Café-Sterben: ist Schwabing noch zu retten?

Ein Reporter der Münchner Abendzeitung machte sich auf Spurensuche. „Stirbt das alte Schwabing“, titelte die AZ in ihrer Wochenendausgabe. Ein willkommener Anlass für CoffeeNewsTom einmal ein Résumé zu ziehen. Beziehungsweise die Frage zu stellen: Was ist eigentlich noch übrig, vom alten Schwabing?

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Die Liste verlorener Lieblingsorte ist lang: das Bongoûtim Cita 2000, das Extrablatt von Michael Graeter, das la Coupole hinterm Marmorhaus, das Kino Marmorhaus selbst. Was noch unter „der Zahn der Zeit“ oder „der natürliche Lauf der Dinge“ verbucht werden könnte, nimmt heute dramatische Züge an. Ein Kahlschlag war der Abriss des Blocks mit dem Metropol Kinos. Das Flatbush, Mama’s Kebab Haus, *ecko unltd., die Chillout Lounge, Willi’s Playhouse und die legendäre Kneipe „Schwabinger 7“ fielen dem Getrifizierungswahn 2009 gleich mit zum Opfer.

Dieses Jahr erwischte es unter anderem das Adria in der Leopoldstraße und die Musikkneipe Podium. Das ehemalige Café Schwabing eröffnet neu – als Neuhauser Schwabing und Pizzeria! Parallelen zu Münchens ältestem Kaffeehaus, dass jetzt ganz soft als Edel-Pizza-Bude eröffnet und irreführender Weise den alten Namen Tambosi behält, sind rein zufällig.

Lieblingsorte vergehen – neue Lieblingsorte entstehen? Wenn dem nur so währe! Als Paradebeispiel mag das neue Rialto herhalten. Mit der Bäckerei-Kette Rischart hat es die Café-Legende noch recht gut getroffen. Es hätte ja auch eine Bäckerei-Müller-Filiale Rialto werden können. Oder ein McCafé Rialto. Trotzdem wird aus einem Backshop nur mit einem klangvollen Namen kein Café. Eiskaffee im Selfservice und Plastikbecher unterstreichen diese Aussage nur.

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Mit jedem alteingesessenen Café, dass zum Backshop umfunktioniert wird, mit jedem Kaffeehaus, dass zur Pizzeria degeneriert – und mag sie noch so edel sein! – stirbt ein Stück Münchner Kaffeekultur. Mit jedem Starbucks oder irgendeinem anderen Vertreter amerikanischer Kaffee-Ketten, verschwindet ein Stück urbaner Individualität und Einzigartigkeit. Diese Café-Klone sind einander zum Verwechseln ähnlich, egal ob in London, Paris oder Wuppertal! Und das Potential zum Lieblingsort haben sie wohl eher nicht.

Das „Rialto“ ist jetzt austauschbar mit jeder anderen x-beliebigen Bäckereifiliale. Das Neuhauser Schwabing hätte ruhig in Neuhausen bleiben können. Vom Italiener um die Ecke unterscheidet es sich nur eh durch die Frühstückskarte. Und da, wo die Pizza hingehört, nämlich bis drei Uhr früh im Adria an der Leopoldstraße – ein Refugium für Taxifahrer, Nachtschwärmer und gestrandete Touristen – hätte man sie lassen sollen!

So betrachtet muss man sich also nicht fragen, ob Schwabing stirbt. Die Frage muss lauten: Hat Schwabing noch eine Überlebenschance? Das Absterben von Lieblingsorten sollte ein Alarmsignal sein. Kaffee-Ketten schaffen nicht nur unser Geld ins Ausland, sie zerstören mit ihrer Austauschbarkeit auch das Flair jedes Stadtteils. Erst wenn das letzte Café ein Backshop, das letzte Kaffeehaus eine Pizzeria oder ein Flagship-Store geworden ist, dann werden wir begreifen, dass man Lieblingsorte nicht klonen kann!

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