Das Lokum-Mädchen

Der Sommer klebt im Mai schon an den Hauswänden der Baščaršija, der Altstadt Sarajevos. Es riecht nach gegrilltem Fleisch, aus einem der kleinen Läden tönt Balkan-Pop ungerührt weiter, während von den Minaretten zum Gebet gerufen wird. Massen von Touristen schieben sich zusammen mit ebenso vielen Einheimischen durch die schmalen Gassen. Auf einer Bank neben der Bosanska Kafana Behar sitzen vier Greise und lassen die Karawane an sich vorbeiziehen. Hier, in einem der ältesten Cafés der Stadt gehört es übrigens zum bosnischen Kaffee dazu, das Lokum. Ein kleiner, bunter und meist in Puderzucker gewälzter Würfel.

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In der Bravadžiluk zwischen der Vijećnica, der im Krieg ausgebrannten und inzwischen renovierten Nationalbibliothek und der Moschee Baščaršijska džamija liegt die Slatki Butik Vijecnica, wo man eben dieses Rahat Lokum in allen Farben, Geschmäckern und Variationen erwerben kann. Wobei: schmecken tut das Lokum eigentlich vornehmlich süß. Kein Wunder, ist es doch nichts anderes als fest gewordener Sirup mit Stärke. Damit passt es aber ideal zum herben Mocca des Balkans.

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Nachts, wenn die Musik der Bars und Restaurants verstummt und die Hitze des Tages von den Steinmauern abblättert wie alte Farbe, dann brennt immer noch Licht in der Slatki Butik. In dem hell erleuchtetem Laden, in dem es neben dem Lokum auch Eis und Halva gibt, hält eine junge Studentin die Stellung. Viel wird es nicht sein, was sie da verdient, aber es sind Semesterferien und jeder versucht etwas zu verdienen. Sie spricht gutes Englisch und ich kaufe einen Schwung bunte Würfel. Sie packt meine Auswahl auf die Wage – bezahlt wird nach Gewicht – und es mach 4,60 KM, etwa 2,30 Euro, nicht viel Geld für uns, aber in Bosnien bekommt man davon ein kleines Abendessen. Ich sage so etwas wie, „Danke, fünf bitte“ und sie macht die Papiertüte wieder auf um noch ein paar Stücke Lokum dazu zu packen und ich meine, nein, der Rest sei Tipp. Sie schenkte mir dafür das bezauberndste Lächeln, dass man sich für 40 Fening vorstellen kann.

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In der Nacht vor meiner Abreise konnte ich nicht anders, als ihr noch einen Besuch abzustatten. Diesmal sollte es ein größerer Einkauf werden, schließlich musste der Vorrat eine Weile halten. Wir brachten es auf einen Warenwert von etwa 20 KM, konvertibilna marka, an die Höhe des Trinkgeldes kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie war der Meinung, dass in meinem Fall eine Papiertüte nicht mehr angemessen sei und verfrachtete meine Süßwürfel in eine repräsentativer Pappschachtel und diese dann wiederum in eine Papiertüte. Und auch das Lächeln huschte wieder über ihr Gesicht.

Der Vorrat ist längst aufgebraucht. Wenn ich wieder nach Sarajevo komme werde ich nach dem Rahat-Lokum-Mädchen sehen müssen…

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