Bosnian special: Warum eigentlich der Balkan, Herr Tom?

Vor etwas mehr fünfzehn Jahren saß ich an einem Sonntagmorgen im Taxi und hörte B5 aktuell. Es war Pfingsten und die BR-Korrespondenten brachten ihre Radio-Features, halbstündige Radioreportagen, die Sahnestücke, das Salz in der Suppe, die Momente, die aus dem journalistischen Arbeitsalltag herausragen. Der Balkan-Korrespondent berichtete über Srebrenica, eine kleine, unwichtige Provinzstadt, die einmal im Jahr zum Zentrum des medialen Interesses wird, nämlich immer dann, wenn der Jahrestag des Massakers begangen wird. Das einzige Hotel des Ortes ist dann ausgebucht. Doch der Hotelier hatte weder Kosten noch Mühen gescheut um den angereisten Presseleuten einen damals in dieser Region unglaublichen Service zu bieten: Internet.

Da wollte ich hin. In einem Leben davor hatte ich zehn Jahre lang Versicherungen gedealt und war schließlich an den Kosten eines eigenen Ladenbüros zugrunde gegangen. Finanzamt und Gläubiger taten ihr übriges und ich rettete mich ins Taxi. Es dauerte trotzdem Jahre bis ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Das Taxi, insbesondere mein Taxi-Chef, haben einen Großteil dazu beigetragen und mein Anwalt, dem es gelang die schlimmsten Folgen von mir abzuwenden. Mit knapp vierzig stellte ich mir die Frage, ob das nun wirklich schon alles war. Wenn es nun eh egal war und ich ganz von vorne anfangen müsste, dann könnte ich auch etwas machen, was ich schon in meiner Jugend werden wollte. Und ich begann ein journalistisches Fernstudium.

Srebrenica, genauer gesagt Potocari, sollte mein erster Auslandseinsatz sein. Auf eigene Rechnung natürlich. Mit dem Gastarbeiter-Bus 15 Stunden nach Sarajevo, eine Unterkunft gesucht für zehn Euro am Tag, am nächsten morgen, wieder mit dem Bus, nach Potocari. Ich habe keine Zeile verkauft von dieser ersten Reise aber ein Abenteuer erlebt, mit verschwundenen Bussen, inexistenten Fahrplänen. Ich habe das erste Mal bosnischen Kaffee getrunken, Cevapi in der Baščaršija gegessen, Drina geraucht, mich in die Stadt Sarajevo und das Land verliebt und viele nette und hilfsbereite Menschen getroffen. Und – per Zufall – meine erste CD von Dino Merlin gekauft, eine Raubkopie natürlich. In den folgenden Jahren war ich mit Norwegian People’s Aid auf Landminensuche im Distrikt Brčko, habe mit Sam (Semir) Osmanagić die bosnischen Pyramiden bewundert, bin mit der Bahn von Sarajevo über Mostar nach Ploče gefahren – eine der schönsten Bahnstrecken der Welt! – war in Belgrad, Zenica, Doboj und immer wieder in Sarajevo.

Der Balkan und seine Menschen hat mich nicht mehr losgelassen. Doch zu Sarajevo-Reisen fehlte plötzlich die Zeit. Ich fand mich im stressigen Medien-Alltag wieder und im Zustand ständiger Überforderung. Mit meiner Spezialisierung auf Taxithemen hatte ich eine nachgefragte Nische gefunden, aber eine ohne großartige finanzielle Aussichten. Das machte ich mit, bis es nicht mehr ging und mich meine Gesundheit, die offenbar schlauer ist als ich, dazu zwang mein Leben zu ändern. Monatelang war ich nur von einem taxirelevanten Event zum nächsten getingelt, hatte einen täglichen Ausstoß von über 10.000 Zeichen, hatte teilweise über Monate hinweg ohne einen freien Tag durchgearbeitet. Plötzlich ging nichts mehr. Ein Abgrund tat sich auf.

Gut, dass ich noch das Taxi hatte. Ein fester Tagesablauf kann helfen. Dann stolperte ich über einen Blogeintrag meines geschätzten Taxi-Kollegen Reinhold Siegel, den er im März 2012 über mich verfasst hatte. Dort heißt es:

„Eine seiner Faibles ist der Balkan. In dem Gemisch von Nationalitäten und noch mehr Staatsangehörigkeiten, einer handvoll Religionen und noch mehr Glaubensbekenntnissen, inmitten der gelebten Kulturen fühlt er sich zuhause. Das hört man wenn man mit ihm spricht, das sieht man wenn man seine Texte kennt und das richt man wenn er seinen Knaster raucht. Ich weiß nicht woher seine exotischen Zigaretten kommen, aus Bosnien oder aus Herzegowina, aber ganz sicher von irgendwoher aus dem Balkan. Zwischen den tatsächlichen Minenfeldern und den Minenfeldern aus Fettnäpfchen, in die jeder zumindest das erste Mal  stolpert, wenn er nicht mindestens sechs Semester Slawistik in Wien studiert hat, fühlt er sich wohl.

Tom fliegt dabei nicht mit der Lufthansa oder JAT, sichert sich kein Basishotel, akkreditiert sich nicht  mit seinem neuen Presseausweis bei der deutschen Botschaft, wendet sich nicht an den Local Support – nein, Tom mag es nicht so einfach. Kompliziert, sich nicht auf den ersten Blick erschließend muß es sein, wie der Balkan eben. Er reist mit Bus und Zug, vertraut sich unseren Taxikollegen an. Und das kann uns nur gefallen, denn so findet er das, auf das wir neugierig sind.

Ich sehe ihn im Geiste vor mir. Er sitzt am Tisch im Schatten eines Kaffees im Hof eines Busbahnhofs in Bosnien. Genausogut könnte es auch in Serbien, Herzegowina oder Montenegro sein. Vor ihm steht ein Mokka in einer kleinen Tasse mit verwaschenem Aufdruck. Er raucht seine exotischen, in diesem Falle, heimischen, Zigaretten. Welche verschlungenen Wege seine Zigarettenpackungen wohl gegangen sind, bis er sie in München in seiner Jackentasche findet. Er blickt auf die bunten Busse mit  kyrillischen oder lateinischen Buchstaben. Sein typisches Käppi hat er jetzt wieder auf. Hier spürt er seine nächste Story auf. Und wir wollen sie lesen. Nicht nur im Blog.“

Da wusste ich auf einmal, was ich zu tun hatte. Ich packte meine Sachen, bestellte mein Busticket nach Sarajevo und Reservierte ein Zimmer genau in der Pension, in der ich schon vor zehn Jahren abgestiegen war. Ach ja – und ich startete diesen Blog!

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3 Gedanken zu “Bosnian special: Warum eigentlich der Balkan, Herr Tom?

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