Kurze Kaffee-Kulturgeschichte IX – Das Kaffeekränzchen

Was dem einen Not, ist des anderen Tugend! Während die Arbeiter Kaffee tranken, um überhaupt etwas Warmes im Magen zu haben, war es bald üblich im guten Hause zum Nachmittagskaffee zu laden. Hier waren es hauptsächlich die Damen, die Kaffeetrinken ritualisierten. Wohl auch der Tatsache geschuldet, dass oftmals der Besuch der Kaffeehäuser durch Damen, so sie nicht dort arbeiteten, als unschicklich galt, wenn er nicht ganz verboten war.

So bildeten sich mehr oder weniger lockere Runden mit mehr oder weniger Geschlechteraufteilung, mal nur zum Ratschen, mal mit literarischer Intention, als Lesezirkel oder Kaffeekränzchen. Man sollte das nicht unterschätzen. Einige deutsche Dichter und Schriftsteller, darunter Theodor Storm, die Gebrüder Grimm und andere, waren Mitglieder solcher Kränchen.

La_bottega_del_caffè

Das Kränzchen war übrigens der Studentensprache entlehnt. Die Kränzchen waren landsmannschaftliche Vereinigungen von Studenten an alten deutschen Universitäten. Aus den Kränzchen entwickelten sich im 19. Jahrhundert die Corps. Auch in der Freimaurerei gab es viele Kränzchen. So war es nur recht und billig, dass die jungen Damen auch ihre Kränzchen bekamen. Mit dem vorangesetzten Wort Kaffee setzten sie sich zugleich von den studentischen Vereinen ab.

Auch der Begriff „Besucherkaffee“ stammt aus dieser Zeit, war es doch üblich Gästen besseren Kaffee vorzusetzen, als man ihn gewöhnlich trank, also bessere Qualität und weniger beigemischte Zichorie. Auch nahm man zum Kaffeekranz „das gute Porzellan“. So wurde für das Biedermeier die nachmittägliche Kaffeerunde zum Inbegriff geselligen Beisammenseins – oder der Spießigkeit, abhängig davon aus welchem Blickwinkel man das Treiben betrachten möchte.

Zusammengefasst ist das Kaffeekränzchen die Folge einer stetigen Privatisierung des Kaffeetrinkens, die im 20. Jahrhundert ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Auch sehen viele die geselligen Kaffeerunden als Inbegriff der „guten, alten Zeit“.

Morgen kommen wir zu Blütezeit der Kaffeehäuser. Hier geht es zurück zur Industriellen Revolution.

 

Titelbild: „Zu den blauen Flaschen“, Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900, gemeinfrei. Bild „Zeitgenössische Kaffeehausszene des 18. Jahrhunderts“, Autor unbekannt, gemeinfrei. Quellen: Wikipedia, „Das Wiener Kaffeehaus“, Birgit Schwanner, K.-M. Westermann, Pichler Verlag, „Das Wiener Kaffeehaus“, Goldmann Austriatica, „Kaffee und Kaffeehaus“, Ulla Heise, Komet.

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