Kurze Kaffee-Kulturgeschichte IV – Die Türken vor Wien

Die Legende will es, dass die Türken 1683 den Kaffee mit zur Belagerung von Wien brachten und ein gewisser Kolschitzky als Belohnung für seine Heldentaten bei der Befreiung der Stadt die zurückgelassenen Säcke mit Kaffee als Lohn erhielt zusammen mit dem Recht selbigen zuzubereiten und zu verkaufen. Dabei habe nur er alleine gewusst etwas mit den schwarzen Bohnen anzufangen. Die Geschichte ist erfunden. Tatsächlich gab es aber schon früh einen Kaffeeschenkenbesitzer Kolschitzky – der Rest ist geniales Marketing.

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Georg Franz Kolschitzky, nach 1683.

Doch machen wir uns auf die Suche nach dem wahren Kern der Geschichte. Erwiesener Maßen bekannt war die „türkische Suppe Kaffeh“ schon 1580 in Ofen, heute Budapest. Auch darf vermutet werden, dass Kaffee in höfischen und klerikalen Kreisen bekannt war und auch konsumiert wurde. 1665 entsandte der türkische Sultan Mehmet IV. seinen Botschafter Mehmed Pascha zu einer Friedensmission zu Kaiser Leopold I. nach Wien. Mit im Gefolge von 300 Mann reisten die Kaffeeköche Mehmed und Ibrahim. Gerade für die Mitglieder der feinen Gesellschaft war es üblich, die prunkvollen Zelte der Gesandtschaft vor den Toren der Stadt zu bewundern. Der eine oder andere dürfte auch mit dem türkischen Mokka in Berührung gekommen sein. Zeit genug war. Der Tross blieb bis 1666.

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Großwesir Kara Mustafa Pascha, 17. Jahrhundert.

Ein Jahr nach der Abreise des Gesandten wurde 1667 die „Orientalische Companie“ gegründet, zu dem Zweck mit dem osmanischen Reich Handel zu treiben. Unter den begehrten Waren war auch Kaffee und unter den Bediensteten der Handelsgesellschaft ein gewisser Kolschitzky. Das gute Verhältnis zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Osmanischen Reich endete 1672 mit dem osmanischen Überfall auf Polen-Litauen. 1683 belagerten die Osmanen unter der Führung des Großwesiers Kara Mustafe Pascha das strategisch bedeutsame Wien, bis ein vom polnischen König Sobieski entsandtes Entsatzheer mit Truppen aus Venedig, Bayern, Sachsen, Franken, Schwaben, Baden, Oberhessen und Polen die Osmanen bei der Schlacht am Kahlenberg entscheidend schlug.

Kolschitzky will als Lohn für seinen entscheidenden Beitrag zum Sieg über die Türken das Recht auf Kaffeeverkauf verliehen bekommen haben. Tatsächlich wurden nach der Belagerung von Wien mehrere „Raizen“, namentlich Armenier, gemeint waren Serben und mehrere andere Ostvölker, für ihre Spionagetätigkeiten während des Krieges mit dem kaiserlichen Privileg des Kaffeesiedens belohnt. Deren Dienst für den Kaiser war nicht ganz freiwillig. Armenier hatten sich einige in Wien angesiedelt und egal welchen Beruf sie ursprünglich einmal hatten, ihren Lebensunterhalt verdienten sie als Händler zumeist mit guten Kontakten in den Orient.

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Sultan Mehmed IV. , 17. Jahrhundert.

Diese wollte sich Leopold I. zu Nutze machen. Anders gesagt: wer nicht mitmachte, der wurde schlicht und einfach des Landes verwiesen. Erwiesen hingegen ist, dass „nach der Belagerung Wiens ein gewisser Griech namens Theodat, welcher in der Zeit der Belagerung alle Brieff aus- und eingetragen, zur Billichen Belohnung die freyheit erhalten, den Caffée in einem offenen Gewölb ausschäncken zu mögen“, heißt es in einem Hochkommissionsgutachten erstell für Maria Theresia anno 1747. Außerdem, so das Gutachten weiter, sei später vier weiteren „Griechen“ diese Ehre zuteil geworden.

Diese sogenannte Hoffreiheit war ein ganz besonderes Privileg, denn neben dem Recht zum Ausschank beinhaltete sie die Steuerfreiheit. Bürgerliche Kaffeesieder hingegen mussten Steuern an die Stadt abführen und auch hier waren die Genehmigungen äußerst rar gesät. Doch verlieren wir uns nicht in den bürokratischen Feinheiten: Theodat, auch Deodat oder Diodato, besaß seit dem 17. Januar 1685 das erste Kaffeehaus Wiens und für 20 Jahre eine Art Monopol. Und „Gewölb“ dürfte eine treffende Beschreibung der Cafés jener Zeit sein.

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Kaiser Leopold I. 1672.

Die wurden schnell zum Erfolg. 1690 kam mit Ibrahim Pascha ein neuer Gesandter aus dem Osmanischen Reich nach Wien. Und natürlich wieder mit beeindruckendem Gefolge. 25 Kilo Rohkaffee sollen in seinem Feldlager verbraucht worden sein – täglich! Somit war Kaffeetrinken endgültig zur Mode geworden und der Türkentrank in aller Munde.

Das Titelbild dieser Reihe „Zu den blauen Flaschen“ dürfte Kolschitzky zeigen. Pater Gottfried Uhlich berichtet in seiner Chronik „Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer“ aus dem Jahr 1783, dass Kolschitzky, der sich gerne in einer Art türkischer Uniform präsentierte, das erste Wiener Kaffeehaus „Zu den blauen Flaschen“ im damaligen Schlossergassel – heute Stock-im-Eisen-Platz 4 –  eröffnete. Richtig sein dürfte, dass Theodat Kolschitzky zuvor gekommen ist. Erst ein Jahr danach erhielten weitere ehemalige Kundschafter der Türkenbelagerung, darunter Kolschitzky, ebenfalls das Privileg des Kaffeeausschanks.

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Entsatzschlacht von Wien, 1683.

Morgen erfahren wir mehr über mehr über preußische Kaffeeschnüffler. Zur zaghaften Verbreitung des Kaffees in Europa geht es hier, zu den orientalischen Kaffeehäusern hier!

 

Titelbild: „Zu den blauen Flaschen“, Altwiener Kaffeehausszene, etwa 1900, gemeinfrei. Bild Georg Franz Kolschitzky, 1683, gemeinfrei, Idealporträt des Großwesir Kara Mustafa Pascha, 17. Jahrhundert, Museum Wien, gemeinfrei, Sultan Mehmed IV., Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert von Jacob Peeters, Historisches Museum der Stadt Wien, gemeinfrei, Kaiser Leopold I. (1640-1705) im Harnisch mit Feldherrnstab, Kniestück, 1672  von Benjamin von Block, Kunsthistorisches Museum Wien, gemeinfrei, Entsatzschlacht von Wien, Frans Geffels 1683, Wien Museum Karlsplatz, gemeinfrei. Quellen: Wikipedia, „Das Wiener Kaffeehaus“, Birgit Schwanner, K.-M. Westermann, Pichler Verlag, „Das Wiener Kaffeehaus“, Goldmann Austriatica, „Kaffee und Kaffeehaus“, Ulla Heise, Komet.

 

 

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