Caffè sospeso – suspended Coffee

Ich betrat ein kleines Kaffeehaus mit einem Freund von mir und wir gaben unsere Bestellung auf. Während wir zu unserem Tisch gingen, kamen zwei weitere Personen rein. „Fünf Kaffees bitte, zwei für uns und drei Aufgeschobene“ Sie bezahlten die Rechnung, nahmen die zwei Kaffees und gingen.

Ich fragte meinen Freund: „Was sind diese „Aufgeschobenen“ Kaffees?“ „Warte und sieh selbst!“ Mehr Personen kamen ins Kaffeehaus. Zwei Mädchen bestellten jeweils einen Kaffee, bezahlten und gingen wieder. Die nächste Bestellung war für sieben Kaffees von drei Rechtsanwälten – drei für sie selbst und vier „Aufgeschobene“. Während ich noch immer darüber rätselte, was denn diese „Aufgeschobenen“ Kaffees bedeuten, genoss ich das schöne Wetter und die tolle Aussicht auf dem Platz vor dem Kaffeehaus.

Plötzlich kam ein Mann in heruntergekommenen Kleidern, der aussah wie ein Bettler, ins Kaffeehaus und fragte höflich: „Haben Sie einen aufgeschobenen Kaffee für mich?“

Zugegeben: diese Geschichte habe ich nicht selbst erlebt. Ich habe sie von Suspended Coffee Germany übernommen, weil sie schlicht aber eindrücklich erklärt, worum es geht. Dahinter entdecke ich nicht nur die in letzter Zeit stark strapazierte Nächstenliebe, man könnte fast ein Grundrecht auf Kaffee davon ableiten. Wenn wir die Momente im Café so genießen, warum ermöglichen wir sie nicht den Mitmenschen, die sich das nicht leisten können?

Pressefoto Gutscheine 2

Das Prinzip des „Caffè Sospeso“ entstand um 1900 in Italien, besser gesagt in Neapel. Dort etablierte sich in vielen Bars der Stadt der Brauch, außer dem eigenen Kaffee auch einen weiteren Kaffee für Bedürftige zu bezahlen. Einheimische führen die Tradition darauf zurück, dass die Neapolitaner in der Geschichte oft auf sich selbst gestellt gewesen sind und so gewohnt waren den Mangel an politischer Führung auszugleichen In Neapel lebt die Tradition bis heute fort. Allerdings ist sie meist nur in der Altstadt zu finden und erfüllt nur noch begrenzt eine soziale Funktion. Besonders um die Weihnachtszeit wird sie lebhaft praktiziert.

Die Euro- und Finanzkrise führte dazu, dass sich ab 2008 auch in anderen europäischen Ländern Initiativen entwickelten, diese Tradition auch in anderen Städten zu übernehmen. In Bulgarien wurden 150 Cafés dafür gewonnen. In Spanien verbreitete sich diese Aktion unter dem Namen „Café pendiente“. Viele andere europäische Länder folgten. Inzwischen bieten auch Cafés in Nord- und Südamerika und Australien die Kaffeegeschenke an. Im Internet entstanden verschiedene Seiten, die diese Cafés verzeichnen.

2013 wurde die Idee des „Suspended Coffee“ über Facebook von John Sweetny weiter bekannt gemacht und virtuell auf der ganzen Welt geteilt. So kam die Aktion auch bis nach Deutschland. Am 8. April teilte eine Freundin auf ihrer Chronik die Geschichte des Aufgeschobenen und brachte Saskia Rüdiger auf die Seite von John. Begeistert von dieser Idee nahm Saskia Kontakt zu John auf. Mit seinem Einverständnis entschied sie sich spontan am 09. April 2013 die Facebook- Seite „Suspended Coffees Germany“ zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt war Saskia 17 Jahre und besuchte die elfte Klasse des Matthes- Enderlein- Gymnasium im sächsischen Zwönitz.

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Inzwischen ist Saskia 22 und in Deutschland gibt es aktuell 339 teilnehmende Cafés. Anfänglich scheint es einfacher Kunden davon zu überzeugen einen Kaffee aufzuschieben als Bedürftige zu finden, die sich trauen das Geschenk auch anzunehmen. Es gehört schon etwas Überwindung dazu die Bedienung nach einem gespendeten Kaffee zu fragen. Ist die Scheu einmal abgelegt funktioniert es gut. Dabei gibt es Cafés, die das Thema variieren, bieten nicht nur Kaffee, sondern auch aufgeschobene Kuchenstücke oder Sandwiches an. Angezeigt werden bereits vorfinanzierte Getränke oder Snacks an einer Tafel oder es gibt ein Glas, aus denen man sich Gutscheine nehmen kann.

Es klingt nach wenig, bedeutet aber viel. Für einige bedeutet es, dass sie ein Stück Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zurückbekommen, eine Teilhabe, die sie wegen schmaler Renten oder spärlicher Hartz-IV-Leistungen verloren haben. Wer es sich leisten kann gibt einen aus, wer arm am Beutel ist lässt sich von einem Unbekannten einladen. Und auch der Spender hat etwas davon. Denn mit dem Wissen jemandem eine Freude zu machen schmeckt der eigene Kaffee gleich nochmal so gut.

Pressefoto Glas und Tafel 1

In München nehmen am Programm von Suspended Coffee Germany teil: Nena’s Café, Planegger Straße 1, Onofrio’s, Heimeranstraße 32 und der Alkoholfreie Treffpunkt, Dachauerstr. 29. Infos über aufgeschonene Kaffees in Deutschland gibt es unter suspendedcoffee.de, für Österreich gibt es die Webseite sospeso-bohnuskaffee.at, suspendedcoffees.com ist die internationale Seite von John Sweetny.

 

Bildrechte: Suspended Coffee Germany, Quellen: Suspended Coffee Germany, sospeso-bohnuskaffee.at, suspendedcoffees.com, Wikipedia.

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