Intermezzo im Stereo Café

Man könnte fast dran vorbeilaufen. Nicht, weil es sich vor einem versteckt. An der Straße ist sogar eine unübersehbares Firmenschild angebracht, welches in die Münchner Residenzstraße hineinragt. Es ist halt nur nicht da, wo man es erwartet. Hinein kommt man nämlich durch ein Modegeschäft und dann über eine elegant geschwungene Treppe in den ersten Stock. Hier erwartet den Besucher ein vornehmer 50er-Jahre-Stil: türkisfarbener Samt, Nierentisch, Pastelltöne, Rosenthal-Geschirr. Das große Fenster geht zur Straße hinaus. Wer das Glück hat dort einen Platz zu ergattern, kann dem Treiben in der Fußgängerzone zuschauen.

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Überhaupt ist das Café gerne einmal voll. Vor allem um die Mittagszeit, da die Gäste durch die Aussicht auf einen leckeren Mittagstisch angelockt werden. Das führt dazu, dass am oberen Treppenabsatz immer wieder Neugäste auf freie Plätze lauern. Wer hier zu lange an einem Glas Wasser nippt, der läuft Gefahr sie sich zum Feind zu machen. Bei großem Andrang wird ohnehin streng selektiert, wer Essensgast ist und wer nur auf ein Heißgetränk vorbeigekommen ist. Der Kaffee übrigens ist bemerkenswert ausgewogen, eher mild als rau, fühlt sich aber in meiner geschäumten Milch sehr wohl. Weithin bekannt ist der Brunch, den es nur Samstag Vormittag gibt und über den ich nur aus zweiter Hand berichten kann.

 

Früher war hier einmal das Café Hag, beziehungsweise die Confiserie Rottenhöfer, eine Institution, die leider seit dem 30. Juni 2013 nach 188 Jahren der Vergangenheit angehört. 1838 hatte der Konditor Carl Rottenhöfer dort so erfolgreich mit Schokolade experimentiert, dass die „Confiserie Rottenhöfer“ bald zum königlich-bayerischen Hoflieferanten ernannt wurde. 1924 ließ der damalige Besitzer Ludwig Roselius, der zu dieser Zeit mit seiner großen Erfindung, dem koffeinfreien Kaffee, auf den Markt kam, wie in vielen anderen deutschen Städten hier eine Kaffee-Hag-Stube einrichten.

Nach der völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Wiederaufbau, erfolgte 1953 die erste Modernisierung mit Erweiterung von Café
und Verkaufsräumen. Weitere Um- und Ausbauten standen in den Jahren
1982 und 2005 an. So entstand ein Refugium für behütete Damen und galante, ältere Herren, die hier nach Laune und vor allem ungestört dem Müßiggang nachgehen konnten. Die letzten Inhaber, Brigitte und Hans Peter Umscheid, verkörperten hier im Herzen von München traditionelle und anspruchsvolle bayerische Kaffeehauskultur.

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Geschichte! So mischt sich, bei allem Charme, den das Stereo Café unbestritten hat, etwas Wehmut in die Betrachtung ein. Doch einen Vorteil hat die Lage im ersten Stock: sie hält Touristen von einem Besuch ab. Leider dürfte die Treppe auch für die eine oder andere ältere Dame ein Hindernis sein. Es gibt halt nichts Perfektes auf dieser Welt. Der heutige Inhaber Arnold Jaeger Werner jedenfalls hat beim Einrichten ein gutes Händchen bewiesen. Alles andere hätte auch überrascht. Schließlich betreibt er auch den Bob Beaman Music Club, den Smoothie-Verkauf „Super danke!“, das Flushing Meadows Hotel & Bar, die James T. Hunt Bar und das Edmoses.

 

Stereo Café, Residenzstraße 24, München Altstadt; Öffnungszeiten: Montag – Samstag 10:00 – 20:00 Uhr.

Schöne Cafés in unmittelbarer Nähe sind das Café-Bistro im Dallmayr Delikatessenhaus, das Café Arzmiller, das Brioche Dorée und das Maelu.

 

 

 

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