Birgit Schwanner, K.-M. Westermann, Pichler Verlag, „Das Wiener Kaffeehaus“, Goldmann Austriatica, „Kaffee und Kaffeehaus“, Ulla Heise, Komet.

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