Zum Tag der Arbeit: Roboter als Barista

Geduld wird wohl überschätz! Alles muss schnell gehen, heutzutage. Keiner will warten. Mit Folgen: Teig darf nicht mehr gehen, Käse nicht mehr reifen und Sauerbraten wird auch nur noch für Stunden eingelegt. Gut ist es bekommt man sein Ergebnis sofort. Noch besser, wenn es irgendwas mit Digital zu tun hat! Am besten, wenn es dafür eine App gibt!! Anstellen war gestern! Heute bestellt man mit dem Smartphone. Schneller, billiger, digitaler. Und dabei tun alle neuen Anbieter so, als hätten sie gerade das Rad erfunden.

Archäologen haben in Armenien einen Schuh entdeckt, der tausend Jahre älter ist als die Pyramiden von Gizeh und 400 Jahre älter als Stonehenge. Der in einer Höhle extrem gut konservierte Lederschuh wurde auf ein Alter von 5.500 Jahren datiert und ist damit die älteste bekannte lederne Fußbekleidung der Welt. Zalando gibt es seit 2008. Buchhandlungen gab es, man glaubt es kaum, schon vor Amazon. Und Personen von A nach B fahren gab es schon vor Uber, Moia und Clever Shuttle.

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Nach der Digitalisierung kommt dann die Robotisierung: richtig glücklich sind die Konzerne erst, wenn auch der letzte arbeitende Mensch durch einen Roboter ersetzt wurde. Schreibprogramme übernehmen das Texten, Roboter sind dann in der Produktion gerne gesehen, wenn sie billiger sind wie unterbezahlte Hilfskräfte in Bangladesh und das Autofahren sollen sie eh bald ganz übernehmen. Denn der Mensch ist die größte Fehlerquelle im System. Er ist praktisch unberechenbar, wird manchmal sogar Krank und will bezahlten Urlaub und Feiertagszulagen. Vor allem macht der Mensch nämlich eines: er kostet!

Der freundliche Barista im Café um die Ecke galt bisher als fleischgewordener Gegenentwurf zur Digitalisierung. Unbeeindruckt von Ketten, wie Starbucks und Konsorten, serviert er Tag für Tag seinen Kunden Kaffee, hat immer ein nettes Wort für seine Kunden und kennt all die Geheimnisse, die nötig sind, um mittels einer professionellen Kaffeemaschine und 18 Bar Druck aus einem frisch gemahlenen braunen Pulver in 26 Sekunden einen köstlichen Extrakt zuzubereiten: den perfekten Espresso.

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Doch manchem unter den eher hektischen Zeitgenossen dürfte das zu lange dauern. Der Kaffee muss erst gemahlen und dann zubereitet werden, die Milch aufgeschäumt und beides zusammen kunstvoll eingeschenkt werden. Das kann bis zu einer Minute dauern! Redet er noch mit den Kunden sogar zwei!! Während sich vor der Kaffee-Bar eine Schlange bildet. Eine Schlange bedeutet immer Wartezeit. Undenkbar! Könnte man nicht mit einer App bestellen. Der Herstellungsprozess müsste natürlich automatisiert werden…

Geht nicht? Geht doch! In Tokyo im vollautomatischen Henn na Café, was „seltsames Café“ bedeutet, serviert ein Roboter wahlweise frisch gebrühten Filterkaffee oder leckere Kaffeespezialitäten. Der Reisekonzern H.I.S. hat das erste Café dieser Art im Kaufhaus Shibuya Modi eröffnet. Wenn das Testprojekt erfolgreich verläuft, sollen weitere Henn na Cafés in Japan folgen. H.I.S. betreibt bereits neun Henn na Hotels, in denen hauptsächlich Roboter arbeiten.

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Auch in San Francisco mit seinem nahe gelegenen Silicon Valley, das schon für ganz andere Branchen zur Brutstätte des Bösen geworden ist, gibt es einen Barista-Roboter, die Robotic Coffee Bars von Coffee X. Dort kann man mittels einer App bestellen oder über ein Bedien-Terminal. In beiden Fällen erhält man einen Code, denn man am Ende in die Zahlen-Tastatur an einem Glaskasten, in dem der Roboter wohnt, eingibt. Ein emsiger Roboter-arm zaubert dann das Getränk und bugsiert es in den Ausgabeschacht. Dort kann nach etwa zwei Minuten der glückliche Kunde seinen Kaffee entnehmen.

Zwei Minuten? Das kann ein Barista in der Zeit doch auch, oder? Klar, doch der Roboter-Arm kann drei Kunden gleichzeitig bedienen. Und er redet nicht. Bisher verkauft sich der Kaffee hier mehr über die neue Erfahrung und den Hauch des Modernen. Von der Qualität her ist das Produkt allerdings eher Mittelmaß, genau so durchschnittlich, wie ein durchschnittlicher Automatenkaffee. Lohnend ist das Geschäft allenfalls für den „Arbeitgeber“. Der Roboter ersetzt drei Angestellte, arbeitet 24 Stunden am Tag (wenn der Chef es will sogar 24 1/2 Stunden!), meckert nicht, wird nie krank und braucht keinen Urlaub. Na gut, vielleicht eine Inspektion alle paar Monate und nach etwa 10.000 Espressi einen Ölwechsel.

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Ist das die „Schöne neue Arbeitswelt“, wie wir sie uns wünschen? Mit Kaffee-Kultur allerdings hat das wenig bis gar nichts zu tun. Aber wir werden uns auch diesem Trend anschließen. Gut vorbereitet sind wir ja. Als wir das erste Buch bei Amazon bestellt haben, da hatten wir vielleicht noch Skrupel. Was soll aus dem Buchhändler um die Ecke werden? Beim ersten Paar Schuhe von Zalando fiel uns der Einkauf schon leichter. Bei der ersten Fahrt mit Uber hatten wir unser schlechtes Gewissen schon ganz gut im Griff. Und wird bald der Uber-Fahrer durch einen Roboter ersetzt, dann ist uns das nur recht, denn der hatte eh schon nicht mehr so viel drauf, wie seinerzeit ein Taxifahrer.

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Aber: wollen wir das wirklich? Wünschen wir uns nicht insgeheim bereits jetzt den belesenen Buchhändler im Viertel zurück, der uns bei der Wahl unseres nächsten Romans so trefflich beraten konnte – und das abseits aller Online-Bewertungen, von denen die Hälfte eh gekauft oder von Bots eingestellt wird? Und gab es nicht früher einmal Schuster, die den kaputten Absatz an unserem Schuh für wenige Euro reparieren konnte und das oft schneller, als Zalando liefern kann?

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Sagen wir nein zur digitalen Diktatur! Kaufen wir unsere Bücher und Schuhe wieder im Fachgeschäft! Fahren wir wieder Taxi und nicht mit dem hippen Fahrdienst! Und trinken wir unseren Kaffee bei einem Barista aus Fleisch und Blut. Wenn die Konzerne unbedingt Roboter produzieren wollen, dann wüsste ich einen Verwendungszweck für sie. Der Roboter kann sich ja für mich in der Warteschlange anstellen. Ich schau ihm dann von meinem Platz im Café aus zu…

 

Bildrechte: Cafe X (3x), Melitta Professional Coffee Solutions GmbH & Co. KG, Cafe X (3x), Quellen: Cafe X, Melitta Professional Coffee Solutions GmbH & Co. KG, Handelsblatt, Wikipedia.

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